Wilhelm Raabe und die Kleiderseller in Riddagshausen
Über Riddagshausen gibt es so viel zu erzählen. Womit also anfangen? Am besten mit dem Verlauf meiner Wanderung. Samstags um 14 Uhr, als sich die Sonne pünktlich verabschiedet und einem dichten Wolkenvorhang den Vorzug gelassen hatte, begann ich also meine Wanderung an der Brücke am Schöppenstedter Turm, nördlich von Braunschweig, kurz vor dem Elm. Dann ging es hinein in die Buchhorst, dem Wald, der direkt nach Riddagshausen führt. Am Waldesrand, nahe dem Hotel Aquarius, geht ein kleiner Weg zu den alten Schießanlagen, deren Ruinen dort noch immer stehen.
Die kannte ich zwar schon, ist aber auch schon ein paar Jahre her. 
Inzwischen haben Kunst-Studenten der HBK im Rahmen des Projektes Vernetztes Gedächtnis dort einige Installationen geschaffen, die an die Nutzung der Anlagen als Hinrichtungsstätte in der Nazi-Zeit erinnern. Die Anlage wurde übrigens noch bis 1962 von der Bundeswehr genutzt.
Von dort ging´s weiter bis zum Waldforum, wo ich durch das 2,6ha große Arboretum, einer “baumkundlichen Sammlung”, spazierte. In den Hirschgehegen fand ich nur drei kleine Rehe, die sich entspannten.
Auf der Straßenseite gegenüber erblickte ich schon die altehrwürdige Gaststätte Grüner Jäger, bekannt in ganz Braunschweig und Umgebung. Vor 150 Jahren speisten und schrieben hier schon der berühmte Schriftsteller Wilhelm Raabe und seine ehrlichen Kleiderseller zu Braunschweig.


An der Klostermauer in Riddagshausen ist eine Gedenktafel mit dem Motiv der Kleiderseller zu sehen, von dort hatten sich die Wanderer auf dem Klosterweg zum Grünen Jäger gemacht. Später verkehrten die Kleiderseller an wechselnden Orten, aber die Epoche der Kleiderseller im Grünen Jäger gegen Ende des 19. Hahrhunderts um Wilhelm Raabe herum war sicher die bedeutendste. Wilhelm Raabe, der die meiste Zeit seines Lebens in Braunschweig geweilt hatte, wurde mit seinem Erstlingswerk “Chronik der Sperlingsgasse” berühmt. Raabe war Realist und Pessimist. Seine Haltung beschrieb er so: “Sieh auf zu den Sternen. Gib Acht auf die Gasse.” In diesem Grundzug wurzelte auch sein Humor. Raabe war kein Mensch der Idylle, obwohl er oft so gelesen wurde, sondern blieb vielmehr ein bitterer Kritiker seiner Zeit. Er liest sich in einer damals beliebten ausschweifenden Art heutzutage allerdings doch recht umständlich. Die Treffen im Grünen Jäger fanden dann ein jähes Ende, als Wilhelm Raabes jüngste Tochter im Alter von nur 16 Jahren starb. Darauf hin erschien Raabe nicht mehr zu den Treffen, weil er es nicht verwinden konnte, weiter den Weg zum Grünen Jäger entlang zu wandern, da dieser direkt am Friedhof vorbei führte, auf dem seine Tochter beigesetzt war.
Doch zurück zum Thema: Wer nun sind diese ominösen Kleiderseller? Etwa eine geheime Freimaurerloge, eine gefährliche Sekte? Nein, alles falsch. Die Kleiderseller sind eine gesellschaftliche Vereinigung, die 1859 vom Privatgelehrten Carl Schiller gegründet wurde, um für ein noch zu gründendes Heimatmuseum erhaltenswerte Gegenstände der Kultur- und Heimatgeschichte aus Stadt und Land Braunschweig zu sammeln. Der Name Kleiderseller stammt übrigens aus dem Braunschweigischen und steht für die Altwarenhändler und Trödler. Nach Eröffnung des Städtischen Museums im Jahre 1861, entstand aus der Gemeinschaft eine Stammtischrunde mit wechselnden Mitgliedern. Ein Zimmer im Grünen Jäger ist nach wie vor so eingerichtet, wie es zu Raabes Zeiten ausgesehen haben muß. Die Kleiderseller, einer der ältesten Stammtische Deutschlands, bestehen auch heute noch und treffen sich im Raabe-Haus, dem zum Museum umgebauten letzten Wohnsitz Wilhelm Raabes.
