Die letzen Hippies von Lehndorf

ortsschild_lehndorf.pngEigentlich gibt es keine Hippies in Lehndorf, jedenfalls, soweit ich weiß. Aber ein kleines bißchen schon, siehe weiter unten im Text. Doch erst einmal zu Lehndorf. Beim oberflächlichen Blick auf Lehndorf, beziehungsweise einer schnellen Durchfahrt auf der Hauptstraße fallen vor allem zwei Dinge auf: die Mühle und die Tristesse der Siedlung. Letzteres werde ich später relativieren. Denn jetzt geht es erst einmal um die 1912 erbaute Roggenmühle, sozusagen das Wahrzeichen Lehndorfs, schon von Weitem zu erkennen, besonders gut von der Autobahn aus.


Die Mühle war zum Zeitpunkt der Erbauung eine der größten Industriemühlen Deutschlands und mit den damals modernsten Müllereimaschinen ausgestattet, hatte luftige Lagerhäuser und mehrere Elevatoren. Die braunschweigische Landeseisenbahn hatte schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Ringgleis für die Versorgung der jungen Industrie im Westen der Stadt angelegt, die Infrastruktur für die Mühle war geschaffen. 1921 erfolgte der Zusammenschluss der Braunschweiger Roggenmühle AG mit der noch heute bestehenden Mühle Rüningen. Beim schwersten Luftangriff auf Braunschweig am 15. Oktober 1944 wurde auch die Lehndorfer Mühle schwer beschädigt. 1987 wurde der Betrieb der Mühle beendet und der Gesamtkomplex unter Denkmalschutz gestellt, die Nutzung der Silos für die Rüninger Mühle wurde jedoch noch bis 1999 fortgesetzt. Teile der Mühlentechnik wurden nach der Stilllegung 1987 nach Südafrika verkauft.

Lehndorf_1.jpgIn ihrer fast hundertjährigen Geschichte brannte die 100 m lange und 30 m hohe Mühle drei Mal: Das erste Mal 1913, ohne schwerwiegende Schäden, ein zweites Mal 1914, als ein einzelnes Getreidesilo in Flammen stand. Der dritte und größte Brand aber brach am im April diesen Jahres aus und zerstörte den kompletten Silobereich. Aufgrund fahrlässiger Brandstiftung durch unsachgemäß ausgeführte Schweiß- und Flexarbeiten kam es zu einem Schwelbrand durch Funkenflug, der zunächst unentdeckt blieb. Das trockene Wetter und die Tatsache, daß die Silos und große Teile der weiteren Einrichtung des Gebäudetraktes aus Holz bestanden, taten ihr Übriges dazu bei, um die siebenstöckigen Silos schnell in Flammen stehen zu lassen. Die Temperaturen am Brandherd erreichten um die 1000° C, so daß selbst Stahlträger im Gebäudeinneren schmolzen.

Lehndorf_16.jpgLehndorf_18.jpgDie Löscharbeiten gestalteten sich wegen der hohen Temperaturen sehr schwierig und gingen bis in die Abendstunden. Insgesamt waren 300 Feuerwehrleute aus Braunschweig und Umgebung an ihnen beteiligt. Sie konnten jedoch trotz Einsatzes großer Mengen Wassers und Löschschaums den teilweisen Einsturz der Ost- und Westseite des Silokomplexes nicht verhindern. Um einem unkontrollierten Einsturz zuvor zu kommen, wurden die Silos abgerissen.

Doch die Mühle als Wahrzeichen wird den Bürgern erhalten bleiben und schon bald in neuem Glanz erstrahlen. Erste Pläne für eine Neunutzung des Gebäudekomplexes gab es bereits Anfang der 1990er Jahre, wurden aber nicht umgesetzt. Schließlich, nach knapp 20 Jahren Leerstand, begannen Investoren 2006 mit Umbaumaßnahmen. Geplant ist ein Gewerbeobjekt mit Büros, einem Hotel und verschiedenen Gastronomiebetrieben. Ein schicker Aldi auf dem Gelände vor der Mühle hat bereits seine Türen geöffnet.

Lehndorf_2.jpgLehndorf_3.jpg Nachdem ich die Mühle von allen Seiten fotografiert hatte, ging ich in den Ort hinein. Rechterhand befindet sich die große Lehndorf-Siedlung, die 1934 erbaut wurde. Die beiden Teile von Lehndorf werden von der Bundesstraße 1, der Hannoverschen Straße, voneinander abgetrennt. Schon in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts gab es Überlegungen, für die Menschen, die in teilweise unwürdigen Quartieren der Braunschweiger Innenstadt lebten, neue Wohnungen zu schaffen. Es wurden Pläne vorgelegt für Siedlungen in Lehndorf, Mascherode, die Nibelungensiedlung und die Gartenstadt.


