Tiefstes Mittelalter in Braunschweig

31. Juli 2008

ortsschild_mittelalter.pngAm Sonntag, dem 20. Juli, war es wieder soweit: mittelalterlicher Markt in Braunschweig vor der traumhaften Kulisse des Burgplatzes mit dem Braunschweiger Löwen in seiner Mitte, im Schatten des gewaltigen Domes, erbaut vom legendären Heinrich dem Löwen. Der Burgplatz als Zentrum allen Handelns und Strebens der Menschen der historischen Löwenstadt. So wird das Mittelalter wieder lebendig: Mehr als 140 Akteure verwandelten den Burgplatz in eine Welt aus längst vergangener Zeit. Und ich mittendrin.


mittelaltermarkt_13.jpg Der 23. Mittelalterliche Markt lud also ein zur Zeitreise. Der Eintritt betrug vier Euro, Kinder unter Schwertmaß (1,38m) hatten freien Eintritt. Handwerksmeister, Gaukler, Musikanten, Vaganten, Rittersleut und Henker versetzten die Besucher zurück ins Mittelalter. So kündigte sich das historische Spektakel selbst an: “Burg Dankwarderode hat wieder gern gesehene Gäst, wenn auch zungewohnter Zit. Von fern schon grüßen der Ritter bunte Zelte. Die Handwerksmeister und Meisterinnen gehen ihrem Gewerke nach, Schankwirte lassen kühles Nass in Strömen fließen und die Garköch verwöhnen Euren Gaumen mit feinsten Spezereien denn Markt und Festtag sull wiederum gehalten sein.” Na, das läßt doch die Erwartungen in die Höhe treiben! Ein Blick ins Programm (PDF): Der Markt begann mit dem Signum, es folgte die feierliche Markteröffnung, der Tanz der Marktleute, das Turney der Kindelein, der Totentanz, der grandiose Gaukelgipfel, die Pest, des Henkers Meisterstück, das Glücksrad, der Ruf der Nachtwächter, Musenkuss und Schluss.

mittelaltermarkt_16.jpgmittelaltermarkt_17.jpgNachdem ich meinen Obulus geleistet hatte, um den bunten mittelalterlichen Markt betreten zu dürfen (ich überschreite knapp das Schwertmaß), roch ich schon das frische Brot, das aus den dampfenden Öfen direkt am Eingang gezogen wurde, dazu die vielen weiteren exotischen Leckereinen, die an den Ständen feil geboten wurden. Süffiges Met wurde aus festen Tonkrügen genossen, richtig zünftig. Wie es sein sollte. So schritt ich denn über den Markt und bewunderte die Schausteller in ihren bunten Kostümen.

mittelaltermarkt_11.jpgmittelaltermarkt_9.jpgmittelaltermarkt_10.jpgStand reihte sich an Stand, mittelalterliche Handwerkskunst zum Anschauen und Kaufen. Viele dunkle Gestalten reihten sich unter die Besucher. Freunde der Gothic-Szene lieben das Mittelalter und Mittelalter-Musik. Mitunter war nicht immer klar zu erkennen, wer Schausteller und wer Besucher war. Auch eine sehr authentisch wirkende Bettlerin schlurfte durch das Publikum, um den ein oder anderen Taler für eine warme Mahlzeit zu erschnorren. Sie sagte auch immer brav ihr Sprüchlein auf. Damals hatten die Bettler noch Manieren.

mittelaltermarkt_6.jpgEin bedrohlich wirkender Galgen war am Rande der Burg aufgebaut, doch an diesem Wochenende mußte niemand den Strick fürchten. Doch vielleicht den Pranger. Die gab es nämlich an jeder Ecke und waren als Fotomotiv sehr beliebt. Welche Ehefrau oder -Mann träumt nicht manchmal insgeheim davon, seinen Partner an eben diesen gestellt zu sehen! Zudem schlich Grause Rüdiger der Henker mit seinem scharf gewetzten Hackebeil durchs Publikum und beäugte sein nächstes Opfer. Niemals habe ich jemanden mit finsterem Blick gesehen!

mittelaltermarkt_3.jpgmittelaltermarkt_15.jpg Doch eigentlich ging es auf dem Burgplatz sehr lustig zu. Der Schmied hämmerte fortwährend auf seinem Stück glühenden Stahl, seine zwei jungen Gesellen taten es ihm konzentriert nach. Die Kinder angelten mit einem Speer nach aufgehängten Ringen, während sie auf einem am Seil gezogenen Holzpferd saßen. Allerhand weiße Spitzzelte wackerer Rittersleut waren aneinander gereiht und gewährten den neugierigen Besucher hinreichend Einblick in das Leben früherer Zeiten. Schwerter und Wappen waren im Inneren aufbewahrt, weiche Betten sorgten für Gemütlichkeit. Was muß das doch aufregend gewesen sein damals!