Nun ging ich selbst den Kleiderseller Weg, aber in umgekehrter Richtung nach Riddagshausen und stand schon bald vor der eindrucksvollen Klosterkirche. Als Ort wird Riddagshausen übrigens 1146 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, als Heinrich der Löwe dem neu gegründeten Kloster das Dorf Ritdageshusen mit all dessen Landbesitz und Arbeitskräften als Erstausstattung übertrug. Gegründet wurde die Siedlung von einem Mann namens Ricdagus bzw. Riddagus. In der Klosterkirche hat der Aufklärungstheologe Abt Jerusalem seine letzte Ruhe gefunden. Ich umrundete die Kirche und begutachtete den großen Klostergarten. Dann schritt ich durch das Torhaus mit der Frauenkapelle in den Ort hinein.


Riddagshausen ist mit Sicherheit das Vorzeigedorf Braunschweigs. Hat ein bißchen was von Disneyland, aber ich stehe auf Disneyland. In den 70ern wurden mehrere prächtige Bauernhäuser aufgrund von Privatinitiative aus dem Braunschweiger Umland nach Riddagshausen transportiert, wo sie äußerst wirkungsvoll und optisch ansprechend im alten Dorfkern platziert und arrangiert wurden. Besonders imposant wirkt das Warbsenhaus, das im Jahr 1588 im Weserdorf Warbsen errichtet wurde. Daneben steht das Lewe-Haus aus dem Ort Lewe bei Liebenburg. Das Parsau-Haus wurde durch Zwischenbauten mit dem Wendeburg-Haus verbunden. Die Häuser aus Bergfeld und Hohnebostel runden das Ensemble ab.
Alles sehr gepflegt und sauber, romantisch und putzig. Auch eine Bockwindmühle hat man einfliegen lassen. Die steht aber ein paar Fußminuten entfernt vom Dorf auf einem kleinen, saftiggrünen, grasbewachsenen Hügel hinter einem Sportplatz und Gartenverein. Das es diese Mühle hier gibt, wußte ich vorher auch noch nicht. 1979 fand die feierliche Einweihung der von Remlingen aus umgesetzten Bockwindmühle statt. Sie erhielt nach der letzten Braunschweiger Herzogin den Namen “Victoria Luise”. Schön.
Das ist aber längst noch nicht alles, was Riddagshausen zu bieten hat. Riddagshausen ist ein Anziehungspunkt für Braunschweiger als Naherholungsgebiet. Die ausgedehnte Teichlandschaft Riddagshausens, heute Naturschutzgebiet, ist auf die Tätigkeit der Zisterziensermönche zurückzuführen, die damals die Gegend entwässerten und Fischteiche anlegten. Von den ehemals 28 Teichen existieren heute noch 11, worunter der Schapenbruchteich, der Mittelteich und der Kreuzteich als größte zu nennen sind. Im Winter sind dort die Schlittschuhläufer zu Hause. Zwischen den Teichen befindet sich eine Fischzucht, hier gibt es auch heute noch immer frischen Fisch. Gaststätten wie der Herrenkrug oder das Teetied-Haus runden einen sonntäglichen Spaziergang mit der Familie an den bezaubernden Teichen ab und laden zum Verweilen und Speisen ein. Wie aus dem Reiseprospekt.
Und da ich nun auch langsam Hunger bekam, machte ich mich wieder auf dem Heimweg aus Riddagshausen heraus. Ich bog allerding irrtümlicherweise zuerst an den Teichen nach rechts in Richtung Bevenrode ab. Als ich dann an der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft Braunschweig entlangschlenderte, kam mir der Gedanke, das hier irgendwas nicht stimmte. Ich also zurück, und dann von Riddagshausen aus gen Prinzenpark gewandert. Dort, am Ende des Ortes, wohnte übrigens ganz feudal und zurückgezogen Herzogin Viktoria-Luise, einzige Tocher des letzten deutschen Kaisers, bis kurz vor ihrem Tod 1980 hinter großen Maueren.
Ich sagte doch, Riddagshausen ist ein Ort wie aus dem Bilderbuch, hier gefällt es sogar anspruchsvollen Kaisertöchtern.
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