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Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 wurden die Siedlungspläne dann zügig umgesetzt, der Bau der „Gemeinschaftssiedlung Lehndorf“ wurde begonnen. Zudem wurden dringend Wohnungen für die Arbeiter der nahegelegenen MIAG benötigt, die während des Krieges ein Rüstungsbetrieb gewesen ist, ebenso für die Arbeiter der LFA, der Reichsluftfahrtforschungsanstalt auf dem heutigen Gelände von FAL und PTB. Bis 1936 entstanden 2600 Wohneinheiten. In den ersten dieser Blocks sollten ehemalige Sträflinge resozialisiert werden. In den dahinter liegenden Straßen wurden Ein- und Zweifamilienhäuser mit Stallungen errichtet. Am Rand der Siedlung entstanden großzügigere Einfamilienhäuser für Akademiker. Die Straßen wurden nach dem sogenannten „Anschluss“ des Saarlandes nach Orten des Saargebietes benannt. Im Juli 1935 stattete Adolf Hitler der „Mustersiedlung“ einen kurzen Besuch ab.

Lehndorf_9.jpg Das „Aufbauhaus“ bildet bis heute den dominanten Mittelpunkt der Siedlung. Es enthielt eine Volksschule und sämtliche für die Siedlung notwendigen Behörden; heute sind dort die Grundschule Lehndorf, ein Kindergarten, der Jugendtreff „Turm“ und eine Dienststelle der Polizei untergebracht. Wenn man durch die Siedlung geht und die klotzigen und lieblosen Bauten sieht und dabei den geschichtlichen Hintergrund kennt, dann wird einem vieles klarer. Ich habe Verwandte in Lehndorf und war deshalb schon öfter dort. Eine Tante hat übrigens noch Möbel von mir auf ihrem Dachboden gehortet, aber das ist eine andere Geschichte. Einer anderen Tante, die am Ende der Siedlung wohnt, habe ich noch einen kleinen Besuch abgestattet und einen Kaffee getrunken. Dabei hat sie mir noch einige Chroniken über Wolfenbüttel und Appelnstedt mitgegeben, vielleicht kann ich das nochmal gebrauchen. Ganz stolz hat sie mir die Stelle im Buch gezeigt, an der aufgelistet wird, daß ihr Mann 1948 ein Grundstück in Appelnstedt gekauft hatte, wo sie lange gelebt hatten.

Lehndorf_5.jpgLehndorf_4.jpg Nach dieser kleinen Stärkung setzte ich meine Wanderung fort. Ich wollte heute nicht die ganz große Tour machen, aber ein paar Kilometer mehr können ja auch nicht schaden, deshalb spazierte ich durch den nahe gelegenen Wald in Richtung Kanzlerfeld und FAL. Dort an der Straße stieß ich auf das “TamTam”, einer ehemaligen Diskothek. Auch die hatte dieses Jahr gebrannt, aber eine Sanierung und Wiedereröffnung ist in diesem Fall wohl nicht sehr wahrscheinlich. Ich bin dann noch ´ne ganze Ecke weiter bis nach Lamme und wieder zurück. Das war mein ganz persönliches Peine-Paris-Lamme.

Lehndorf_6.jpg Jetzt endlich zu den Hippies. Als ich wieder nach Lehndorf in die Siedlung zurückgekehrt war und die sauberen Reihenhäuser sah, erblickte ich plötzlich einen ziemlichen Ausreißer. Ein kleines, hutzeliges und ziemlich chaotisch “dekoriertes” Häuschen, hatte sich heimlich still und leise zwischen die ordentlichen Häuser geschummelt. “We all live in a yellow submarine”, stand dort unter anderem an die Fassade geschrieben. Und dazu noch allerhand Shiva-Gott-Gefasel. Scheinbar werden oder wurden dort Fakir-Kurse angeboten. Was es nicht alles gibt! Und das im beschaulichen Lehndorf. Auf meinem weiteren Weg sind mir dann mehrere Kreideaufschriften auf den Fußgängerwegen aufgefallen, unter anderem: “Das Ende der Eiszeit ist nah!” oder so ähnlich. Offensichtlich müssen immer noch ein paar sonderbare Hippies oder andere Gestalten in Lehndorf ihr Umwesen treiben. Ich bringe das U-Boot-Knusperhäuschen jetzt einfach mal mit den Kreideschriften in Verbindung, ohne das beweisen zu können. Jedenfalls konnte ich keins der umtriebigen Hippie-Wesen in freier Wildbahn erspähen, so lautlos ich auch durch das Unterholz schlich. Klingt wie Yeti. Soviel also zu meiner Begegnung der dritten Art. Aber etwas halb-esoterisches habe ich dann doch noch gefunden: In Lehndorf gibt es “die Wunschfänger“, ein sympathisches Unternehmen, das unerfüllte und ausgefallene Wünsche maßgeschneidert für einen selbst oder Freunde erfüllt. Ich hätte da auch so den ein oder anderen ungewöhnlichen Wunsch auf Lager. So würde ich wahnsinnig gerne einmal ein Live-Interview mit Heinrich dem Löwen führen und ihn dabei nach seiner Meinung über das heutige Braunschweig fragen. Was er wohl sagen würde, wenn er hörte, daß Braunschweig Stadt der Wissenschaft ist? Vielleicht würde er wissen wollen, ob die Alchimisten heute endlich aus wertlosem Metall Gold zaubern können? Aber wahrscheinlich würde ich sein altes Deutsch gar nicht erst verstehen und umgekehrt er das meine nicht. Jetzt aber aufgewacht! Ich muß weiter.

