Das Wunder von Lengede

ortsschild_lengede.pngSo, jetzt habe ich erstmal genug vom Landstraßen-Wandern. Man sieht ja doch nur meistenteils - Straße. Und so ganz ungefährlich ist das Ganze auch nicht. Aber ist ja nichts passiert. Am Sonntag ging es von Timmerlah über Groß Gleidingen, Sonnenberg, Wierthe und Bodenstedt nach Lengede und nachmittags wieder zurück über Vallstedt, Alvesse, Üfingen, dem Stichkanal nach Groß-Gleidingen und Timmerlah. Puh! 9 Stunden lang immer schön im Kreis, dabei Wetter und Landschaft in ihrer Veränderung interessiert beobachtend. Der Tag begann äußerst diesig, vor lauter Diesigkeit war nicht eine Wolke zu erkennen. lengede_18.jpg Erst am frühen Nachmittag, ich war gerade in Wierthe und den Nordzucker-Türmen angekommen, begann sich der Himmel langsam zu zerfasern. Die Türme kannte ich sonst nur von der anderen Seite, mit der Bahn aus Hannover kommend, da hüllten oft die Rauchwolken der Türme den Zug ein und man fuhr für Sekunden durch ein weißes Nichts. Aber heute war ich zu Fuß unterwegs, und hatte noch einen ganz schönen Weg hinter mich zu bringen, über 30km insgesamt. Wie man früher wohl die Welt wahrgenommen hat, als man sie nur zu Fuß oder höchstens mit dem Pferd bereisen konnte? Alles viel langsamer, größer und beschaulicher. Es gab keine asphaltierten Straßen mit rücksichtslosen Autofahrern, keine Windräder oder Strommasten. Aber es ist ja nicht alles schlecht, was es heute so gibt. Cheeseburger mit Pommes zum Beispiel, Fernseher mit Fernbedienung.


Lengede_1.jpgLengede_2.jpglengede_17.jpg Hinter Wierthe sah ich dann schon den Lengeder Berg aus der Ferne. Zugegebenermaßen noch ziemlich schwammig und grau, aber ich konnte mich jetzt wohl kaum noch verlaufen. Nach einer Weile bin ich in Bodenstedt angekommen. Der Berg rückte immer näher und die Sonne gewann gegenüber den Wolken die Überhand. In Bodenstedt steht eine kleine Kirche mit Bergbau- und Bauernsymbolen in den Fenstern. Auch wenn der Bergbau in dieser Gegend für immer verschwunden ist, man entdeckt immer noch seine Spuren.

lengede_15.jpg Noch ein kleinesStück Landstraße, dann bin ich in Lengede angekommen. Warum ich mir heute Lengede ausgesucht habe? Weil sich natürlich über das “Wunder” so schön schreiben läßt und weil ich in meiner Schulzeit auf Ausflügen öfter mal dort gewesen bin. Da ließ es sich imer so herrlich spielen. Aber dafür bin ich heute ja nicht gekommen. Der Seilbahnberg ist 62,7 Meter hoch und befindet sich am östlichen Ortsrand von Lengede. Er entstand in der Zeit von 1917 bis 1927 durch Abraum von Erzabbaugruben. Dazu war es nötig, eine Seilbahn zu nutzen, wodurch der Seilbahnberg seinen Namen erhalten hat. Die ehemaligen Abbauflächen sind mittlerweile zum Naturschutzgebiet Lengeder Teiche gestaltet worden, an welchem sich der zum Erholungspark ausgebaute Bereich des Seilbahnberges anschließt. Ein Förderrad des alten Schachtes Mathilde, ein bronzener Bergmann und eine Erzlore erinnern dort an die Lengeder Erzabbautradition. Ich ging schnaufend die steilen Treppen den Berg hinauf. “Gehen, Laufen oder Hüpfen!” stand auf einem Schild am Wegesrand. Hüpfen! Vom Berg aus konnte ich in östlicher Richtung den Broitzemer Fernsehturm sehen und im Westen glaubte ich Hannover zu erkennen. Lengede_3.jpglengede_8.jpg Die Aussichtsplattform selbst ist ziemlich demoliert und von Müll umrahmt. Ich fand einen alten Einweg-Grill.

