Lecker! Lecker! Mumme!
Am Wochenende schaute ich auf der 2. Braunschweiger Mumme-Meile in der Innenstadt vorbei. Ich persönlich betreibe Shoppen nicht gerade als Hobby, und auch verkaufsoffene Sonntage reißen mich nicht gerade vom Hocker. Aber die traditionsreiche Mumme in Ehren zu halten, finde ich wiederum ein ehrenvolles Vorhaben. Schließlich war die Mumme als eines der ältesten Starkbiere schon im Mittelalter aufgrund seiner langen Haltbarkeit Braunschweigs größter Exportschlager weltweit, geriet aber irgendwann in Vergessenheit. So wollte ich doch einmal herausfinden, ob die Mumme wirklich noch lebt. In dem Text “Zwei Veteranen des Bierstaates” von Julius Stinde wird über den längst vergangenen Ruhm der Mumme berichtet:
„Trinkt ein Javaner Mumm’, wie wir in Büchern lesen,
So schwert er hoch und theur, er sey bey Gott gewesen.
Der Mogol meint, er sey bis an die Stern entzuckt,
Wenn er nur einen Trunk von diesem Safte schluckt. –
Fragt einer, welches denn die Ursach dessen sey?
Er isset Speck und Wurst und trinket Mumm’ dabey.“
Und im Braunschweigischen Bierbuch von 1723 heißt es: “… die Mumme, welche ein angenehmer, wohlriech- und schmeckender Gersten-Safft ist, so in der Stadt Braunschweig gekochet, und wegen ihrer Vortrefflichkeit die Tag und Nacht gleichmachende Linie passieret und bis in beyde Indien verfahren wird, worin sie es allen anderen Bieren zuvor thut …”
In Braunschweig hat man eben immer irgendwie das Gefühl, daß es hier einst eine gewisse Größe gegeben hat, doch wo ist dieser Ruhm nur hin? Wie konnte es nur passieren, daß solch eine “Weltmarke” nicht überdauert? Fragen über Fragen. Es ist halt so, daß die Mumme Vorzüge gegenüber anderen Bieren hatte, die heute nicht mehr entscheidend sind. So eignete sie sich hervorragend als Proviant für die langen See- und Entdeckungsreisen des 15. und 16. Jahrhunderts. Um die Haltbarkeit des Getränks noch weiter zu verlängern, wurde der Alkoholgehalt verdoppelt, und es entstand die sogenannte „Schiff-Mumme“ oder „Segelschiff-Mumme“.

Doch an diesem Wochenende war zumindest in Braunschweig die Mumme wieder außerordentlich präsent. Auf dem Kohlmarkt gab es Stände mit Mumme-Leckereien und einer Musik-Bühne, in der Burgpassage wurden alte Geräte zur Abfüllung und Flaschen gezeigt und im City-Pint gab es die Mumme-Masters, ein Kochduell der Braunschweiger Prominenz. In einigen Braunschweiger Restaurants wurden speziell mit Mumme zubereitete Speisen angeboten, das Ganze nannte sich Mummenschanz. So wurden unter anderem “Medaillons vom Schwein, Hühnchenbrust und Rumpsteak vom Grill mit Mummesoße, sautiertem Wirsing und Bratkartoffeln” oder etwa “Hirschbraten in feinster Braunschweiger Mummesoße” angeboten. Immer schön deftig, wie wir es in Braunschweig gerne haben. So las ich kürzlich, daß es in Braunschweig keinen einzigen echten Gourmettempel mit Spitzenkoch gäbe, was die Braunschweiger aber kaum vermissen würden. Wahrscheinlich sind wir durch jahrhundertelangen Mumme-Konsum nachhaltig geschädigt. Der Mummenschanz hat übrigens nichts mit der Braunschweiger Mumme zu tun, sondern ist das maskierte Umherziehen in der Fastnacht. Aber andererseits sind wir Braunschweiger beim Karneval ja auch ganz groß.
Und wie ich so durch die verregnete, aber doch gut gefüllte Braunschweiger Innenstadt spazierte, grübelte ich darüber, wie es bloß zum Niedergang der Mumme kommen konnte. Also, das war so: 1603 begann ein Streit zwischen Braunschweig und Bremen und dauerte fast 100 Jahre. Aufgrund des hohen Absatzes von Mumme wurde von den Bremer Bürgern die Durchfuhr der Mummetransporte mit einer hohen Steuer belegt. Nach zahlreichen Versuchen seitens Braunschweig einigte man sich 1614 auf eine Steuer von einem 1/2 Reichstaler pro Faß. Der Verkauf der Mumme wurde fortan den Bremern überlassen. Ich war ja immer ein großer Freund von Bremen, kenne sogar Bremer, und Werder ist sowieso super, aber diese Gemeinheit nehme ich den Bremern noch heute übel. 1675 war der Braunschweiger Herzog Rudolph August an der Hebung des Handels seiner Hauptstadt interessiert und unterstützte den Export von Mumme, da das Durchfuhrverbot durch Bremen inzwischen aufgehoben war. Zwischen 1712 und 1719 sank der Absatz der Mumme aber so rapide, daß man den Handel einstellen mußte. In der Mitte des 18. Jahrhunderts fand man in Braunschweigs zehn Brauereien nur noch zwei, die Mumme brauen. Darunter war die alte und angesehene Brauerei Nettelbeck. 1944 wurde das Brauhaus durch Bomben vollkommen zerstört und 1949 nahm man die Produktion in Stöckheim wieder auf. Zu dieser Zeit übernahm der Braunschweiger Lotterie-Einnehmer Leo Basilius das Rezept von den Geschwistern Nettelbeck. Bis heute wird die Braunschweiger Mumme von der Familie Basilius, mittlerweile in der 3. Generation produziert und vertrieben.
Die Mumme lebt!


