Lehrreiches Vechelde
Heute berichte ich über meine erste Harz- und Heidelandwanderung. Man muß ja klein anfangen. Also ab nach Vechelde. Vechelde? Da ist doch der Hund begraben! Da gibt´s doch nichts zu sehen! Aber Hallo! In Vechelde hat dereinst der große Braunschweiger Herzog Ferdinand sein Lustschloß gehabt. Mit Barockgarten, jawohl! Vechelde ist historisch gewachsenes Braunschweiger Land. Erste urkundliche Erwähnung 973 als Fehtlon, 1145 als Vechtla, und um 1250 als Vechtelde. Doch dazu gleich mehr.
Erstmal ging´s über Timmerlah nach Klein-Gleidingen, das bereits zum Landkreis Peine gehört. Aber erst seit 1974. Bis dahin gehörte es zum Landkreis Braunschweig. Und wieder ein Stück Land verloren… Gleich hinter Klein-Gleidingen kommt Denstorf. Im Zentrum Denstorfs befindet sich die St.-Johannes-Kirche, die im 12. Jahrhundert errichtet wurde und die größte Kirche der Propstei Vechelde ist.



Nachdem ich auch dies bewundern durfte, erreichte ich hinter Dernstorf die Brücke über den Stichkanal nach Salzgitter, von der aus man die Schleusen sehen kann. Nach insgesamt fast zehn Kilometern Wanderung war ich auch schon in Vechelde angekommen und fand eine heruntergekommene und verlassene Tankstelle vor, die mich an amerikanische Filme erinnert hat, letzte Tankstelle vor der Wüste und so. Aber sonst ist Vechelde doch recht belebt. Wohnen ja immerhin 15.000 Menschen hier. Ich ging also die lange Hauptstraße, die Hildesheimer Straße, entlang, die bis zum Bahnhof am Ortsende führt und darüber hinaus.
Zur Linken erblickte ich schon bald das Bürgerzentrum, ein wuchtiges Backsteingebäude. Es besteht aus einem Gebäudeensemble des frühen 19. Jahrhundert mit späten Anflügen an den Klassizismus und aus dem ehemaligen barocken Schloßgarten.
Ende des 14. Jahrhunderts erbauten die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg hier eine Burg, an deren Stelle Herzog Rudolf August 1695 einen fürstlichen Landsitz errichtete. Seiner zweiten Frau Rosine Menten (“Madame Rudolphine”) ließ er in Vechelde ein Schloss erbauen; der Weg dorthin wurde zum “Madamenweg”.
Herzog Ferdinand (1721–1792) von Braunschweig und Lüneburg, ein Schwager Friedrichs des Großen, erwarb das Schloss Vechelde im Jahr 1767. Ferdinand, übrigens Mitglied in der Freimaurerloge, starb nach längerer Krankheit 1792 in seiner Residenz Vechelde.
Herzog Ferdinand ist ein großer Held im Braunschweiger Land. In Vechelde entdeckte ich im Schloßpark eine Büste Ferdinands und an anderer Stelle einen Gedenkstein. Beim Ausbruch des Siebenjährigen Kriegs 1756 führte der tapfere Herzog eine der drei in Sachsen einrückenden Heersäulen der preußischen Armee, besetzte Leipzig und brach am 13. September nach Böhmen auf. Bei dem Einrücken in Böhmen 1757 führte er die Vorhut und trug viel zum Sieg bei Prag am 6. Mai bei.
Aber nochmal kurz zum Schloß, das ja keins mehr ist. 1770 entstand vor dem Schloß ein Gittertor, das immerhin noch erhalten ist. Es diente von 1804 bis 1819 als Erziehungsanstalt, dazu gleich mehr, wurde Ende des 19. Jahrhunderts abgerissen und durch ein Amtsgericht ersetzt, heute Bürgerzentrum. Der Park blieb erhalten.


Auf meinem weiteren Weg durch Vechelde stieß ich auf das kleine Polizeigebäude und erkannte es sofort wieder. Als Junge bin ich einst mit meiner Mutter und meinem Bruder durch Vechelde gewandert, und in einem nahegelegenen Wald haben wir aufgebrochene Geldkassetten gefunden, die wir sofort zur Polizei gebracht haben. Da es damals plötzlich zu regnen begonnen hatte, waren die Polizisten so nett und hatten uns im Polizeiauto nach Hause gebracht.
Ich weiß das noch wie heute!
Schließlich erreichte ich den Bahnhof. In Vechelde kreuzen sich seit Alters her wichtige Handels- und Verkehrswege: Heute die Bundesstraße 1 nach Hildesheim, die Bundesstraße 65 nach Hannover und die Landesstraße 475 nach Salzgitter.
Und dann natürlich der Bahnhof! Dazu muß man sagen, daß man in der Braunschweiger Region neuen Ideen schon immer sehr aufgeschlossen gewesen ist. So war die 1838 eingerichtete Zugstrecke zwischen Braunschweig und Wolfenbüttel die erste Staatsbahn in Deutschland!


