Keine Burg in Steterburg

ortsschild_thiede.pngWenn ich so durch die Gegend laufe und neue Orte besuche, dann schaue ich schon mal gerne durch fremde Fenster, drehe einen Stein um, und bin gespannt, was sich darunter für Ameisen tummeln. Die Neugier am Entdecken. Und diese Neugier möchte ich auch in meinen Berichten wecken. Ein launiger Text, gespickt mit netten Fotos zum Vergrößern, zoombare Googlemaps und ab sofort: aufpoppende Linkvorschauen von Snap.com mit Maps, Videos, Feeds, Wikipedia-Zusammenfassungen etc. Wie ich allerdings in einigen Blogs gelesen habe, stößt Snap auf wenig Gegenliebe, stört beim Lesen eines Textes. Ich bin dagegen der Meinung, daß diese kleinen Überraschungsfenster einen echten Mehrwert bieten können, wenn sie denn zum “Look-and-Feel” der Seite und den Inhalten passen. Das Entdecken, das Überraschende, gehört halt zur “Philosophie” von harz-und-heideland.de. Deshalb werde ich Snap nun eine Weile ausprobieren, auch wenn es die Ladezeiten erhöht. Auf Meinungen bin ich gespannt.


Thiede_14.jpg Nun genug der Vorrede, jetzt kommt der Bericht: Am sonnigen Sonntag bin ich mit meinem Kumpel Falk von der Dreiundvierzig über Rüningen, das Geitelder Holz und Geitelde nach Salzgitter Steterburg gewandert. Im Geitelder Holz wanderten wir gemütlich über den mit bunten Blättern übersähten Boden und genossen die Ruhe. Plötzlich vernahmen wir ein heimtückisches Klack! Klack! Das Geräusch kam von aneinander stoßenden Stöckern zweier auf uns aufschließender Nordic-Walker. Irgendwie mußte ich dabei an das Ziehen eines Pistolenhahns denken, ebenfalls ein Geräusch, das einen das Blut in den Adern gefrieren läßt. Bald schon schlossen die Möchtegern-Sportler auf uns auf und setzten zur Überholung an. Wir machten einen Schritt zur Seite und erwarteten das Schlimmste. Die beiden grüßten uns und bedankten sich. Nicht alle Nordic-Walker sind gleich.

Also unbeschadet weiter nach Steterburg. Beziehungsweise Thiede. Oder Steterburg-Thiede? Thiede-Steterburg? Jedenfalls, wenn man den Steterburg-Schildern auf der Landstraße folgt, landet man schließlich vor dem Ortsschild Thiede. Also, rechts ist Steterburg und links Thiede. Irgendwie gehören die beiden wohl zusammen, nur die Verkehrsschildverwalter wissen davon nichts. Na egal. In Steterburg steht übrigens das Stift Steterburg, paßt zusammen. Und da wollten wir auch hin. Das war das Einzige, von dem wir wußten, es könnte irgendwie interessant sein.

Thiede_9.jpgAber ich will heute gar nicht gemein sein. Ich weiß, Salzgitter hat ein schlechtes Image, ist als reiner Industriestandort bekannt. Die Fläche von Salzgitter beträgt ungefähr 224km² und hat die zweitgrößte Fläche in Europa. In Salzgitter leben 110.000 Menschen in 28 Ortsteilen. Die Stadt erinnert an eine Ansammlung einzelner Ortschaften, die teils viele Kilometer auseinander liegen. Eine richtige City existiert nicht. Aber das muß ja nichts Schlechtes sein, es verwundert nur. Bei dem Namen Salzgitter denkt man zu allererst an riesige Industriekomplexe, in den Himmel wachsende Schornsteine. Stimmt. Doch da muß auch noch mehr sein!

Thiede_1.jpgWas hat eigentlich Salzgitter mit Salz zu tun? Ganz einfach: Die Stadt ist geschichtlich mit der Gewinnung von Salz verbunden. Im Stadtwappen finden sich zwei Salzhaken, die auf diesen Ursprung zurückgehen. Seinen Namen erhielt die Siedlung vom benachbarten Dorf Gitter (erste Nennung 1347 als “up dem solte to Gytere”). Wegen des großen Eisenerzvorkommens in Salzgitter gründeten die Nazis 1937 die Reichswerke-AG (”Hermann-Göring-Werke“) für Erzbergbau und Eisenhütten.