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mittelaltermarkt_1.jpgAn der Nordseite des Burgplatzes, wo sich ein schönes Fachwerkhaus an das nächste reiht, befindet sich der Durchgang zum Innenhof der Braunschweiger Handwerkskammer. Dort waren das Zelt des Medicus und der Handleserin aufgestellt, welche an diesem Wochenende alle Hände voll zu tun hatte. Auf einem hölzernen Podest stand ein buntes Glücksrad, das von einem noch bunter gekleideten Gaukler in Bewegung versetzt wurde. Zu gewinnen gab es kleine Holzschwerter und Zauberstäbe, mit welchem der Gaukler einen Besucher in einen Hund verwandelte, welcher daraufhin bellte. Ich schwöre!

mittelaltermarkt_4.jpgmittelaltermarkt_5.jpgDirekt vor der Burg befand sich die große Bühne, auf der die Gruppe Krless mittelalterliche Klänge ertönen ließ, zu denen das bunte Volk fröhlich tanzte. Ungewöhnliche Klänge, aber doch schön anzuhören. Es geht auch etwas ruhiger und weniger laut. Von den heiteren Melodien beschwingt, schritt ich erst einmal Richtung Ausgang und holte mir einen Stempel ab, um später den Markt ein weiteres Mal betreten zu dürfen. Ich wollte nämlich der persönlichen Führung Gerd Biegels durch sein Landesmuseum beiwohnen und die Uniform des Schwarzen Herzogs bewundern, deren Einschußlöcher durch den Orden verdeckt waren.

mittelaltermarkt_14.jpgAls ich zurückkehrte, spielte gerade die Dudelsack-Truppe Fabula auf, es war nicht zu überhören. Der rasante Rhythmus der Trommeln und das eindringliche Gejaule der Dudelsäcke brachte die Masse zum Toben. Lauter schwarze Gestalten tanzten sich vor der Bühne in Ekstase, selbst Stage-Diving durfte hier nicht fehlen. Mittelalter-Hardrock vom Feinsten! Auch damals wußte man schon zu Feiern. Die drei Jungs von Fabula heizten die Menge mit ihren freien, schwitzenden Oberkörpern gehörig ein.

mittelaltermarkt_12.jpgmittelaltermarkt_2.jpgAm späten Nachmittag dann wurde auf der Bühne vor der Burg die Fanfare geblasen, auf äußerst witzige Art und Weise. Der Fanfarenbläser war zudem ein ausgezeichneter Jongleur, der in wildester Akrobatik seine knallroten Bälle in die Höhe schleuderte und zielsicher wieder auffing, während die Gruppe Krless ihn musikalisch beleitete. Der Henker durfte die Geschichte vom Scharfrichter von Braunschweig erzählen, der sich einst gegen seine beiden Mitbewerber durchsetzte, indem er seine Kunst an ihnen ausprobierte. So hatte die Stadt Braunschweig keine andere Wahl, als ihn zu nehmen.

mittelaltermarkt_8.jpgmittelaltermarkt_7.jpgUnd zum Schluß durfte ich noch einem echten Wunder beiwohnen. Ein wuchtiger Koloß betrat mit schwerem Schritt die Bühne und kündigte an, die heilige Jungfrau Maria erscheinen zu lassen, wenn er es dann schaffen sollte, sich selbst ausreichend in Ekstase zu versetzen. Die Gruppe Krless ließ ihre Musik ertönen, die bald immer schneller und lauter wurde. Der Koloß begann mit sanften Hüftschwüngen, die sich schnell in ruckhafte Bewegungen verwandelten, bis er auf der hölzernen Bühne so kraftvoll auf und ab sprang, daß mir angst und bange wurde, sie könnte bald einstürzen. Währenddessen begann sich der Koloß nach und nach zu entkleiden. Schließlich kauerte er auf dem Boden und wackelte mit seinem gewaltigen Hintern in Richtung des Publikums, um sodann zum Kopfstand anzusetzen. Als ihm dieser gelang, rutschte sein Hemd herunter - und allen erschien die heilige Jungfrau Maria, wie unschwer auf dem neben stehenden Beweisfoto zu erkennen ist! Nach diesem unvergeßlichen Erlebnis begab ich mich lieber auf den Heimweg, denn das mußte ich erst einmal verdauen.