Nun zum Wunder: Das Grubenunglück von Lengede ist die berühmt gewordene Rettung von 11 Männern nach der Bergwerkskatastrophe vom 24. Oktober 1963 im Schacht Mathilde. Von 129 Männern, die sich zum Zeitpunkt des Unglücks unter Tage befanden, kam für 29 jede Hilfe zu spät. Die Katastrophe ereignete sich gegen 20 Uhr, als ein zur Grube gehörende Klärteich einbrach. Daraufhin strömten ca. 460.000 Kubikmeter Schlamm und Wasser in die Grube Mathilde ein. Es wurden die Stollen zwischen den 60- und den 100-Meter-Sohlen überflutet. In den ersten Stunden konnten sich 79 Arbeiter über Wetterbohrlöcher und Schächte ins Freie retten. Eine groß angelegte Rettungsaktion wurde eingeleitet, um auch die übrigen Kumpel zu retten, für die zunächst wenig Hoffnung zu bestehen schien. Am nächsten Tag, 23 Stunden nach dem Unglück, gelang es noch 7 weitere Bergleute zu retten.

lengede_6.jpglengede_4.jpglengede_7.jpglengede_5.jpg Vor Ort berichteten die Medien, ganz Deutschland fieberte mit den Verunglückten mit. Und nun kam das Unglaubliche: Die Rettungsaktion sollte eigentlich abgebrochen werden, da schlug einer der Hauer vor, im “Alten Mann” weiter zu suchen. Eine Bohrung in diesem Bereich war schwierig, da nur ungenaue Aufzeichnungen über den alten Stollenverlauf vorlagen und oberirdisch Gleise verlegt waren. Am 3. November konnten dann endlich mittels einer Bohrung doch Lebenszeichen von weiteren Kumpeln empfangen werden, die im Alten Mann in 58 Metern Tiefe eingeschlossen waren. Die bereits anberaumte Trauerfeier für die Totgeglaubten abgesagt. Von den 21 Kumpeln, die sich nach dem Wassereinbruch in den Stollen retten konnten, waren nur noch 11 zum Zeitpunkt der Rettung am Leben. Über ein schmales Bohrgestänge ließ man den Verschütteten Essen und Trinken zukommen. Diese zwei Wochen im Grab haben die Geretteten aber nicht unbedingt frömmer gemacht, höchstens gelassener: „Aber tot ist tot. An ewiges Leben glaube ich nicht. Ich habe gelernt, die Dinge nicht mehr so eng zu sehen. Ich gehe gern mal ein Bier oder einen Schnaps trinken.“, so Helmut Webranitz, einer der Überlebenden. Heute gehen in Lengede etwa 30 der 2.900 Gemeindemitglieder zum evangelischen Gottesdienst. Ein Wunder für die Kirche ist das nicht.


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Natürlich gibt es auch einen Film über das Wunder von Lengede, eine aufwändige Sat-1-Verfilmung, die unter anderem den Adolf-Grimme-Preis erhalten hat und übrigens in der ehemaligen Erzwäsche im Rammelsberger Bergwerk in Goslar gedreht wurde. Dazu noch einen Dokumentarfilm vom WDR. Mit diesem Film wurde dem Ereignis ein großes Denkmal gesetzt. lengede_10.jpg In Lengede selbst sieht man davon dann allerdings nicht so viel. Da ist die Bergmann-Skulptur und die Lore, und das war´s. Es gibt noch eine Gedenkstätte, aber sehr viel weiter im Ort, und nicht am Berg, wo man es vielleicht vermuten würde. Keine Informationstafel. Nichts. Der Berg soll zwar als Naherholungsgebiet dienen, wo Kinder spielen können, Fitnesstreibende Fitness treiben und Grillfreunde grillen, aber ein bißchen mehr Erinnerung hätte auch nicht geschadet. Der alte Förderturm steht nicht mehr. Die Seilbahn wurde abmontiert. Wäre das Grubenunglück heute passiert, die Menschen wären mit der “Nachnutzung” wohl anders umgegangen.

