Peine - Paris - Lamme

ortsschild_lamme.pngVorneweg: Peine - Paris - Lamme sagt man im niedersächsischen Raum, wenn man einen großen Umweg beschreiben will, oder eine große Umständlichkeit. Bekannt ist auch die Kombination Peine-Paris-Pattensen. Pattensen oder Lamme sind außerhalb Niedersachsens wohl eher weniger bekannt, und Peine kennt man bundesweit allerhöchstens als Geburtsstätte Oliver Kalkofes. Also ich persönlich kenne Lamme zwar besser als Paris, aber das hat ja nichts zu sagen. Mehr über den Ursprung dieses Spruchs habe ich leider nicht herausgefunden, aber man muß auch nicht immer alles wissen. Wenn aber jemand genauere Informationen hat, dann bitte melden!



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Nachtrag: Tatsächlich verlor sich Herr Beschorner, ehemaliger Lammer, auf meine Seite (siehe Kommentar unten) und wußte eine mögliche Erklärung: “Ein mutiger Flieger wollte mit seiner Maschine von Peine nach Paris fliegen. Gut gestartet ist er dann wohl auch noch, nur Paris hat er nie erreicht, da er in Lamme “runtergekommen” ist - neudeutsch: abgestürzt - und das war dann das Ende der Reise.”

Jedenfalls habe ich bei meinem Besuch in Lamme tatsächlich am Straßenrand, ein paar Meter von der Straße entfernt, einen Wegweiser mit der Aufschrift “Peine-Paris-Lamme” gefunden. Dort ging gerade eine Frau, die ich freundlich mit “Guten Tag!” begrüßte, woraufhin sie sich schnell von mir abwandte und enteilte. Wahrscheinlich wird die Arme tagtäglich von Touristenströmen malträtiert, die alles von ihr über Lamme wissen wollen. So wird es sein. In Hannovers Zoo, im Bereich Sambesi-Park, gibt es übrigens einen Wegweiser in der Variante “Peine-Paris-Pattensen”. Wieder was dazugelernt. Ach ja, es gab oder gibt, habe ich jedenfalls nicht heraus finden können, eine Gaststätte in Lamme, die den Namen “Peine-Paris-Lamme” trug oder trägt und eine Poststelle besaß oder besitzt.

Lamme_9.jpg Auch zu früheren Zeiten muß es schon eine Art Vorläufer von Postdiensten gegeben haben. Postdienste machten die Verwaltung über Herrschaftsbereiche, des Handels und nicht zuletzt auch Kriegsführung überhaupt erst möglich. Eine solche Postverbindung war zum Beispiel der Hellweg. Er begann am Niederrhein, führte entlang der Mittelgebirge zur Weser, querte bei Hameln den Fluss, ging weiter entlang des Deisters und erreichte die mittlere Elbe. Früh schon bilden sich Abzweigungen. Römer nutzten die Flüsse als Einfallstor nach Germanien, machten Moore passierbar und legten Heerstraßen an. Solche Straßen sind zwischen der Ems bis zur Weser und Elbe nachweisbar. Der Handel übernahm später weitgehend diese Straßen. Von der Ems führt eine solche Straße nach Minden um den Deister nach Peine, Braunschweig bis Magdeburg. Eine weitere führte von der Ems über Verden, Soltau, Uelzen nach Osten. Peine! Ich hab´s doch gewußt! Möglicherweise liegt hier ja der Ursprung der Redensart! Kann mir einer das Gegenteil beweisen?

Lamme_7.jpgLamme_5.jpgLamme_1.jpg Es war ein wolkenreicher Samstag, als ich Lamme besuchte. Ich machte eigentlich gerade meine Lehndorf-Tour, wagte dann aber einen kleinen Abstecher nach Lamme, einfach, weil ich noch genug Energie hatte. Und als ich auf einem Wegweiser Nähe der FAL den Ortsteil Lamme las, fiel mir auch gleich der Spruch ein. Also nichts wie hin! Vielleicht gibt´s da ja was zu sehen. Ich meine, mit so einem Pfund, als Ort in einer Redensart vorzukommen, da muß man doch mit wuchern! Touristische Attraktionen! Aber wie gesagt, bis auf den Wegweiser gibt es dort nicht viel zu sehen. Na ja, da war dann noch ein kaputter Kaugummiautomat, vielleicht ausgeraubt?