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Gerd Biegel zeigt sein Museum - und ein Unfall passiert

31. Juli 2008

ortsschild_landesmuseum.pngAm Sonntag, den 20. Juli, nahm ich an einer Museumsführung der ganz besonderen Art Teil. Der honorige Prof. Dr. h.c. Gerd Biegel, seines Zeichens Direktor des Braunschweiger Landesmuseums, ließ es sich nicht nehmen, für die geringe Gebühr von einem Euro an Braunschweigs Geschichte Interessierte durch sein Museum zu führen, seine liebsten Schätze zu zeigen und Räume zu öffnen, die dem Besucher für gewöhnlich verschlossen bleiben. An diesem “Museums-Sonntag” hatte ich vorher den mittelalterlichen Markt auf dem Burgplatz besucht, machte dann aber einen kleinen Abstecher ins Landesmuseum.


Zeitschien_5.jpg Trotz Mittelaltermarkt und sonnigen Temperaturen nahmen insgesamt 200 Besucher an den drei Führungen von Gerd Biegel teil. Nebenstehendes Bild zeigt Herrn Biegel übrigens bei der Eröffnung der Braunschweiger Zeitschiene. Wer Herrn Biegel kennt, weiß um seine eindrucksvolle und extravagante Erscheinung, sein charismatisches Auftreten und seine klangvolle, laute Stimme, seinen launigen Humor. Dies sollte alles andere als ein langweiliger Museumsbesuch werden. Zur nachmittäglichen Führung waren ungefähr achtzig Personen erschienen, größtenteil vom älteren Semester, nur einige wenige Kinder. Da habe selbst ich mich wieder jung gefühlt. Herr Biegel wies zu Beginn seiner Einführung darauf hin, daß während der etwa anderthalbstündigen Führung eine Vielzahl von Treppen zu überwinden seien, Wege, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind und deshalb durchaus beschwerlich sein können. Wie es sich auch zeigen sollte.

Als erstes führte Gerd Biegel seine Besucher in die Metallrestauration. Wir versammelten uns in einem kleinen Raum, einige Besucher mußten den Worten des Direktors aus der Tür heraus lauschen. Der Raum beinhaltete einige Werktische, und in der Mitte stand ein Tisch mit riesigem Mikroskop. Auf Regalen stapelten sich etliche Büsten und andere Restaurationsstücke. So begann unsere Entdeckungsreise nach dem Motto: “Sammeln, Bewahren, Erforschen und Vermitteln”. Der Direktor nahm exemplarisch eine alte Pistole in die Hand und erklärte die vielfältigen Aufgaben eines Restaurators, der eine langjährige Ausbildung in Kauf nehmen und eine sehr idealistische Einstellung zu seinem Beruf haben muß, um irgendwann zu einem Spezialisten zu werden. Die kleinen Kellerfenster, die auf den Burgplatz zeigen, werden absichtlich nicht verdeckt, damit die Menschen einen kleinen Einblick in die Arbeit eines Restaurators bekommen können. Und Uhu ist übrigens das beste Mittel, um z. B. zerbrochene Teller wieder zu kitten.

Daraufhin ging es in die Dauerausstellung im Vieweg-Haus, welche die Geschichte vom 8. Jahrhundert bis hin zur Gegenwart widerspiegelt. Das Braunschweigische Landesmuseum umfaßt vier Häuser, das älteste jüdische Museum der Welt hinter Ägidien, eine Dauerausstellung zur Ur- und Frühgeschichte in Wolfenbüttel, das Bauernhaus-Museum in Bortfeld und natürlich das Vieweg-Haus am Burgplatz. Das BLM wurde am 1891 als „Vaterländisches Museum für Braunschweigische Landesgeschichte“ gegründet und befand sich damals in der Straße Hagenscharrn. Grundstock bildete eine umfangreiche Sammlung von Ausstellungsstücken, die anlässlich einer Erinnerungsausstellung an den „Schwarzen Herzog“, Friedrich Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg, im Jahr 1890 zusammengetragen worden waren. Seit 1986 befindet sich das BLM nun im Vieweg-Haus und wird seitdem von Herrn Biegel geleitet.


