Von stillgelegten Bahnhöfen, kleinsten Dörfern und Zwiebeltürmen
Gestern hatte ich meine Tour nach Lehre hinter mir. Das war eigentlich genug Fußmarsch für dieses Wochenende. Aber da das Wetter heute immer noch so knackig war, mußte ich einfach noch mal los. Aber nur ´ne kleine Runde. Von Broitzem über Stiddien, Groß Gleidingen, Timmerlah und wieder zurück. Von Broitzem erzähle ich ein andermal. Die Tour war alles Braunschweiger Gebiet, bis auf Groß Gleidingen, daß zu Vechelde gehört.
So spazierte ich also die Landstraße von Broitzem nach dem südwestlich von Braunschweig gelegenen Stiddien, wurde linkerhand vom weithin sichtbaren Broitzemer Fernsehturm und rechts von Timmerlah mit seinem hübschen Zwiebelturmkirchlein und den dort vorbeirasenden Zügen flankiert.
Stiddien kann sich damit rühmen, Braunschweigs kleinstes Dorf zu sein: 239 Einwohner! Eine ringförmige Dorfstraße umschließt den Ortskern mit Kirche, Friedhof, drei großen Bauernhöfen und einigen Wohnhäusern. Ursprünglich gab es hier feuchte Moorwiesen und Sumpfwald. Reste davon haben sich im unter Naturschutz stehenden Stiddier Forst erhalten, dem “Ellernbruch”, etwa einen Kilometer westlich des Dorfes.
Im Ortsnamen stecken die altniederdeutschen Wörter “stidi”, Stätte, und “hem”, Heim. 1172 wurde das Dorf als “Stidegem” und 1187 als “Stedehem”" erwähnt, nachgewiesen sind zudem die Schreibweisen “Stidium”, “Stedium” und “Stidingen”. Seit 1394 ist die Schreibweise “Stiddien” gebräuchlich. Auf diesen Ursprung bezieht sich auch das Gemeindewappen. Es zeigt in Grün und Gold einen stilisierten Häusergiebel als Zeichen für Heim und darunter einen Pferdekopf. Die Farben symbolisieren Rüben und Getreidefelder und belegen die Rolle, die die Landwirtschaft früher für den Ort hatte. Der Pferdekopf verweist auf die Gegenwart. In Stiddien werden überdurchschnittlich viele Pferde gehalten. Jahrelang nahm der Ort für sich in Anspruch, die höchste Zahl von Araberpferden pro Kopf der Bevölkerung in Niedersachsen zu haben. Stiddien war immer sehr klein, was ihm den Spitznamen “Fünfhausen” einbrachte. 1663 wurden 35 Einwohner gezählt, 1802 waren es 105, 1933 179 Einwohner.
Das habe ich natürlich im Netz erfahren. Aber Informationen über das Dorf gibt es auch in Stiddien selbst. Kaum gehe ich die Hauptstraße entlang, stoße ich auch schon auf die kleine Kiche. Auf dem Kirchplatz steht eine braune Informationstafel mit einigen historischen Erläuterungen zum Dorf, der Nennung der Sehenswürdigkeiten und einer Übersichtskarte. Also, diese Informationstafeln kannte ich wohl schon, die gibt es nämlich überall in Braunschweig. An wichtigen Plätzen, berühmten Häusern und jedem Stadtteil. Sogar im kleinsten Dorf von Braunschweig! Ich finde, das ist eine sehr lobenswerte Einrichtung.


In Stiddien gibt es zwar eine Kirche, die gibt´s sogar im kleinsten Dorf, aber keinen Kindergarten, Schule oder Supermarkt. Wer hier wohnt, muß pendeln. Die 1849 erbaute kleine Dorfschule, in der bis in die 1950er-Jahre alle Dorfkinder gemeinsam in einer Klasse unterrichtet wurden, ist schon lange geschlossen. Die Gastwirtschaft mit Tanzsaal und kleinem Laden, einst Mittelpunkt des Dorflebens, konnte sich nur bis Ende der 1970er-Jahre halten. Die Poststelle wurde 1976 aufgegeben, später entfernte die Telekom auch den einzigen Münzfernsprecher, jetzt gibt es nur noch einen Briefkasten. Das Dorf wird auch in Zukunft nicht wachsen, weil kein Bauland ausgewiesen ist. Die fruchtbaren Ackerböden sind zu wertvoll. Und doch gibt es hier eine unverschämt hohe Zahl von Vereinen: die Freiwillige Feuerwehr von 1874, der Tischtennisclub “TTC-Rot Weiß”, zwei Reitvereine, den Singkreis der Kirche, den Frauenkreis, den Mütterkreis, einen Hobbyclub, mehrere Kegelvereine und die “Partygemeinschaft Teufelsspring”! Und, wie in Wikipedia nachzulesen ist, soll im “Haus von Damme”, einem unter Denkmalschutz stehenden Fachwerkhaus, ein Heimatmuseum entstehen.
