Das Goslar-Adventure, unvollendet
Vor zwei Jahren besaß ich noch eine Monatskarte der Bahn für die Strecke Braunschweig-Hannover. Damit konnte zusätzlich ich bis in den Harz hinein fahren. Das tat ich auch mehrmals und besuchte mit mit meinem Dreiundvierziger-Mitstreiter die Stadt Goslar.
Doch erst noch schnell einige historische Fakten zu Goslar: Goslars Geschichte ist eng und untrennbar mit der Geschichte des Rammelsbergs verbunden. Der Silberreichtum zog die salischen Kaiser nach Goslar. Damals noch ohnen festen Wohnsitz, bauten sie sich in Goslar eine Pfalz. So wird Goslar für zwei Jahrhunderte zur heimlichen Hauptstadt ihres Reiches. Mit über 27 Millionen Tonnen Erz war der Rammelsberg die weltweit größte Metallerzlagerstätte. Über 1000 Jahre wurde am Rammelsberg Erz abgebaut.
Nun aber zum Thema: Beeindruckt von der urigen Fachwerkstatt mit seiner wuchtigen, auf einem Hügel über der Stadt thronenden Kaiserpfalz, beschlossen wir ein klassisches Point-and-Click-Adventure wie z.B. Maniac Masion zu entwickeln. Nun, bei dem Plan ist es dann auch geblieben. Aber da ich zu diesem Zwecke einige Goslar-Fotos bearbeitet hatte, die als Hintergründe für die Story des Spiels dienen könnten, nutze ich nun die Gelegenheit, sie hier zu präsentieren.
Die Idee, ein solches Spiel zu entwickeln, bestand darin, die Handlung in Orten stattfindne zu lassen, die der Spieler aus der Realität kennt. Und da gibt es im Harz so einige Gegenden, die es verdient hätten, in einem mysteriösen Krimi-Adventure mit leicht gruseligen Anklängen aufzutreten. Zum Beispiel der Radauer Wasserfall mit der Gaststätte und seinen unheimlich wirkenden verwitterten Spielzeugkarussels und der Kinder-Eisenbahn nahe Bad Harzburg. Darüber werde ich bei Gelegenheit noch berichten.


Vielleicht hätte man ein solches Spiel auch als touristische Marketingmaßnahme benutzen können: “Besuchen sie das virtuelle Goslar und entdecken sie den sagenumwobenen Schatz. Freundlich gesinnte Waldgeister werden Sie auf der Suche unterstützen, doch hüten Sie sich vor Hexen und Trollen!” Oder so ähnlich. Im Spiel selbst könnten Informationen zu Sehenswürdigkeiten wie die Kaiserpfalz in den Dialogen auftauchen, wenn z.B. der Museumswärter bestochen werden soll, der fortwährend über die salischen Kaiser doziert.
Und nun ein kleines Zwischenstück über die Wiederentdeckung Goslar durch die aufstrebenden preußischen Könige und Kaiser im 19. Jahrhundert: Seit der Reichsgründung 1871 sahen sich die Preußenherrscher in der Nachfolge der mittelalterlichen Kaiser. Zur Eröffnung des Reichstages lieh man sich den Thronsitz des 11. Jahrhunderts aus der alten Kaiserstadt Goslar. 1875 besuchte Kaiser Wilhelm I. die Baustelle der zu restaurierenden Kaiserpfalz und gab dem Projekt die „nationale Weihe“. Zuvor war sogar über den Abbruch diskutiert worden. Das Ergebnis ist aber aus heutiger Sicht „über das Ziel hinaus geschossen“: Im nationalen Überschwang der Zeit hatte man den Bau ins Monumentale erhöht und diverse Bausünden begangen. Der Arkadengang vom Kaiserhaus zur Ulrichskapelle, die Freitreppenanlage vor der Ostfront, die zwei Nachbildungen des Braunschweiger Löwen und die Reiterstandbilder der Kaiser Barbarossa und Wilhelm I. sind dafür Beispiele. Auch im Inneren des Gebäudes zeugen die in der Zeit von 1879 bis 1897 geschaffenen monumentalen, historisierenden Wandgemälde vom nationalen Hochgefühl jener Zeit.