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Dann versammelten uns vor einer großen Glasvitrine, in der die dunkle Uniform des berühmten Schwarzen Herzogs, einem der größten Braunschweiger Persönlichkeiten, ausgestellt wurde. Als die Uniform für die Neueröffnung 1986 restauriert wurde, bereiteten die Löcher in der Uniform dem Direktor Kopfzerbrechen. Man dachte an Mottenfraß. Deshalb wurde der Orden ein wenig nach unten positioniert, um das Loch zu bedecken. Erst später wurde ihm klar, daß es sich bei den Löchern um die Einschußlöcher der Patronen handelt, die dem Schwarzen Herzog auf dem Schlachtfeld bei Quatre-Bras in Belgien am 16. Juni 1815 tödlich verwundeten. Gerd Biegel betonte, daß er diese besonderen Ausstellungsstücke Braunschweigischer Geschichte nie wieder erklären werde, wenn sie denn eines Tages nach Hannover wandern sollten, und spielte dabei auf den schwelenden Museumsstreit zwischen Braunschweig und Hannover an. Niedersachsens Minister für Wissenschaft und Kultur, Lutz Stratmann, will das Braunschweigische Landesmuseum einem neu zu gründenden Institut für Archäologie und Baudenkmalpflege unterstellen. Dabei soll das Braunschweigische Landesmuseum einen Schwerpunkt Archäologie erhalten. Der Präsident des neuen Instituts wird damit gegenüber dem Landesmuseumsdirektor Gerd Biegel weisungsbefugt. Bisher war Herr Biegel direkt dem Minister unterstellt. Doch Gerd Biegel gab sich gelassen und nahm es mit Humor.

mittelaltermarkt_18.jpgAnschließend präsentierte er noch stolz die einzige Wachsmaske Friedrichs des Großen, nach der vor Jahren Berlin die Finger ausgestreckt hat. Doch so schnell läßt sich Gerd Biegel seine besten Stücke nicht unter der Nase wegschnappen. Nun ging es mehrere Treppen hinauf ins vollklimatisierte Magazin. Und da passierte es. Eine ältere Dame bekam auf halbem Wege einen Schächeanfall und stürzte. Der aufgeregte Herr Biegel kümmerte sich sogleich um die Dame, besorgte ihr ein Glas Wasser und wollte einen Notarzt rufen. Wir Besucher warteten derweil in dem langgestreckten Magazin mit seinen tresorhaften Regalen. Zuerst wollte der Direktor die Führung abbrechen und zu einem späteren Termin nachholen, doch nach einer Weile erholte sich die Dame, und die Führung ging weiter. So zeigte Gerd Biegel einige Gegenstände aus dem Nachlaß von Victoria Luise, der letzten Braunschweigischen Herzogin, die ihre letzten Lebensjahre in Riddagshausen verbrachte. Da war zum Beispiel eine Glückwunschkarte aus Hannover zur Vermählung im Jahre 1913 mit Prinz Ernst August III. von Hannover. In diesem Fall hatte Gerd Biegel gegen Post aus Hannover nichts einzuwenden.

Nun ging es noch kurz in die Bibliothek und dann wieder ganz nach unten in den Hörsaal, wo der Direktor noch an das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 erinnerte. Er erhielt Nachricht, daß die ältere Dame die Besucher grüßen und sich für die Verzögerung entschuldigen möchte. Es ginge ihr wieder besser und sei schon wieder ganz gut zu Fuß, jetzt auf dem Wege nach Hause. Die wenigen anwesenden Jugendlichen bat der Direktor im Anschluß an die Kasse in der Eingangshalle, wo er sie mit Bastelbögen oder Ähnlichem beschenkte. Das konnte ich aus der Entfernung nicht genau erkennen. Jedenfalls hat Herr Biegel vollen Einsatz gezeigt, um die Braunschweiger Bürger für sein Museum und ihre Geschichte zu interessieren und hatte damit vollen Erfolg.

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Von Braunschweig mit dem Rad über die Dörfer nach Langenhagen-Kaltenweide

15. Juli 2008

ortsschild_bs-h.pngDas wollte ich schon immer mal machen, mit dem Rad von Braunschweig nach Hannover fahren. Nun habe ich mir eine detailierte Radwander-Karte aus dem Internet gefischt und machte mich auf den Weg. Pünktlich zum Start der diesjährigen Tour de France, wo die Fahrer allerdings 198 Kilometer zurück legen durften, radelte ich an einem sonnigen Samstag Morgen los und begnügte mich mit läppischen 80 Kilometern. Ich begann um elf Uhr und endete pünktlich um 18 Uhr nach einer gemütlichen Spazierfahrt zum Junggesellenabschied eines guten Freundes in Langenhagen-Kaltenweide.


