Das Bermuda-Dreieck zwischen Lehre, Wendhausen und Essehof

ortsschild_lehre.pngOk. Ziemlich reißerischer Titel. Gebe ich ja zu. Und es steckt nichts dahinter. Nur, daß die genannten Orte Winkelpunkte eines gedachten Dreiecks sind, welches ich am letzten Samstag durchwandert habe. Aber weder bin ich dort verschollen noch sind mir mysteriöse Phänomene widerfahren. Bis auf die Tatsache, daß sich in eben diesem Wald-Dreieck ein Friedhof befindet. Aber besonders gruselig war das auch nicht unbedingt. Doch zu schauen gibt es immer was. Egal wo. Ich werd´schon was finden.


Gestartet bin ich vom Peterskampf im Querumer Forst, Richtung Hondelage, dort gibt es übrigens eine Sternwarte. Dann weiter nach Wendhausen. Urkundlich wurde der Ort, früher auch als Wenethusen bezeichnet, erstmals 1125 erwähnt. Der Name weist auf eine Besiedlung durch den slawischen Stamm der Wenden hin. Wendhausen hat ungewöhnlich für einen so kleinen Ort gleich zwei Sehenswürdigkeiten zu bieten: Im Ortskern liegt das Schloss Wendhausen mit einem Gutsbetrieb, in dem sich nun Wohnungen und ein Altenheim befinden. Die ehemalige Wasserburg wurde erstmals 1388 erwähnt. Zu einer Zerstörung der Burg kam es im 17. Jahrhundert, als auf ihr Herzog Heinrich Julius, Herzog zu Braunschweig-Lüneburg und Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel residierte. Nach Streitigkeiten zwischen ihm und den unabhängigen Bürgern Braunschweigs brannten diese 1602 die Burg nieder. Auf den Grundmauern der Ruine ließ der begüterte herzogliche Politiker Philipp Ludwig Probst 1683-88 das Schloß Wendhausen erbauen. Nach langjährigem Leerstand kaufte 1991 ein Braunschweiger Architekt das Schloss und restaurierte es. Heute sind im Schloss neben einer Werbeagentur, einem Tonstudio und einem Mode-Atelier mehrere kleine Firmen ansässig. Herzogsaal, Herzogzimmer, Gewölbe, Hof und Park können für Veranstaltungen gemietet werden.

Wasserschloss_Wendhausen.jpgWasserschloss_Wendhausen_2.jpgWasserschloss_Wendhausen_3.jpgVon weitem schon sehe ich die auf 17 m Höhe errichtete fünfflügelige Bergholländermühle auf dem Dettmersberg. Sie wurde 1837 von den Brüdern Karl und Eduard Vieweg aus Braunschweig. Sie ist die einzige betriebsfähige “Fünfflügelige” in Deutschland! Die Familie Vieweg hatte damals das Schloß und das Gut Wendhausen gepachtet und wollte an der Schunterbrücke im Dorf eine Papierfabrik errichten, um für den eigenen Verlag auch das Papier herzustellen. An der Schunter stand bereits eine Wassermühle, die es dort - laut Urkunde - bereits 1491 gab. Jedes Jahr am Pfingstmontag wird ein “Tag der offenen Tür” veranstaltet.

Bockwindmuehle.jpg Eduard Vieweg ist übrigens einer der ganz großen Braunschweiger: In seiner Lehrzeit führten ihn Reisen nach England und Frankreich, wo er die Auswirkungen der Industrialisierung und die Entwicklung der modernen Druckmaschinen verfolgen konnte. Er brachte 1823 aus England erstmals eine der damals berühmten Columbia-Druckpressen mit auf den Kontinent und stand damit am Beginn einer geradezu revolutionären Entwicklung des Druck- und Verlagswesens in Deutschland. Die Bedeutung dieser neuen Technik hatte er klar erkannt, und so erwarb er auf diese Druckpresse ein Patent. Politisch war Eduard Vieweg liberal und strebte ein geeinigtes Deutschland unter Führung Preußens an. Dazu gab er ab 1831 die „Deutsche Nationalzeitung aus Braunschweig und Hannover“ heraus, die Ende des Jahres 1840 infolge der Zensur ihr Erscheinen einstellte. 1848 erschien dann die „Zeitung für das deutsche Volk“. Nachdem Preußen im Deutschen Krieg von 1866 Schleswig-Holstein annektiert hatte und Vieweg sich mit seinen Überzeugungen zunehmend verlassen sah, stellte er 1866 das Erscheinen der Reichszeitung „bis auf bessere Tage“ ein. Soviel dazu. Aber heute haben wir ja Internet.

Kirche_Lehre.jpg Ach, kurz noch zu den Berühmtheiten des Kreises Lehre: Der Sportpädagoge August Hermann aus Lehre führte im späten 19. Jahrhundert zusammen mit seinem Kollegen Konrad Koch aus Braunschweig das Fußballspiel in Deutschland ein und war Initiator des Schulsports in Deutschland. Karl August von Hardenberg (1755 - 1822) stammte aus Essenrode, und war zusammen mit Heinrich Friedrich Karl vom Stein einer der wichtigsten Reformatoren des aufstrebenden Preußenreiches, Außenminister und später Kanzler. Jetzt aber weiter. Ein paar Kilometer die Landstraße am “Bermuda-Dreieck” entlang.

