Wernigerode - Die Alpha-Stadt im Harz
Über Wernigerode gibt es nicht viel Neues zu sagen. Kennt man alles schon aus Hochglanzprospekten. Alles ziemlich prächtig rausgeputzt hier. Ein Haus schöner als das andere.
Im Gegensatz zu Blankenburg gibt es hier keine kaputten Häuser. Oder fast nicht. Da muß man schon ein paar Straßen weitergehen. Aber das wird schon noch. Dann ist auch die letzte Lücke geschlossen.Auch Baulücken aus dem Zweiten Weltkrieg gibt es in Wernigerode nicht. Kein häßliches Nachkriegshaus zwischen all dem schönen, bunten Fachwerk.
Dieses Wunder ist dem Oberst Gustav Petri zu verdanken, der am 9.4.1945 den Befehl erhielt, Wernigerode zu verteidigen. Dies verweigerte er, wurde verhaftet und wegen „Landesverrat“ getötet. Von der Verweigerung und dem Zeitgewinn Petris ermutigt, übergaben drei tapfere Bürger Wernigerodes die Stadt kampflos den einmarschierenden Amerikanern, die Stadt blieb unberührt.
Hermann Löns nannte Wernigerode “die bunte Stadt am Harz”.
Da hatte er wohl recht. Blitzeblank und frisch gestrichen strahlen die Häuser um die Wette. Geblendet von dieser Schönheit reibt man sich verwundert die Augen. Hier ist es einfach nur schön.
Und doch ein bißchen unwirklich. Ich glaube in einer teuren Filmkulisse zu stehen, in der jedes Detail stimmt. Aber hier ist nichts aus Pappe. Alles echt. Und so sauber. Sogar die Pferdekutschen, die im Minutentakt durch die Innenstadt fahren, haben einen großen Bottich und Kehrschaufel dabei, falls die schweren Kaltblüter mal für kleine Ponys müssen.



Und über dieser märchenhaften Szenerie thront das noch märchenhaftere Schloß. Wo man auch langgeht durch Wernigerode, immer und aus jeder Perspektive ist das Schloß zu sehen. Also hinauf, den steilen Berg! Schön ist´s auch hier. Natürlich. Im Souvenier-Shop vor dem Schloß kann man kleine Hexen kaufen, deren Augen auf Knopfdruck rot glühen, begleitet von einem hysterischen Konserven-Lachen. Und an der Schloßmauer lehnt der gewaltige Kieferknochen eines Blauwals. Wahrscheinlich vor Urzeiten in Wernigerode gestrandet, als die Welt noch voll Wasser war.


Viel mehr habe ich leider nicht sehen können. Nur das, was alle sehen: die Innenstadt mit dem Rathaus, das Krümmelsche Haus, das Schiefe Haus, das Älteste Haus und das Kleinste Haus. Schließlich war ich zu Besuch bei meiner Tante Herta, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Aber dazu gleich mehr.
Neben meiner Tante Herta gibt es noch weitere berühmte Leute in Wernigerode. Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode zum Beispiel, der später vom Kaiser zum Fürsten ernannt wurde, war übrigens Vizekanzler unter Bismarck in den Jahren 1878 bis 1881. Das macht doch was her!
Eine weitere Wernigeröder Persönlichkeit ist Gustav Eduard von Hindersin, der 1870/71 als preußischer General im Deutsch-Französischen Krieg gekämpft hat. Donnerwetter!
Doch nicht nur Krieger und Herrscher hat Wernigerode hervorgebracht, sondern auch Künstler wie Paul Renner, dem Erfinder der Schrift Frutiger oder Otmar Alt. Aber in einem so malerischen Ort muß man ja Künstler werden. Oder Wanderer. Wie der in Wernigerode lebende Brocken-Benno, der über 5000 mal den Brocken bestiegen hat und damit im Guiness-Buch der Rekorde gelandet ist. Nicht unerwähnt bleiben bei dieser Auflistung beeindruckender Persönlichkeiten sollte Simon Bingelheim, einem berüchtigten Verbrecher aus dem 16. Jahrhundert, der zwar nicht aus Wernigerode stammte, aber auch dort brandschatzend und raubmordend sein Unwesen trieb.