Ich staune und gehe weiter. Nach Timmerlah runter. Am Bahnübergang muß ich lange warten. Als die Schranken sich wieder öffneten, schritt ich einen Feldweg an den Gleisen entlang, der jedoch bald endete. Dort stieß ich auf zwei Fotografen mit mördermäßigen Teleobjektiven, die erwartungsvoll an den Gleisen standen. Was die wohl fotografieren wollten? Züge oder Vögel? Ist das wirklich interessant? Manche Leute haben doch wirklich spleenige Hobbys. Da gehe ich lieber schnell weiter, ich habe ja schließlich meinen Job zu machen…
Wie gesagt, der Weg war zu Ende, so sprang ich über die Gleise und stolperte einen aufgewühlten Acker an den Gleisen bis nach Groß Gleidingen entlang. Als ich diesen beschwerlichen Weg fast zurückgelegt hatte, entdeckte ich zur Rechten einen kleinen, hübsch zurecht gemachten Garten mit Holzhütte, so halb verborgen zwischen den Bäumen, hinter den Gleisen, vom Acker umrahmt. Ein paar hundert Meter weiter umrunde ich eine kleine Pferdekoppel, bestaune eine lustige Ziege und ein Schweinchen und schaue mir ein paar Minuten Dorffußball an. Dann erreiche ich den Bahnhof.



Nachdem sich die Schranken geöffnet hatten, wandere ich kurzerhand nach links die Gleise entlang, denn ich bemerkte ein Ehepaar, das dort einbog. Ich hätte zuerst gar nicht bemerkt, daß es sich hierbei um einen Fußweg handelte, der zu einigen Häusern führte. Die netten Leute erzählten mir, daß sich hier früher die Bahnmeisterei befunden hatte. Dort wohnten die Angestellten. Doch das ist lange her, muß so in den 70ern gewesen sein, daß der Bahnhof stillgelegt wurde, erzählten mir die beiden. Das sei schon schade, meinten sie, früher konnte man hier zweimal die Stunde in alle Richtungen fahren, Hannover, Braunschweig, Hildesheim. Und heute? Es wurde sich wohl schon bemüht, den einst so wichtigen Bahnhof wieder zu aktivieren, doch die Bahn muß sparen. Auch in Broitzem wurde der Bahnhof 1991 unter großem Protest lahmgelegt. Doch nun soll im nächsten Jahr in der Weststadt ein neuer Bahnhof gebaut werden. Die Weststadt als größter Stadtteil Braunschweigs hat immerhin über 20.000 Einwohner, dazu kommen noch 5000 Broitzemer. Aber das kann den Groß Gleidingern wohl egal sein. Das ehemalige Bahnhofsgebäude wird heute übrigens privat bewohnt.
Lange war ich nicht mehr in Groß Gleidingen, das zu den Siedlungen der Völkerwanderungszeit gehört und urkundlich bereits im 9. Jahrhundert im Güterverzeichnis der Abtei Fulda als “Rudergletinge” (Sudergletinge) erwähnt wird, später u.a. “Gledinge” (1195). Auch den Abstecher zum nahegelegen Stichkanal habe ich für heute sein lassen. Gesehen habe ich nur noch die Kirche, das Heimatmuseum habe ich verpaßt.
Dann zurück nach Hause über Timmerlah. Die erste Erwähnung als Dinbarloha stammt aus dem frühen 9. Jahrhundert. Beim Bau der Braunschweiger Landwehr Ende des 14. Jahrhunderts wurde das Dorf außerhalb dieser äußeren städtischen Befestigung belassen und musste so im Laufe der Zeit viele Plünderungen und Brandschatzungen erleiden. Diese Situation entspannte sich erst, als der Herzog 1671 die Stadt Braunschweig unter seine Herrschaft gebracht hatte und seine Eroberungsversuche damit ein Ende fanden. Die heutige Zwiebelturmkirche, die so in der Braunschweiger Region nur sehr selten zu sehen ist, wurde 1871 erbaut.
Der Turm steht auf den Fundamenten eines romanischen Vorgängerbaus, wurde 1799 mit der „Zwiebel“ erbaut und 1899 um vier Meter erhöht. Es scheint wohl einige Spekulationen darüber zu geben, warum diese aufwendigen Turmhaube erbaut wurde, aber gefunden habe ich darüber nichts. Vielleicht klärt mich ja jemand auf. Der Kirchturm ist übrigens, das einzige denkmalgeschützte Bauwerk in Timmerlah. Das konnte ich auf der Informationstafel erfahren.
Dann war ich auch schon wieder durch Timmerlah durch und spazierte am Timmerlaher Busch entlang nach Hause, während mein hundert Meter langer Schatten mir stets vorauseilte.
Links zu Stiddien, Timmerlah und Groß Gleidingen:
Stiddien in Wikipedia
Stiddien
Timmerlah in Wikipedia
Bilder vom ehemaligen Bahnhof in Broitzem
ein Bild aus den 30ern vom Stellwerk in Groß-Gleidingen
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