Von Hexen, Teufeln und Nazis in und um Timmenrode
Als Kind war ich oft in Timmenrode, südöstlich der Stadt Blankenburg im Nordharz gelegen, und auf der Teufelsmauer. Die größte Mutprobe war es stets, den Hexenkessel, den Gipfel des Hamburger Wappens vor Timmenrode zu erklimmen. Das würde ich heute nicht mehr machen.
Warum ich früher so oft da war? Meine Mutter ist dort aufgewachsen. Im Alter von 5 Jahren hat sie mit meiner Oma in den Westen nach Braunschweig “rübergemacht”. In einem Puppenwagen waren alle wichtigen Papiere versteckt.





Mitte der Fünfziger ging das noch. Meine Oma, die während des Krieges aus dem bombenzerstörten Braunschweig nach Timmenrode geflüchtet war, arbeitete dort als Kindergärtnerin und hatte viele Freunde gefunden, zu denen über die Jahrzehnte der Kontakt nie abbrach. So war ich dann in den Achtzigern, also noch zu DDR-Zeiten, oft dort. Und jetzt nach über fünfzehn Jahren wieder auf der Teufelsmauer. Kurz gesagt: Es ist dort einfach toll, einmalige Gegend, wirklich eindrucksvoll.
Nun zu den Fakten: Die Teufelsmauer ist das älteste Naturschutzgebiet Deutschlands und der Welt, wurde bereits 1852 unter Schutz gestellt. Wie an einer Schnur aufgefädelt ziehen sich sich die wuchtigen Felsen kilometerlang durch ein Waldgebiet. Der Sandstein des Naturdenkmals Teufelsmauer entstand vor ca. 85 Millionen Jahren als Ablagerung in den Meeren der Oberkreide, als Dinosaurier unsere Erde bevölkerten. Geologisch handelt es sich um eine verkieselte Sedimentschicht, die durch den aufsteigenden Harz verkippt und im Zuge der Erosion freigelegt wurde. Das habe ich nachgelesen, wußte ich jetzt so nicht.
Ausgehend vom 319m hohen Großvaterfelsen mit Rundblick über Blankenburg, dem natürlich ein kleinerer Großmutterfelsen beiseite steht, starte ich meine Kraxeltour ins “Reich des Teufels” über die Teufelsmauer nach Timmenrode.
Auch touristisch ist das hier ein Kleinod. Hotel Viktoria Luise, Gaststätte Großvater, Helsunger Krug, Hotel an der Teufelsmauer, für jeden Geschmack was dabei. Der mit 331m höchste Punkt der Teufelsmauer liegt ca. 250m vor dem Löbbeckefelsen. Der Felsen bekam seinen Namen im Gedenken an den Blankenburger Bürgermeister Karl Löbbecke, einem gebürtigen Braunschweiger, der im Jahr 1853 diesen Wanderweg, auch Löbbeckestieg genannt, direkt auf dem Kamm der Teufelsmauer anlegte.
Auf dem Kammweg der Teufelsmauer liegen zahlreiche weitere markante Klippen mit phantasievollen Namen wie Hohe Sonne, Fahnenfelsen, Schweinekopf, Teufelskessel, Zwergenhöhle oder Ludwigsfelsen, dessen Fels-Profil an den französischen König Ludwig XVI. erinnert, der 1796 nach Blankenburg emigrierte. Es gibt übrigens keinen einzigen Felsen entlang der Teufelsmauer, der nicht von eingeritzten Unterschriften und Botschaften für die Ewigkeit übersät wäre.


Als ich den felsigsten Teil der Teufelsmauer bereits hinter mir hatte und durch hügeliges, mit gelegentlichen Felsen gespicktes Waldgebiet spazierte, las ich auf einem Orientierungsschild für Wanderer: Helsungen. Helsungen ist ein Ortsteil von Blankenburg und in einer Sohle an der Teufelsmauer gelegen. Doch Helsungen war durchgestrichen, darunter stand handschriftlich: “Zum dreckigen Schlüpper”. Klang verlockend, aber mein Weg war heute ein anderer. Der Begriff Helsungen (”Hel sungen”) bedeutet auf Hochdeutsch Höllengesang. Also schnell weiter. Zum Gruseln lädt ebenfalls eine am Weg gelegene unterirdische Felsgrotte namens Fuchsbau ein, die ein künstlich begehbarer Felskeller ist.