Doch genug zu Salzgitter im Allgemeinen. Wir waren schließlich nur im Salzgitteraner Stadtteil Thiede, das ist am nächsten dran zu Braunschweig. Mit 10.000 Einwohnern ist er nach Salzgitter-Lebenstedt und Salzgitter-Bad der drittgrößte. Hier ein paar schöne Postkarten aus Thiede-Steterburg. Doch aus der Ferne sieht Thiede nur trist aus. Endlose Felder mit Hochhausklötzen am Horizont. Kurz hinter dem Ortseingang fanden wir auch schon das Hinweisschild zum Stift. Schöne alte, bunte Gebäude mit hübschem Kirchturm und nettem Innenhof, würde ich als Laie sagen. Doch was weiß man schon, wenn man vor so einem alten Gemäuer steht? Man sieht ihm seine Geschichte nicht unbedingt an. Also hier die Fakten:

Thiede_4.jpg Das Damenstift Steterburg wurde 1003 gegründet und trat an die Stelle einer frühmittelalterlichen Burganlage. Diese alte Steterburg wird unter allen Burgen des Landes am frühesten genannt (933 n. Chr.). Laut Widukind von Corvey trieben die Burgherern erfolgreich eine Schar von Ungarn in die Flucht. Soviel weiß man immerhin. Und daß die Erbauung der Burgen Steterburg und Kniestedt unter König Heinrich I. Herzog von Sachsen geschah, der den Beinamen Der Vogler trug. Doch heute sieht man nichts mehr von der Burg. Neben dem Stift fanden wir ein Hinweisschild über die archäologischen Ausgrabungen auf dem Gelände der Burg vor ein paar Jahren. Auf einer Skizze waren die Dimensionen der Burganlage und der Wälle eingetragen, wie auf der Google-Map zu sehen. Dort, wo sich die Burg befand, ist heute ein Neubaugebiet, auf einem kleinen Hügel, keinerlei Burgreste, nur zwei unscheinbare steinerne Pforten als Eingang zum Wohngebiet. Auf der Google-Map sieht man in diesem Kreis übrigens nur Wiese, ist inzwischen alles bebaut.

Thiede_7.jpgUnd wenn man dann durch das angrenzende Wäldchen spaziert und schließlich wieder auf Straße stößt, entdeckt man einen winzigen, trockengelegten Graben, den man mit viel Phantasie als den alten Burggraben identifizieren kann. Wenn man sich vorstellt, was sich in diesem Umkreis für abenteuerliche Mittelalter-Geschichten abgespielt haben! Und heute sieht man nichts mehr davon. Die braven Reihenhäuser lassen nicht erahnen, was hier einmal war.

Thiede_6.jpgThiede_2.jpgThiede_5.jpg Aber das Stift ist wie gesagt noch gut erhalten. Und man weiß auch mehr über seine Geschichte. Gräfin Frederunda von Oelsburg und ihrer Mutter Hathewig erbauten um 1000 das Stift zusätzlich zur damals noch bestehenden Steterburg. 1691 erhoben die Braunschweiger Herzöge Rudolf August und Anton Ulrich das Stift Steterburg zu einem adligen Jungfrauenstift. 1328 zerstörte ein Feuer einen Großteil der Kirche. In den Jahren 1751 bis 1758 ließ Herzog Karl I die heutige Barockkirche erbauen, die zu den bedeutendsten Sakralbauten Salzgitters gehört. Das 1691 erbaute Wohnhaus der Äbtissin im Süden der Anlage ist durch einen mit Tonnengewölbe überdeckten Gang mit Konventsgebäuden und der Kirche verbunden. 1938 baute die Wohnungs AG der damaligen Reichswerke (heute Salzgitter AG) in die Stiftsgebäude 24 Großwohnungen ein.

Thiede_3.jpg Die Gründung des Stifts Steterburg entlastete den braunschweigischen Landadel von seiner Sorge, seine Töchter standesgemäß untergebracht zu wissen. Außerordentlich häufig in den Stiftsannalen wiederkehrende Namen sind die der Familien von Bülow, von Campe, von Cramm, von Grone, von Münchhausen, von der Schulenburg und von Veltheim. Die Aufnahme in ein adeliges Stift bedeutete für jedes Fräulein eine “Standeserhöhung”. Ein Stiftsfräulein war automatisch hoffähig und nahm an allen Lustbarkeiten der Hofgesellschaft teil. Heute ist Stift Steterburg eine evangelische Gemeinde.