Lamme_4.jpg Die erste Besiedlung Lammes wird in der Zeit der Glockenbecherkultur (2800 bis 2000 v.Chr.) vermutet. Einige Forscher datieren die erste urkundliche Erwähnung in das Jahr 780, als der sächsische Fürst Uodiltag und seine Gattin Wentelsvint dem Kloster Fulda in 20 Orten des Liergaus Güter übertrugen, darunter das Gut „Lammari“. Die Urkunde sagt wörtlich „tradiderunt“ was mit „übertragen“ aber auch mit „ausliefern“ übersetzt werden kann. Vermutlich wurde der übertragende „Edle Uodiltag“ in Fränkisch- Sächsischen Kriegen gefangen genommen. Um sich freizukaufen übertrug er 20 Dörfer aus seinem Besitztum an die Franken. Somit wurden fränkische bzw. den Franken genehme Bauern in Lamme angesiedelt. Die heutige Schreibweise „Lamme“ wurde 1226 erstmals erwähnt, dies gilt heute offiziell als die erste urkundliche Erwähnung Lammes.

Lamme_2.jpgLamme_3.jpgEbenso umstritten wie die Datierung Lammes auf um 800 ist die Deutung seines Namens. Der heutige Name „Lamme“ entwickelte sich einer vertretenen Theorie zufolge aus dem Namen „Lammari“. Das Wort „Lammari“ setzt sich demnach aus zwei Silben zusammen. Die erste Silbe „Lam“ ist ein verklungenes Wort für Sumpf, Morast, Schlamm. In der Tat befindet sich noch heute morastiger Boden in dem Tal zwischen dem heutigen Lamme und dem Ortsteil Tiergarten und dem Kanzlerfeld. Durch die mangelnde Entwässerung dieses Sumpfes wurde in den Regenmonaten daraus ein flacher See. In der Literatur wird somit ebenfalls auf das französische Wort „Lame“ (sprich „Lam“) hingewiesen. Es bedeutete einmal „dünne Platte, dünne Scheibe“, zum anderen „Woge“ und „See“. Die zweite Silbe „Mari“ ist erheblich jünger, ca. 2000 Jahre alt. Es ist davon auszugehen, daß vorgermanische Völker, die auf diesen „Lam“ stießen, dort Anwohner vorfanden, die ihnen das Wort „Lam“ zwar mitteilten, die Bedeutung des Wortes jedoch selbst nicht mehr kannten. Die neuen Einwanderer gaben diesem Platz „Lam“ nun den Zusatz „Mari“. Das Wort „Mari“ kommt im Altdeutschen in der abgewandelten Form „meri“ vor. Es bedeutet ebensoviel wie „Sumpf“. So wurde es fortan das „Lam-Mari“.

Jetzt wissen wir zwar erstaunlich viel über die Bedeutung des Ortsnamens Lamme, aber in bezug auf die Redensart hilft uns das auch nicht weiter. Vielleicht sollte ich ja die Bedeutung der Ortsnamen Paris und Peine studieren? Nein, ich geb´s auf.

Lamme_6.jpg Noch ein kleines bißchen Ortsinformationen, der Chronistenpflicht halber: Im 14. Jahrhundert wurde mit dem Bau der Braunschweiger Landwehr und des dazugehörigen Raffturmes begonnen, die einen Verteidigungsgürtel rund um Braunschweig darstellte, wobei die Ortschaft Lamme selbst außerhalb dieser Verteidigungslinie lag. Das Dorf unterstand 1519 bis 1553 und 1569 bis 1671 bereits dem Rat der Stadt Braunschweig. Im 18. jahrhundert entwickelte sich Lamme vom Einwegdorf, entlang der heutigen Frankenstraße, zu einem Haufdorf. 1823 wurde die evangelische Kirche St. Marien anstelle des Vorgängerbaus errichtet. Nach 1945 begann der Einfamilienhausbau vor allem im Bereich westlich und südlich von Altlamme. In den 1960er Jahren entstand der Ortsteil „Tiergarten“. Die starke Zunahme der Einwohnerzahl Lammes durch das Neubaugebiet Lammer Busch machte den Bau eines neuen Kirchhaus notwendig, das im Jahre 2007 an die Gemeinde übergeben werden konnte. Das Gebäude steht an der Stelle des alten Küsterhauses und ist durch einen gläsernen Verbindungstrakt mit der alten Kirche verbunden. Berühmt ist inzwischen auch das Lammer Open Air Festival, das seit 1999 jährlich stattfindet.