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Ich fuhr nicht, wie auf der Karte vorgeschlagen, über das innenstadtnahe Lehndorf, Lamme und Wedtlenstedt, sondern wählte die Route ausgehend vom Timmerlaher Busch in der Weststadt über den Raffturm auf die B1 mit sicherem Radweg über Denstorf bis zum Ortseingang von Vechelde, von wo ich rechts nach Vechelade abbog, womit ich wieder auf der vorgeschriebenen Route anlangte. Von Vechelade aus ging es über eine kleine Landstraße weiter ins beschauliche Wahle und von dort nach Sierße. Dort in der Nähe sieht man die berühmte kleine Kirche, die man gut aus dem Zug auf der Strecke Braunschweig-Hannover sehen kann.

bs_h_rad_14.jpgbs_h_rad_13.jpgVon Sierce aus radelte ich weiter auf die B65 nach Schmedenstedt. Dies war der am wenigsten angenehme Teil der ganzen Strecke, weil die Straße doch sehr befahren war. Nach fast zehn Minuten mußte ich nach links abbiegen mußte. Den Namen Schmedenstedt hatte ich zuvor nie gehört, aber ich fand es sehr schön dort. Viele kleine verwinkelte Gassen mit alten Häusern und Bauernhäusern. Wie in der Karte beschrieben, fuhr ich über den Sierßer Weg in die lange Smidestidte, die Dorfmarkstraße und zum Forsthaus. Dort kam ich das erste Mal ins Grübeln, weil mich der Weg nun über weite Felder und ein kleines Waldstückchen nach Groß Ilsede führen sollte. Aber war es auch der richtige Weg? Feldwege sind selten ausgeschildert…

bs_h_rad_1.jpgIch fragte eine Mutter am Wegesrand, deren Kinder gerade unter einen Zaun hindurchkrochen, ob dies der richtige Weg nach Groß Ilsede wäre. Er war es. Diese Frage sollte ich an diesem Tag noch des öfteren stellen müssen. Gerade, als ich den Schotterweg Richtung Wald fuhr und in diesen einbiegen wollte, traf ich in der Kurve auf eine Gruppe von vielleicht 50 Radfahrern, die offensichtlich den selben Weg wie ich gewält hatten. Da viele Kinder dabei waren, verringerte sich mein Tempo dramatisch, an dem schleichenden Drahtesel-Bollwerk kam ich nicht vorbei. Aber der Weg war nicht weit, und schon bald war ich in Groß Ilsede, mit 12.000 Einwohnern dem größten Ort, den ich auf meiner heutigen Tour besuchen sollte.

bs_h_rad_12.jpgbs_h_rad_11.jpgDort fuhr ich einmal komplett runter durch den Ort, holte mir Erfrischungsgetränke im Penny an der Ecke Dorfstraße und radelte weiter über die Bahngleise, bis ich auf das direkt angrenzende Ölsburg stieß, dessen lange Hauptstraße ich zügig bewältigte. Dann kam auch schon Groß-Bülten, und endlich landete ich in Groß-Solschen, wo ich zwei wunderschöne alte Kirchen entdeckte. In Klein-Solschen wußte ich nicht weiter. Die Landstraße führte mich nach Equord, wo ich aber gar nicht hinwollte. Also düste ich wieder zurück nach Groß-Solschen, wo ich einen netten Menschen traf, der mir erklärte, daß ich schon ganz richtig gewesen bin, aber eine Straße vorher links hätte einbiegen müssen. Das war der Stedumer Weg. Da wollte ich hin. Auf meiner Orientierungssuche entdeckte ich an der Gabelung einen Bauernhof, während Dutzende aufgescheuchter Hühner aus ihrem dunklen Stall auf mich zuschossen, der kampfesbereite Hahn vorneweg. Ich ging dann mal lieber.