Und plötzlich war ich da. Ich verließ den Wald, und schon türmte sich das Hamburger Wappen vor meinen Augen auf. Die beeindruckende Sandsteinformation mit ihren drei steil aufragenden Felsnadeln erinnert in ihrem Aussehen an das Wappen der Hansestadt Hamburg. Es war ein schöner, sonniger Sonntagnachmittag im Oktober, und viele nutzten die Gelegenheit, noch einmal draußen zu sein. Es war wirklich viel los. Das hätte ich nicht gedacht. Zu meiner Zeit war das ganz anders. Da war das Hamburger Wappen, das wir eigentlich nur unter dem Namen Hexenkessel kannten, eher ein Geheimtip. Ein entlegener Ort, an dem wir unsere Mutproben ungestört ausüben konnten. Vielleicht waren heute auch viele Wessis da, die diese Gegend endlich für sich entdecken. Ohne Mauer, ich meine die DDR-Mauer, ist dieser schöne Teil des Harzes ja gar nicht mehr so weit weg.
Also auf zum Hexenkessel!
Aber wie schon erwähnt, ganz nach oben in die Felsmulde auf dem Gipfel habe ich mich nicht getraut, obwohl der Blick von dort gigantisch ist. Es waren nur noch einige Meter eine steile Steintreppe empor, die in den Fels geschlagen war, und dann das letzte Stück, eine Art steinerne Wendeltreppe zum Kessel. Aber da bin ich lieber umgekehrt. Außerdem waren da so viele andere Leute, die es mir gleichtun wollten und tatsächlich den Gipfel erklommen haben, daß ich ihnen gerne den Weg freigemacht habe. Aber, so weiß ich es aus meiner Erinnerung, wenn man erstmal im Kessel sitzt, dann fühlt man sich ganz sicher. Nur runter muß man ja doch irgendwie!
Ein kleiner Junge wollte unbedingt den Felsen immer höher und höher. Sein Papa konnte ihn nur mit Mühe und Not festhalten. Als der Bengel denn wütend auf einen Felsen schlug, meinte sein Vater: “Ja, schlag Du nur auf den Felsen, das ist ganz in Ordnung so!”
Da ich noch in Zukunft über meine Erlebnisse aus dem Harz- und Heideland schreiben möchte, schritt ich den Hexenkessel wieder hinab. Aber ich wählte den gefährlicheren Weg, weil es mich wurmte, nicht doch die letzten Meter bis ganz nach oben gewagt zu haben. Diese Schmach konnte ich so nicht auf mir sitzen lassen! Also kletterte ich, vielmehr rutschte ich auf dem Hosenboden einen steilen Abhang hinunter. Das war eine kleine Schleise, links und rechts von bemoosten Felsen umrahmt, an denen ich mich mühsam festklammerte, und unter mir feuchter, herbstbelaubter Waldboden. Und ständig der Gedanke: Was, wenn ich jetzt abrutsche und mit dem Schädel auf einem kantigen Felsen aufschlage. Dann war´s das gewesen! Letztendlich habe ich meine tollkühne Freeclimbing-Einlage ja doch überlebt.

Jetzt aber zum ungefährlichsten Teil meiner Reise.
Der Abstecher nach Timmenrode. Da fällt mir ein: Unweit von den Felsen ist der berühmte Timmenroder Sandlauf, einem Hang mit sehr weichem Sand. Zu Ostern feiert man in Timmenrode traditionell das Eiertrudeln am Sandlauf. Leider habe ich dort nicht mehr hingefunden. Also runter von den Felsen, den Pfad einer Apfelplantage entlang, schon war ich im Dorf. Ein Bauer mit seinem Pferd kam mir entgegen. Da sah ich schon den großen Rasenplatz, der heute der Fußballplatz ist. An der Stirnseite stand immer noch das weiße Haus, in dem meine Mutter gewohnt hatte. Rechts davon war der alte Kindergarten, in dem heute das Schützenhaus ist, der neue Kindergarten ist irgendwo anders. Es hat sich einiges verändert nach 15 Jahren. Viele Häuser sind saniert, die Straßen gemacht. Blühende Landschaften.