Und seit gut einem Jahr hat das Braunschweiger Stadtmarketing die Mumme wieder entdeckt: Im Oktober/November 2006 wurde die erste „Braunschweiger Mumme-Meile“ in der Innenstadt veranstaltet. Besuchern wie Bewohnern der Stadt sollte dieser Teil Braunschweigischer Wirtschaftsgeschichte und die Mumme-Tradition wieder näher gebracht werden. Der Erfolg war so groß, daß an diesem Wochenende nun die 2. Meile folgte.
Die Braukunst in Deutschland hat eine lange Tradition. Aber welche Biersorte kann schon mit 600 Jahren Braugeschichte aufwarten? Bei welchem Bier gibt es derart viele Legenden wie um die Mumme? Eine Rechnung der Stadt Braunschweig für das Fest ihres Schutzpatrons St. Au(c)tor aus dem Jahre 1390 belegt dies ungeheure Zeitspanne. Aber es ist zweifelhaft, dass sich „Mumme“ von dem Namen eines Christian Mumme herleitete, denn die Rechnung entstand 102 Jahre vor dessen angeblicher Rezepturverbesserung. Auch die Jahreszahlen 1492 bzw. 1498 dürften sich eher an historischen Ereignissen, wie der Entdeckung Amerikas oder der Entdeckung des Seewegs nach Indien orientiert haben und somit ebenfalls zur Legendenbildung beigetragen haben. Der Legende nach soll Christian Mumme sein Bier in dem mit 1463 datierten und bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg tatsächlich vorhandenen Fachwerkhaus am Alten Petritore 2 gebraut haben; eine Illustration diente seither als Beleg für die Authentizität, wie auch die heute noch vorhandene geschnitzte Holzfigur eines Mannes mit einem Passglas, die an dem Haus befestigt war. Allerdings wurde ein Christian Mumme in Braunschweig urkundlich niemals erwähnt, was zumindest insofern verwunderlich ist, als daß er der Erfinder des angeblich nach ihm benannten Getränkes gewesen sein soll. Hätte dieser Christan Mumme wirklich existiert und das Getränk erfunden, würde er doch in den Annalen der Stadt verzeichnet sein. Ein weiteres Indiz für die Existenz des Bieres vor 1492 stammt aus dem Jahre 1425, als der Hessische Landgraf bei einem Besuch in Braunschweig zwei Fässer Mumme verzehrt haben soll.


Dann gibt es da noch das so genannte „Mumme-Kind“. Ein Kupferstich stellt das Kind als extrem übergewichtigen jungen Mann dar, der an seiner Vorliebe für Mumme gestorben sein soll, da er sich an ihr im wahrsten Sinn des Wortes zu Tode getrunken haben soll. Die Bildunterschrift lautete: „Abbildung eines Maltz-Kärners in Braunschweig, dem die Mumme so ungemein wohl geschmecket, daß er darinne sich so dicke, ja, gar zu Tode gesoffen, seines Alters 30 Jahr, an dem Gewicht hat er gewogen drey und einen halben Centner.“
Krünitz’ Oeconomische Encyclopädie zählt 1773 unter Verweis auf weitere Quellen und in Abhängigkeit von der Zubereitungsphase, wie der Gärung oder auch dem Sieden folgende angebliche Bestandteile auf: Bohnen, Rinde und Spitzen von Tannen und Birken, Cardobenedictenkraut, Blüten von Sonnentau, Holunder und Thymian, Pimpinelle, Betonien, Majoran, Polei, Kardamom, Hagebutten, Alant, Gewürznelken, Zimt und sogar Eier. Zur Erzielung der dunkelroten bis –braunen Färbung soll auch Kirschsaft zugesetzt worden sein. Der Wahrheitsgehalt dieser Angaben muss allerdings stark angezweifelt werden, da einige Bestandteile auch als Gerüchte verbreitet wurden, um den Ruf der Braunschweiger Mumme und damit ihren Absatz zu schädigen.