Noch eine kleine Ergänzung zu den beiden Braunschweiger Löwen vor der Kasierpfalz, die dort eigentlich gar nicht hingehören. Der echte Braunschweiger Löwe war tatsächlich für kurze Zeit einmal in Goslar. Während des Zweiten Weltkrieges stand der Löwe in den ersten Kriegsjahren und trotz mehrfacher schwerer Bombardierung weiterhin ungeschützt auf seinem Podest auf dem Burgplatz. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion ohne Absprache mit der vorgesetzten Dienststelle und ohne die braunschweigische NSDAP-Führung informiert zu haben, wurde das Wahrzeichen der Stadt ausgetauscht. Das Original wurde in einem Bergwerksstollen im nahegelegenen Rammelsberg bei Goslar in Sicherheit gebracht.
Zusammen mit anderen Kunstschätzen aus Braunschweig blieb der Löwe bis Ende 1945 in seinem Versteck, bevor er wieder nach Braunschweig zurückkehrte. Robert Lonsdale Charles, „Kunstschutzoffizier“ der britischen Armee beschrieb die Rückkehr des Braunschweiger Löwen in seinem Tagebuch folgendermaßen: „Um 2:30 konnten wir losfahren … Die Landarbeiter auf den Feldern sperrten Mund und Nase auf, als sie ihn vorbeifahren sahen, und ich konnte ihre Lippen sich bewegen sehen, wenn sie auf uns zeigten, lachten und riefen: ‚Der Braunschweiger Löwe!’ … Gegen fünf Uhr kamen wir in Braunschweig an … Eine Menschenmenge versammelte sich um ihn, Mütter hoben ihre Kinder hoch, damit sie ihn sehen konnten … alles war sehr rührend.“
Doch nun genug der alten Geschichten. Auf unserem Goslar-Trip haben wir noch einen Abstecher zur nahe gelegenen Okertalsperre gemacht, die in ihrer Größe beeindruckend ist. Wenn man die Staumauer von der Straße aus überquert hat, entdeckt man auf der anderen Seite ein kleines, gedrungenes Gebäude, in dem man durch die Fensterscheiben geheimnisvolle Pumpen oder ähnliches entdecken kann. Das hat uns an das berühmte Renderadventure Myst erinnert, in dem man vor eindrucksvoller Landschaft in Tunnels und Höhlen an mechanischen Einrichtungen wie Pumpen, Schaltern, Zahnrädern usw. drehen und hantieren mußte, um irgendwelche sonderbaren Rätsel zu lösen. Genau so etwas ist uns beim Gedanken an ein Goslar-Spiel auch vorgeschwebt. Nur, daß wir es nicht verwirklichen konnten.


Aber ein geheimnisvolles Adventure, daß in besonders eigentümlichen Harzgegenden spielt, in Burgen und Schlössern, in Ruinen, alten Bergwerksstollen, Tropfsteinhöhlen, die ein oder andere Zeitreisen-Einlage mit wiederauferstandenen Königen usw., das hätte doch was! Und wenn man dann noch an die vielen Harzsagen und Märchen denkt, das wäre schon eine reiche Beute, ich sage nur Hexentanzplatz. Schon der alte Goethe war ganz hingerissen vom Harz, der ihn das gewaltigste Felsental nördlich der Alpen nannte und mit der Walpurgisnacht in seinem Faust verewigte. Und auf Goethe kann man schon mal vertrauen.
Mehr gibts es zu unserer Spiel-Idee nichts zu sagen, übrig geblieben sind nur diese Bilder. Aber wenn nun der ein oder andere Stadtmarketing-Chef einer bezaubernden, kleinen Harzstadt hellhörig geworden ist, dann können wir ja noch einmal über unsere alten Pläne nachdenken…
Kaiserpfalz Goslar in Wikipedia
Goslar in Wikipedia
Barbarossa und der Euro: Europa in der Goslarer Kasierpfalz
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