Nochmal Fakten: Timmenrode wurde erstmals 1199 urkundlich erwähnt. 1999 also feierte der Ort 800-jähriges Bestehen. Meine Tante aus Blankenburg, die früher dort im Kindergarten gearbeitet hatte, durfte beim Volksfest mit den anderen Ehemaligen mitmarschieren, wie sie mir erzählte. Und nun noch mehr Geschichtliches: Timmenrode gehörte zum Besitz der Grafen von Blankenburg-Regenstein, die 1599 ausstarben, wodurch Timmenrode in den Besitz des Herzogs von Braunschweig überging. Zwei schwere Großbrände zerstörten den Ort in den Jahren 1567 und 1723 fast vollständig. Bis 1945 gehörte Timmenrode zum braunschweigischen Kreis Blankenburg, 1952 gelangte der Ort an den Kreis Quedlinburg. Und wieder ein Stück Land verloren.
In Timmenrode wohnen zwar nur 1000 Menschen, aber dafür gibt es dort eine freiwillige Feuerwehr, einen Schützenverein, einen Kegelverein, einen Seniorenclub, eine Jagdgenossenschaft, einen Kleintierzüchterverein, eine Schützengesellschaft und natürlich einen Fußballverein. Das ist der SV 56 Timmenrode, die haben gerade 3:1 gegen den SC Heudeb./Danstedt II in der 3. Harzliga gewonnen.
Also alles in Ordnung in Timmenrode. Schöne, heile Welt.
Doch nicht ganz. Als ich so ahnungslos die Gassen Timmenrodes durchwanderte, sah ich einen Wagen im Carport mit Thor Steinar-Schriftzug (einer Modemarke aus der rechtsradikalen Szene) auf der Heckscheibe. Das Böse ist immer und überall. Ich habe mir aber nichts weiter dabei gedacht und wollte auch gar nicht darüber schreiben. Doch später stieß ich darauf, daß ein gewisser Steffen Hupka, gebürtig aus Hannover, in Timmenrode wohnt. Hupka ist einer der führenden Köpfe der militanten Neonaziszene in Deutschland. Nachdem Hupka 2001 über den NPD-Mittelsmann Uwe Meenen für 100.000 DM das Schloss Trebnitz im gleichnamigen Ortsteil von Könnern im Salzlandkreis (Sachsen-Anhalt) erworben hatte, wollte er es zu einem “nationalen Schulungszentrum Mitteldeutschland” umfunktionieren. Dabei hat er sich wohl finanziell übernommen und deshalb sein Nazi-Schloß jetzt bei ebay für 230.000 EUR reingesetzt.
Aber ich will keinen Schmutz über Timmenrode bringen. Timmenrode ist schön, und ich habe viele gute Erinnerungen daran. Ein Besuch dort und auf der Teufelsmauer lohnt sich immer. Ach so, jetzt muß ich aber zurück. Die Sonne steht schon tief und die Schatten legen die Felsen in ein bedrohliches Dunkel. Da kann man schon mal die eine oder andere tückische Felsritze übersehen…
Die Sage vom Teufel und Hahn
„Vor grauer Zeit kam der Teufel mit dem Herrn überein, Gütertrennung vorzunehmen. Der Harz aber sollte sein Herrschaftsbereich sein. So wetteten sie miteinander, dass er das Gebiet haben dürfe, wenn es ihm gelänge, in einer einzigen Nacht eine Mauer darum zu ziehen, hoch schwer und eisern wie die Bauwerke der Kaiser. Gesagt, getan, das Mauerwerk wuchs in der Dunkelheit. Da ließ der Herr eine Bäuerin aus Timmenrode mit ihrem Hahn im Korb zu Markte gehen und sie über einen kleinen Kiesel stolpern. Da reckte der Hahn im Korb den Hals und begann zu krähen. Der Teufel glaubte, die Nacht sei zu Ende und schleuderte vor Wut den Schlussstein gegen das Bauwerk, so dass nur noch Bruchstücke stehenblieben.“
Links zu Timmenrode und Teufelsmauer:
Teufelsmauer in Wikipedia
Neonazi muß Schloß verhökern, Artikel in der taz
Schloß Trebnitz in ebay
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