Selbst Hans Christian Andersen erwähnt in seinem Märchen “Des Junggesellen Nachtmütze” die Mumme: “Das deutsche Bier war so gut, und es gab so viele Sorten: Bremer, Prysinger, Emser Bier - ja, Braunschweiger Mumme, und dann alle die Gewürze wie Safran, Anis, Ingwer und besonders Pfeffer.”
Angeblich war ein Braunschweiger Ritter für die Namensgebung des bayrischen Bockbiers verantwortlicher, als er sich mit dem bayrischen Herzog auf ein Wetttrinken eingelassen hatte. In diesem Falle hatte die Wirkkraft der Mumme dem Bockbier gegenüber allerdings das Nachsehen.

Eher unter die Anekdoten fällt die Mumme-Probe. Süße und Zähflüssigkeit der Braunschweiger Mumme waren ihr Qualitätsmerkmal. Deshalb hatte sich eine Art Qualitätskontrolle entwickelt, die Maßstab sein sollte für die Güte der Mumme und damit für ihre Rezeptur. Man ging dabei wie folgt vor: Auf einen Stuhl oder Schemel wurde ein wenig Mumme gegossen und verstrichen. Anschließend musste sich jemand darauf setzen und sofort wieder aufstehen. Klebte die Sitzgelegenheit nun an seinem verlängerten Rücken, war die Mumme-Qualität einwandfrei.
Und hier noch das Mumme-Lied von Johann Ulrich König:
Brunswyk, du leiwe Stadt,
vor vel dusent Städen,
dei sau schöne Mumme hat,
dar ik Worst kann freten.
Mumme smekkt noch mal sau fin,
as Tokay un Mosler wyn,
Slakkworst füllt den Magen …
Jetzt aber genug von den alten Kamellen. À propos: Es gibt übrigens auch Mumme-Bolchen. Bolchen sind bei uns Bonbons. Ich durfte an einem Verkaufsstand auch eins kosten. Lecker! Lecker! Mumme! Aber besoffen bin ich davon nicht geworden, denn die heutige Mumme enthält hauptsächlich Maltose, aber auch Glucose, Sacharose und Fruktose. Wegen der erwähnten Süße und Zähflüssigkeit genießen nur wenige das Getränk pur, weshalb es meist als Zusatz für Speisen und Getränke Verwendung findet. Das Ergebnis der selbst verordneten Alkoholfreiheit ist spürbar: Braunschweiger Mumme hat sich vom einstigen Exportartikel Nr. 1 der Stadt zum Souvenir für Touristen oder als Medizin in Apotheken zurück entwickelt. Viel mehr möchte ich hier nicht über die Mumme berichten, sondern verweise lieber auf den Wikipedia-Artikel über die Mumme, der in die Liste der exzellenten Artikel abei Wikipedia ufgenommen wurde. Ist ja auch ´ne tolle Geschichte.
Geld läßt sich mit der Mumme heute nicht mehr verdienen, obwohl sie seit der Mumme-Meile einen neuen Aufschwung erlebt hat. Der Besitzer der Braunschweiger Firma Nettelbeck betreibt das Brauen und den Verkauf der Mumme eher als Hobby. Was also tun, um die Mumme wieder zum Exportschlager Nummer eins werden zu lassen? Die Firma Nettelbeck hat ihre Mumme früher mit dem Slogan “Jugendfrische Nervenkraft Nettelbecksche Mumme schafft” beworben.
Ja, das ist es doch! Mumme als Energy-Drink!
Das ist jung, das ist frisch, das ist angesagt!
“Red Lion verleiht Flüüügel!” oder so ähnlich.
Mumme, der älteste Energy-Drink der Welt!
Das gibt Mumm in den Knochen!
So, jetzt aber Schluß mit dem Mummenschanz.
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