Lehndorf_17.jpgLehndorf_14.jpgLehndorf_12.jpgLehndorf_11.jpg Ich wußte, daß es noch irgendwo einen alten, hoffentlich pittoresken Dorfkern gibt. Ich also hin. Und behielt recht. Alt Lehndorf als ältester Teil Lehndorfs und früher eigenständiges Dorf wurde 1067 als “Lentorpe” an der Straße Braunschweig–Hildesheim zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Auch Lehndorf wurde durch Fehden mit den Herzögen oft in Mitleidenschaft gezogen. Hier an der Großen Straße befindet sich das eigentliche Zentrum Alt-Lehndorfs: da ist zum Einen die Kreuzkirche mit dem stillen Friedhof, das klassizistische Pfarrhaus gegenüber und das Gasthaus, in dem sich 1779 die erste Schule befand. Eine 1891 erbaute stattliche Hofanlage an der Hannoverschen Straße steht unter Denkmalschutz und beherbergt heute ein Seniorenheim.

Lehndorf_15.jpgIm Jahr 1245 wurde die Kirche schriftlich bezeugt. Bei dieser in romanischem Stil erbauten Dorfkirche handelt es sich um das heutige Querschiff der Kreuzkirche. Die Mauern, teilweise heute noch sichtbar, waren aus Bruchstein, wie er auch bei dem Bau der Stadtkirchen Braunschweigs im 12. Jahrhundert verwendet worden ist. Nach dem Entwurf des Regierungs- und Baurates Pfeifer, der neben Ludwig Winter als der bedeutendste Architekt des Herzogtums Braunschweig anzusehen war, wurde 1903 - 1905 die ”Dorfkirche” zur kreuzförmigen Saalkirche erweitert, der Zugang vom Turm an die neue Südseite verlegt, während im Norden eine Altarapsis und eine Sakristei angebaut wurden. Aufgegeben wurde die alte Ostrichtung der Kirche, indem man jetzt die Kirche nach Norden ausrichtete. Pfeifers Umbau ist von bestechender gestalterischer Qualität, wenn man ihn mit anderen Kirchenneubauten dieser Zeit in Braunschweig vergleicht. Um so höher ist dann Pfeifers Leistung zu bewerten, wie er den neuen Südgiebel zur Großen Straße mit den Anklängen an den damals blühenden Jugendstil und mit seinen rundbogigen Fenstern bescheiden und zurückhaltend mit der mittelalterlichen Dorfkirche verbindet. Bei einer intensiven Betrachtung des Pfeiferschen Nachlasses fällt auf, dass er in Lehndorf zweifellos ein architektonisches Juwel geschaffen hat. Das schreibt Wikipedia, und ich finde das auch.

Lehndorf_7.jpgLehndorf_8.jpg Weiter nördlich in Lehndorf findet man das Waldhaus Ölper. Warum das Ölper heißt, weiß ich nicht, schließlich ist es in Lehndorf, nicht in Ölper. Vielleicht hat man es aber auch einfach von Ölper nach Lehndorf versetzt, wie das beispielsweise in Riddagshausen so üblich ist. In meiner Familie sagt man:”Ich glaub´, ich muß mal Ölper Waldhaus!”, was soviel heißt wie:”Ich muß mal kotzen!” Ich weiß nicht, ob der Spruch auch über meine Familie hinaus bekannt ist, aber bei uns sagt man das so. Vielleicht hatte das Waldhaus mal einen überaus schlechten Ruf. Jedenfall scheinen sie sich ganz gut davon erholt zu haben.

Lehndorf_10.jpg An der Großen Straße befinden sich zu guter Letzt auch einige in Reiterhöfe umgewandelte Bauernhöfe. Wenn man von den Pferdekoppeln in Richtung Innenstadt schaut, bohren sich am Horizont die mächtigen Hochhaustürme an der Autobahn in den Himmel. Wenn es hier einmal sehr diesig sein sollte und der geneigte Betrachter ein wenig Phantasie besäße, könnte er den Hochhauskomplex glatt für ein mächtiges Bergmassiv halten, das sich idyllisch hinter den Weiden erhebt. Aber nur fast. Ich schaute nicht nur in Richtung der Hochhäuser, ich ging auch an ihnen vorbei zum Rudolfsplatz in die Innenstadt. Und damit war meine kleine Wanderung offiziell beendet.

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