Übrigens wurde ein paar Tage nach meinem Besuch in Lengede eine Dauerausstellung im Lengeder Rathaus zum Grubenunglück eröffnet, mit dem Titel: Im Fokus der Welt - Lengede 1963. Da bin ich mit meinem Urteil wohl ein bißchen zu voreilig gewesen…

lengede_13.jpglengede_12.jpglengede_11.jpg Soviel zum Wunder. Nun bin ich weiter vom Seilbahnberg in den Ort hinein. Ziemlich langer Ort, zieht sich in die Lenge.de. Links und rechts langweilige Neubauten, erst nach einer halben Stunde stieß ich in den alten Dorfkern vor. Da sieht Lengede tatsächlich aus wie ein schönes, altes Dorf. Aber man möchte halt lieber moden sein. Dann wollte ich zu den Teichen. Zwei Jungs, die sich am Ufer der Fuhse aufhielten, beschrieben mir den Weg, doch der erschien mir zu weit. Schon der Anfang des Weges stand unter dem Wasser der Fuhse. Einer der beiden, etwas pummelig und einen Döner in der Hand haltend, schaute mich mit großen Augen an, als ich ihm sagte, daß ich zu Fuß zu den Teichen wollte. Na ja, die Jugend von heute. Wenn ich ihm erzählt hätte, wie weit mein Weg heute noch sein sollte, er hätte mich für verrückt erklärt.
lengede_14.jpg Ich bin dann wieder ins Ortsinnere, wo ich auf den Sportplatz traf, auf dem gerade ein Fußballspiel der Herren stattfand. Ein wieder dicker Junge mit Torwarthandschuhen kam an mir vorbeigehechelt auf die Straße zu und fragte mich im Vorbeirennen: “Na, willste zum Spiel?” “Nö, nur mal so gucken!” Das tat ich dann auch und schoß ein Foto. Plötzlich kam der Junge wieder an mir vorbei mit einem Ball in der Hand, lief Richtung Platz und rief mir noch schnell zu:”Eins zu Eins!” Gut zu wissen. Da geht noch was. Der Junge bolzte dann mit seinen Kumpels neben dem Platz sein eigenes Spiel. Vielleicht bezog er den Spielstand auf sein eigenes Spiel. Ich weiß es nicht. So bin ich also weiter und stieß doch noch auf ein paar schöne Teiche, die bis zum Seilbahnberg hin verliefen. Hätte ich Zeit gehabt, würde ich mich an diesem stillen Ort ein wenig ausgeruht haben. Aber ich mußte ja weiter.

lengede_20.jpg Da meine Wanderung im Kreis verlaufen sollte, ging ich zurück über Vallstedt, Alvesse, Üfingen, den Stichkanal nach Groß Gleidingen und Timmerlah. Auch in Vallstedt sah ich ein Fußballspiel. Kurz vor Üfingen rief mich mein Bruder an und berichtete über den Stand des gerade laufenden Formel-1-Finales. Hamilton hatte Probleme und mußte nun das Feld von hinten aufräumen! So blieb ich also auch auf einsamer Landstraße gut informiert. Im Gegenzug erzählte ich meinem Bruder, wo ich mich gerade befand und überhaupt nicht wußte, wo ich nun lang mußte. Hinter Üfingen ging es dann direkt nach Salzgitter, wo ich nun gar nicht hinwollte. Doch endlich fand ich den Weg zum Stichkanal und war mir ziemlich sicher, nach Groß Gleidingen zu finden. Vielleicht sollte ich es mal mit Live-Bloggen versuchen. In Groß Gleidingen besorgte ich mir noch ein Feierabend-Bierchen an einem Kiosk, wo mich der Verkäufer ungefragt über den aktuellen Stand des Finales informierte. So wußte ich den ganzen Tag bescheid, ohne das Rennen gesehen zu haben. Allerdings habe ich ziemlich viel Autos gesehen, die an mir vorbeirasten. Von Groß Gleidingen aus mußte ich noch ein kleines Stückchen Landstraße nach Timmerlah laufen. Da war es schon dunkel. Mir fiel auf, daß die mir entgegenkommenden Autos schnurstrack an mir vorbeisausten, ohne auf den Abstand zu achten. Tagsüber haben die Fahrer oft einen großen Bogen um mich gemacht. Man müßte mal eine wissenschaftliche Studie darüber anfertigen, ob bei Dunkelheit die Risikobereitschaft beim Autofahren steigt, und wenn ja, warum. Aber ist ja gottseidank nichts passiert.

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