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Nun hatten wir genug gesehen vom Stift und sind - stiften gegangen. Wir gingen die Straße weiter und waren plötzlich in Thiede. Wo dort die “Staatsgrenze” liegt, konnten wir leider nicht in Erfahrung bringen.

Thiede_12.jpgThiede_11.jpgMöglicherweise bestand Thiede schon 780 (Thihide), Thidhi 1007, Thide 1166, Tide 1369. 1319 verkaufte Herzog Otto dem Kloster (Steterburg) für 160 Mark das “castrum in Th.” nebst 6 Hufen (180 Morgen). 1440 heißt es, Heinrich v. Stöckheim, wohnhaft zu Thiede, habe auf Bitten des Klosters den Burggraben “utgerichtet”, wie er war, als das Schloß dastand… Bei Thiede handelt es sich um ein haufenförmig, größtenteils jedoch langgestrecktes Dorf. Die vermutlich dem heiligen Georg geweihte Kirche hat ein einheitliches, östlich dreiseitig schließendes Schiff, das aber erst in gotischer Zeit hergestellt worden ist. Die große Glocke trägt den Spruch:”Wer die Glocke hört zu Thiede über den sei Gottes Friede.” Die Schlagglocke trägt folgende Beschriftung: “Hinrich Klemme goß mich zu Brunswick 1628″.

Thiede_18.jpgThiede_13.jpgThiede_17.jpg 1885 entstand der erste Bergbauschacht in Thiede. Ferner wurde die Eisenbahnstrecke Derneburg - Lichtenberg - Salder - Braunschweig gebaut mit einem Bahnhof in Thiede. Das Kalibergwerk wurde 1924 stillgelegt, den Eisenbahn-Haltepunkt SZ-Thiede gibt es heute noch. 1966 wurde in Thiede das erste Hallenbad Salzgitters eröffnet. Salzgitter-Thiede verfügt heute über eine kleinstädtische Infrastruktur.

Thiede_10.jpgThiede_15.jpgIn der Ortsmitte Thiedes neben dem Obelisken fanden wir den 2005 eingeweihten Ständebaum. Die Macher wünschten sich, mit dem Baum endlich so etwas wie eine Ortsmitte zu schaffen, in der man sich trifft. Ob so ein Metallbaum allein reicht? Da muß man schon viel Phantasie besitzen, um sich vorstellen zu können, daß man sich in Thiede jetzt unter dem Baum trifft, weil das halt so angesagt ist. Hier sieht halt alles noch so ein bißchen aus wie in den Fünfzigern. Kleine, gedrungene Ladenzeilen, oft leer.

Thiede_8.jpgVom Sportplatz aus konnten wir sehr schön den herbstlichen Lindenberg sehen und die Spitze des Wasserturms. Doch bevor wir dort hingingen, statteten wir noch kurz dem Bahnhof einen Besuch ab. Ziemlich traurig und verlassen. Die Wände der Unterführung waren mit Kritzeleien nur so übersät. Dutzende Telefonnummern einsamer Herzen und natürlich - pubertäre Kraftworte. Wir fanden dort die Wortschöpfung “Salzghetto”. Die Kids scheinen nicht besonders begeistert…

Thiede_19.jpgThiede_20.jpg In der Hoffnung auf eine weitere Sehenswürdigkeit spazierten wir am Ende unserer Thiede-Besichtigung auf den Lindenberg. Der war Schauplatz Im Dreißigjährigen Krieg. 1641 wurde dort die Schlacht um die Festung Wolfenbüttel ausgetragen. Die Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel und Franzosen, Hessen und Schweden nahmen den Lindenberg ein, doch der Kampf mit den bayrisch-kaiserlichen Truppen ging unentschieden aus. Aus dieser Zeit stammen auch die sogenannten Schwedengräber im langen Holz. Heute ist dort der Wasserturm der Harzwasserwerke zu bewundern. Das war´s. Wir zurück über die Landstraßen. Diesmal über Leiferde nach Rüningen. Landschaft ist schon was Feines. Unendliche Weiten. Fast so groß und weit wie ganz Salzgitter.

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