Und nun zu meiner Tante.
Mittags haben wir lecker im Restaurant „Am Nicolaiplatz“ gespeist. Harzer Holzfällersteak mit Bratkartoffen, Speckbohnen und viel, viel Zwiebeln. Dazu ein süffiges Hasseröder, gebraut im Stadtteil Hasserode von Wernigerode. Hasseröder ist übrigens Bandensponsor und Bierlieferant von Hannover 96. Na ja. Muß wohl alte Verbundenheit sein. Denn Hasseröder wurde von Hannovers Gilde-Brauerei aufgekauft und ist jetzt im Besitz des weltweit größten Bierkonzerns InBev. Aber immerhin sponsort Hasseröder auch den FC Einheit Wernigerode, der gerade 3:0 gegen den Cöthener FC Germania 03 3:0 gewonnen hat. Gratulation und Prost!



Nach einem nötigen Verdauungsspaziergang durch die Altstadt tranken wir mit Tante Herta, ihrer Tochter Frauke und Mann Wolfgang Heimbs-Kaffee im Café Sachsen-Anhalt, in dem die Enkelin kellnert. Dort erfuhr ich, daß Frauke und Wolfgang gern mal in Braunschweig shoppen gehen. Wenn er grüne Welle hat, schafft Wolfgang die Strecke in 20 Minuten! Wie hat sich doch die Welt geändert. In meiner Kindheit war eine Reise nach Blankenburg oder Wernigerode über den Grenzort Marienborn eine aufregende Weltreise.
Nun wollte ich aber doch von den Einheimischen wissen, ob in Wernigerode wirklich alles Gold ist, was glänzt. Und da er fuhr ich erstaunt, daß hier nach 18 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden und die Stadt wie ausgestorben ist. Das konnte ich gar nicht glauben, als ich aus dem Fenster des Cafés sah und die vorbeiströmenden Besucher-Massen bemerkte. Aber wie ich dann Stunden später selbst beobachten konnte, hatte sich Wernigerode plötzlich in eine verlassene Filmkulisse verwandelt. Nur die bunten Häuser standen noch da und warteten geduldig auf die vielen Bewunderer, die gewiß am nächsten Tage wieder auftauchen würden.
Wie es sich denn als Einheimischer so lebt in Wernigerode, wollte ich dann wissen. Ruhig, war die Antwort. Ist ja nichts los hier, besonders für junge Leute. Es werden zwar immer wieder neue Clubs oder eine Discos in Wernigerode oder Umgebung aufgemacht, aber die müßten nach kurzer Zeit meist wieder schließen, weil die Leute nicht mehr kommen. Da sind Orte wie Braunschweig oder Hannover einfach viel anziehender, da kann man was erleben, so Wolfgang. Als Ossi sollte man sich ja eigentlich solidarisch zeigen, und lieber nach Magdeburg als nach Braunschweig reisen. Aber Magdeburg sei häßlich, dort will man gar nicht hin. „Und außerdem“, so Wolfgang weiter, „zieht es uns Ossis immer noch in den goldenen Westen.“
Meine Tante Herta fährt übrigens jedes Jahr mit ihrer Volkssolidarität (ja, so etwas gibt es noch) nach Stöckheim, einem Braunschweiger Stadteil, um sich dort eine Modenschau anzusehen. Sachen gibt´s!
Nach einem schönen und sonnigen Tag in Wernigerode hat es mich dann aber auch wieder nach dem Westen gezogen.
Die Sage des fortgerutschten Schlosses zu Wernigerode:
Dem Grafen wurde es in seinem Schloß zu eng, also fragte er seinen Hausgeist, ob er ihm nicht helfen könne. Der tat, wie ihm geheißen, und schob das Schloß mit dem Zauberspruch “Rutsche fort!” den Berg hinauf. Der Graf schaute am nächsten Morgen verwundert aus dem Fenster und sah die Häuser von Wernigerode zu seinen Füßen. Aus Dankbarkeit nannte der Graf sein Jagdschloss im Ardennenwald: “Rutsche fort!”, woraus die Franzosen in den Raubkriegen Ludwigs XIV. “Rochefort” machten.
Links zu Wernigerode:
Harzlandhexe über Wernigerode
Stadt Wernigerode
Schloß Wernigerode
775 Jahre Stadtrecht Wernigerode
Kollektives Gedächtnis über die Rettung Wernigerodes im 2.Weltkrieg
Große Fotogalerie über Wernigerode
Flickr-Foto Gruppe über Sachsenanhalt
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