Traktor_Lehre.jpgSchunter_Lehre.jpgHinterhof_Lehre.jpg Lehre ist dann nicht mehr so schön. Zwar 11.000 Einwohner groß, aber sonst nichts los. Lehre wurde am 10. Juni 888 erstmals urkundlich erwähnt. Und wie ich einer Informationstafel entnehmen konnte, wurde erst 1951 in Lehre eine Wasserleitung errichtet. Bis dahin hat man sich wohl das Wasser direkt aus der Schunter geholt, man weiß es nicht. Ich ging also die lange Hauptstraße entlang, links und rechts Neubaugebiete, bis ich endlich auf den alten Ortskern stieß. Und der ist mit seiner schnuckeligen Kirche und dem vielen Fachwerk ringsum durchaus ansehnlich. In einer Hauseinfahrt an der Kirche entdeckte ich auch das Werk “Szenen aus dem Leben eines Schülers” von Siegfrid Neuenhausen, dessen Skulptur “Katzenbalgen” an Kettreppeln in Braunschweig zu sehen ist. Desweiteren stieß ich auf ein hübsch zurecht gemachtes Dorfmuseum, also von Außen jedenfalls. Das Museum macht erst wieder am 4. November auf.

Fachwerk_Blumen_Lehre.jpgGaststaette_Kiche_Lehre.jpgDorfmuseum_Lehre.jpg Also nichts wie hin. Auf einer Übersichtskarte entdeckte ich noch einige Teiche am Ortseingang, die ich vorhin nicht gesehen hatte. Also hin. Ich stieß auf eine Sackgasse mit vielen prachtvollen Häusern, hier wohnt also Lehres Jet-Set. Etwas unsicher geworden, stieß ich dann auf ein Hinweisschild: Privat! Betreten verboten! Und dahinter waren die Teiche. Ich bin ein paar Meter die Teiche entlang und konnte auf die direkt am Ufer gelegenen Terassen blicken. Und dann wieder schnell weg. Man hätte an dieser Stelle ja auch einen öffentlichen Park für die Bürger errichten können, ist nämlich ganz hübsch hier. Dann hätte es wenigstens was zu sehen gegeben in Lehre.

A2_Essehof.jpgTierpark_Essehof_Bruecke.jpgEssehof_Gedenkstein.jpg Und wieder ins Bermuda-Dreieck eingetaucht, schließlich unbeschadet in Essehof gelandet, direkt an der A2 gelegen. Die A2 schiebt sich wie eine moderne Chinesische Mauer am Horizont entlang. Doch dafür ist Esshof nicht unbedingt berühmt. Wohl aber für seinen Tierpark. Im Eingangsbereich des Parks befindet sich ein Gewässerlehrpfad mit fünf Teichen, einer 30m langen Eichenbrücke und einer Unterwasserstation, die einen Einblick 3 m unter die Teichoberfläche zulässt. Im Tierpark werden verschiedene einheimische Wildtiere wie Luchse, Uhus und Damwild sowie einige Haustierrassen gehalten. Exoten werden in Anlagen entsprechend ihrem ursprünglichen Herkunfts-Kontinent gezeigt. So tummeln sich Strauße, Zebras und Watussi-Rinder auf der Afrika-Anlage sowie Emus und Kängurus auf der neuen, begehbaren Australienanlage. Im Südamerikateil werden Nandus, Alpakas und Große Maras gezeigt. Der Park wurde 1968 eröffnet und ist seit 1991 in Privatbesitz einer Braunschweiger Familie, die auch den kleinen Stöckheimer Zoo in Braunschweig leitet. Hineingegangen bin ich aber nicht, ich hatte noch einen weiten Weg vor mir.

Oma_Essehof.jpg Als ich noch am Zaun ein wenig in den Tierpark hineinlugte, um ein paar exotische Motive zu ergattern, bemerkte ich plötzlich eine alte Dame, die ungefähr hundert Meter vom Ortsausgang entfernt die Landstraße entlangtrippelte. Das sah mir gefährlich aus. Ich also hin und fragte die Dame, ob es nicht vielleicht besser wäre, einen sicheren Weg im Ort zum Spazieren zu wählen. Sie schien mir aber ganz wach und sagte mir langsam, daß man ja auf die Autos aufpassen müsse. Dann fragte sie mich noch, was ich denn hier so mache, und ich erzählte ihr. Dann kehre sie schließlich ganz langsam um und rollte wieder auf sicheres Gelände zu. Ist also nichts passiert. Ich selbst gehe ja auch nicht so gerne Landstraßen entlang, aber das ist schließlich mein Job! Da habe ich mich gefragt, wer von uns beiden eigentlich verrückter ist… Nicht denken, wandern!

Berliner_Heerstrasse.jpg Das war´s schon. Fast. Ich bin dann die letzte Seite meines “Bermuda-Dreiecks” durch den Wald gewandert, erblickte zur Rechten den Friedhof und bog schließlich an der Kreuzung nach Wendhausen links in die ewig lange Berliner Heerstraße ein, die mich über Dibbesdorf, Volkmarode und Gliesmarode wieder nach Hause brachte. Und so ritt ich gemächlich dem Sonnenuntergang entgegen. In Gliesmarode angekommen, fragte mich ein freundlicher Herr, ob ich ihm 70 Cent für eine Busfahrkarte nach Wolfsburg schenken könnte. Die fehlten ihm noch. Und da heute mein Tag der guten Tat war, gab ich ihm das Geld. Daraufhin bedankte er sich artig bei mir, und versprach mir, mich heute in sein Abendgebet einzuschließen. Das ist doch allemal mehr wert als meine lumpigen 70 Cent. An diesem Abend konnte ich auch ganz besonders gut schlafen, was aber vielleicht auch nicht ganz unerheblich an der langen Wegstrecke gelegen haben könnte.

Links aus Lehre, Wendhausen und Essehof:

Tierpark Essehof
Windmühle Wendhausen
Karl August von Hardenberg in Wikipedia
Mit Energie am politischen Leben beteiligt - Eduard Vieweg in Newsclick
Schloß Wendhausen

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