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bs_h_rad_9.jpgVom winzigen Stedum, wo offensichtlich nur lauthals schreiende Ziegen wohnten, ging es weiter nach Bekum und nach Ohlum. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Autos gibt es hier noch nicht. Von Ohlum ging es weiter nach Harber, wo ich den Feldweg zuerst nicht ganz richtig wählte, ich hätte gleich nach rechts abbiegen müssen, so wurde ich auf dem sehr schlechten Weg ziemlich durchgeschüttelt. Dort befuhr ich den Lobker Weg auf dem Weg nach Groß Lobke. So groß war Groß Lobke nun auch wieder nicht, daß ich mich gleich weiter auf nach Wätzum machte. Die Strecke von Groß Lobke bis nach Bolzum bestand aus normalen, wenig befahrenen Landstraßen, mit bis zu zwei oder drei Kilometern Länge. Nach Wätzum kam Lühnde und dann endlich Bolzum.

bs_h_rad_8.jpgbs_h_rad_7.jpgbs_h_rad_4.jpgBolzum war toll. Dort entdeckte ich ein wunderschönes altes Rittergut, in dem am Abend eine große Veranstaltung stattfinden sollte. Auf den Straßen postierten sich bereits Feuerwehrleute, um den offensichtlich bald beginnenden Verkehrsstrom unter Kontrolle zu halten. Das Rittergut hatte einen großen Vorgarten, in dem allerhand schöne käuflich zu erwerbende Skulpturen zu bewundern waren. Dort hielt ich mich eine Weile auf, um Luft zu schnappen und Schnappschüsse zu machen. Aber schon bald ging es weiter nach Wehmingen, wo ich mich durch eine große Baustelle schlängeln mußte, und hatte schließlich wieder einige Kilometer Feldweg vor mir, bis ich endlich auf den lang ersehnten Mittelfeldkanal fuhr, der mich geradewegs nach Anderten bringen sollte.

bs_h_rad_3.jpgbs_h_rad_6.jpgbs_h_rad_5.jpgKurz vor Anderten stieß ich auf die eindrucksvolle Hindenburgschleuse, die für Besucher zugänglich ist und bei ihrer Einweihung 1928 die größte Binnenschleuse Europas war. Sehr spannend zu sehen, wie sich die Schleusen leeren und füllen, wie die Schiffe langsam die Schleuse passieren. Auch hier ließ ich einige Zeit verstreichen. Während es am Vormittag noch fast kühl gewesen ist, wurde es gegen Nachmittag richtig heiß. Aber ich hatte nur noch ungefähr eine Stunde Weg durch Hannover vor mir. Von Anderten fuhr ich eigentlich nur die Hauptstraße geradeaus durch Kirchrode und Kleefeld in Richtung Innenstadt. Am Pferdeturm bog ich rechts in Richtung Zoo, durchquerte die Bernadotte Allee und fuhr quer durch die List, meiner alten Heimat, bis ich die lange Vahrenwalder Straße erreicht hatte.

bs_h_rad_2.jpgbs_h_rad_15.jpgDiese führte mich direkt nach Langenhagen, wo ich hindurchfuhr, um Langenhagen-Kaltenweide zu erreichen, wo heute Abend ein lustiger Junggesellenabschied stattfinden sollte. Kaltenweide ist ein altes Dorf mit großen Bauernhöfen und einer Bockwindmühle. Ein junges Neubaugebiet hat die Einwohnerzahl des Ortes in den letzten Jahren dramatisch in die Höhe getrieben. Über den feucht-fröhlichen Abend hülle ich lieber den Mantel des Schweigens. Als ich am nächsten Morgen wieder frisch und munter aufs Rad stieg, um der Heimat entgegen zu radeln, beäugte ich ein wenig mit Sorgen erfüllt die dunklen Wolken über mir. In der List erwischte mich hinterlistig eine gewaltige Husche, doch ich konnte gerade noch so unter einen überdachten Hauseingang huschen, so daß mir nichts passierte.

Der weitere Rückweg war wenig ereignisreich, ich mußte auch nicht mehr nach den Weg fragen, Fotos hatte ich genug. Kurz vor Schmedenstedt jedoch wurde es wieder bedrohlicher. In Schmedenstedt dann begann es zwischen der Straße Duiwels Küke und der Kirche dermaßen zu pladdern, daß ich mich wieder gezwungen sah, einen Unterschlupf zu suchen. Den fand ich auch. Ein Autofahrer fragte mich nach einer Straße in Schmedenstedt. Ich kannte nur den Weg nach Hause. Nach einer halben Stunde wurde der Regen weniger, und ich konnte meine Tour fortsetzen. Hätte ich nicht eine halbe Stunde pausieren müssen, wäre meine Tour von Hannover nach Braunschweig nach viereinhalb Stunden zu Ende gewesen. In Braunschweig angekommen, schien schon wieder die Sonne.

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