In Hannover war man da natürlich noch lange nicht soweit. König Ernst August I. von Hannover war skeptisch und wenig aufgeschlossen gegenüber technischen Neuerungen, man könnte fast sagen, rückständig. Deshalb schrieb Ernst August der Staatsbahn vor, in Hannover nur einen kleinen Bahnhof zu bauen und den Betriebsmittelpunkt und die ersten abzweigenden Strecken in Lehrte einzurichten. Ironie der Geschichte: später setzte man des Königs Denkmal vor den heutigen Bahnhof Hannovers. 1844 wurde dann die Strecke Braunschweig - Vechelde - Peine als letztes Teilstück der Verbindung Braunschweig - Hannover freigegeben.
Vor vielen Jahren bin ich noch regelmäßig mit dem Zug zwischen Braunschweig und Hannover hin- und hergefahren. Kurz vor Vechelde sah ich dann immer so eine kleine, süße Kirche auf freiem Felde. Wenn ich sie von Weitem sah, wußte ich, jetzt bin ich gleich Zuhause. Also wollte ich heute dieser Kirche einen Besuch abstatten und aus der Nähe betrachten. Ich schritt die Hildesheimer Straße hinter den Bahnschranken entlang, und nachdem ich ein Gewerbegebiet hinter mich gelassen hatte, erblickte ich schon rechterhand die kleine Kirche kurz vor Sierße. Dazwischen lagen allerdings meilenweit Felder. Ich bog schon bald in einen Feldweg nach rechts ein, in der Hoffnung, so direkt zum Ziel zu kommen. Doch weit gefehlt. Plötzlich war der Weg zu Ende. Kurzerhand stolperte ich über nicht enden wollende Zückerrübenfelder. Von einem weit entfernten Bauernhof vernahm ich wütendes Hundegebell. Der Bauer wird mich doch nicht entdeckt haben und mit der Schrotflinte auf mich zielen? Aber nichts passierte. Schließlich erreichte ich die Kirche kurz vor Sierße, die aber zu meinem Verdruß verschlossen war, das war Shice. Außer Spesen nichts gewesen. Also über die Landstraße zurück nach Vechelde und dann nach Hause.
Nun suchte ich aber noch nach einer netten Anekdote aus Vechelde. Als ich die Büste vom Erzieher Hundeicker im Schloßpark sah, dachte ich mir, der sieht so verschroben aus, der hat seine Schüler bestimmt gefoltert. Doch leider fand ich keine näheren Informationen. Als ich bei Yahoo nach “Hundeicker” gesucht habe, fragte mich die Suchmaschine: “Meinten Sie: Hundeficker?” Nein, meinte ich nicht. Obwohl, wenn ich mir diese Büste so anschaue…
Doch in meiner ersten Einschätzung Hundeickers sah ich mich schwer getäuscht. Als ich nun herausfand, daß der Mann nicht mit “ck” geschrieben wird und mit ganzem Namen Johann Peter Hundeiker heißt, konnte ich erfahren, daß dieser ein pädagogischer Reformer war, der in den Jahren 1803 bis 1819 im Vechelder Schloß ein “Philantropin” führte, eine Bauernschule für alle, eine “Schule der Menschenfreundschaft”. Er setzte sich für tolerantes Miteinander ein, förderte einen spielerischen und alltagsnahen Umgang schon beim frühen Lernen. Er war ein Anhänger des seinerzeit bekannten Schulfreformers Johann Bernhard Basedow, von dessen Methoden die “Zeit” glaubt, daß sie das schlechte Abschneiden Deutschlands in der Pisa-Studie hätten verhindern können.
Vechelde muß ein Nest gewesen sein für gute Lehrer. So kommt auch Heinrich Kielhorn (1847 - 1937) von hier. Er war ein Begründer der Sonderschulpädagogik in Deutschland. Seine Kritik galt dem damaligen Unterrichtsstil, des Auswendiglernens und des Abfragens sowie der Überfüllung der Klassen und der geringen Förderung leistungsschwacher Schüler. Er widmete sich der Erziehung schwach befähigter Kinder, betrieb wissenschaftliche Studien und wirkte in den schulpolitischen Diskussionen im Sinne einer Fürsorge für die Schwachbegabten.
Und da aller guten Dinge Drei sind, sei hier noch Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem erwähnt, eine führende Persönlichkeit der Bildungsgeschichte im Fürstentum Braunschweig. Natürlich hat er sich auch um das Schulwesen in Vechelde verdient gemacht, so daß ihm sein Förderer Ferdinand ein Denkmal in den Schloßpark gesetzt hat.
So, liebe Kinder, für heute haben wir genug gesehen und gelernt, jetzt könnt Ihr das Internet abschalten und ein bißchen ins Grüne gehen!
Na? Los doch! Abschalten!
Links zu Vechelde:
Stadt Vechelde Vechelde in Wikipedia
Bahnstrecke Braunschweig - Hannover in Wikipedia
Herzog Ferdinand von Braunschweig in Wikipedia
Zeitartikel über Johann Bernhard Basedow
Eine ganze Website mit Vechelde-Wetter
[kml_flashembed movie=”http://vechelde-wetter.de/flash/vw-banner.swf” height=”50″ width=”200″/]
Benötigt die Websites Ihres Ortes, Vereins oder Unternehmens einen neuen Anstrich? Dann lesen Sie hier!
Möchten Sie ihr Unternehmen auf harz-und-heideland.de vorstellen? Dann lesen Sie hier!
Schreib einen Kommentar!