Lamme_8.jpgZu guter Letzt gibt es noch ein Buch mit dem Titel Peine, Paris, Pattensen - Literarische Erhebungen im flachen Land. Als das Niedersachsen 1946 gegründet wurde, gab es keine Wurzeln, auf die sich die Bewohner berufen konnten. So ist es auch schwer, eine literarische Tradition auszumachen– zumal die Orte, an denen sich Lichtenberg, Raabe oder Lessing aufhielten, erst lange nach ihren Lebzeiten zu Orten Niedersachsens wurden. Daher wurden zum 60. Geburtstag Niedersachsens seine zeitgenössischen Dichter befragt. In Kurzgeschichten, Essays, persönlichen Erinnerungen, Stimmungsbildern, Landschaftszeichnungen oder Manifesten erzählen sie, wie es sich lebt im Land der Grünkohlfahrten und Schützenfeste. Das hat zwar nichts mit Lamme zu tun, paßt aber irgendwie doch.

Damit war mein Besuch in Lamme beendet, und ich spazierte zurück nach Lehndorf. Das war sozusagen mein persönliches Peine-Paris-Lamme für heute, man könnte auch sagen: Fleischerweg. Aber nein, das ein oder andere interessante Detail habe ich ja doch mitgenommen.

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6 Kommentare für “Peine - Paris - Lamme”

  1. Hallo liebe Autorin oder lieber Autor,
    erst einmal herzlichen Dank für die freundliche Bemühung Lamme so umfassend darzustellen.
    Als ehemaliger Lamme und dauernd verbundener Lammer freue ich mich natürlich über jede Veröffentlichung im Netz, macht es doch Lamme bekannt.
    Ja, was es nun genau mit der Aussage “Peine - Paris - Lamme” auf sich hat, nun, die gab es schon lange vor meiner Zeit. Die Legende - so wie ich sie kenne - erzählt jedenfalls die folgende Geschichte: Danach wollte ein mutiger Flieger mit seiner Maschine von Peine nach Paris fliegen. Gut gestartet ist er dann wohl auch noch, nur Paris hat er wohl nie erreicht, da er in Lamme “runtergekommen” iat - neudeutsch: abgestürzt - und das war dann das Ende der Reise.

    Eine Gastätte gleichen Namens gab es einmal unter der Leitung von Else Jorns und Gerda Playfort, aber die ist zwischenzeitlich aufgegeben worden und heute - leider nur noch Geschichte - jetzt befinden sich an diesar Stelle ausgebaute Wohnungen in der Neudammstraße.
    Soweit meine eigenen Kenntnisse - ich hoffe, ich konnte dazu beitragen das Bild ein wenig runder zu machen und die angedeutete “Stofflichkeit” der Lammer als “Tagesereignis” auf ihren wirklichen Gehalt zurück geführt zu haben.
    In dem Sinne
    Viele Grüße
    Bernward Beschorner

  2. Vielen Dank für diesen interessanten Kommentar und die mögliche Erklärung der Redensart!

    Damit haben Sie meinen Bericht schön abgerundet, danke sehr!

  3. Und ich hab früher immer nur von Peine-Pattensen-Paris gehört…wenn jetzt die Reihenfolge (und auch ein Ort) nicht mehr stimmen sollte, wirft das auf meine Kindheit natürlich ein ganz anderes Licht… :-) Ich bin enttäuscht…

  4. Lassen wir beides gelten!

  5. Hallo Maic,
    die Geschichte des Herrn Beschorner sollte wohl stimmen.
    Denn diese wurde mir als Kind schon erzäht (Lammer Bürger seit 1970). Die besagte Gaststätte von Else Jorns und Miss Playfort gab es tatsächlich, und zwar genau dort wo jetzt auch noch das Schild steht,es ist das weiße Fachwerkhaus an der Hauptstraße.
    Hinter dem Haus befinden sich jetzt Neubauten, dort war früher ein großer Saal mit einer Bühne wo ich als Kind noch Karneval gefeiert habe.Das Schild war damals direkt über dem Eingang der Gaststätte montiert, und im Gastraum hing auch ein Holzpropeller des abgestürtzten Flugzeugs.Die Gaststätte wurde damals ca. mitte-ende der 80er aus Altersgründen aufgegeben und Später zu Eigentumswohnungen umgebaut.
    Den Namen Lamme kannte fast keiner,aber wenn man sagte, kennste Peine-Paris-Lamme, dann sagten alle, aber sicher, da haben wir schon reichlich tolle Partys gefeiert.
    Mit bestem Gruß
    Andreas Twele

  6. Vielen Dank für die Erweiterung dieser netten Geschichte!

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