Hafen-Romantik

ortsschild_hafen.pngAm Samstag habe ich dem Braunschweiger Hafen einen kleinen Besuch abgestattet. Ja, richtig gelesen: Braunschweig hat auch einen Hafen, wer hätte das gedacht! Aber das kann doch kein richtiger Hafen sein, so wie in Hamburg zum Beispiel. Das ist natürlich ein unfairer Vergleich, aber es gibt Wasser in Braunschweig, richtig viel sogar, und Schiffe, die darauf fahren. Allerdings nicht auf der Oker, da kämen sie nicht weit. Die Oker ist schon lange nicht mehr schiffbar. Da paddeln nur Kanus und Flöße, aber ich rede von richtigen Frachtschiffen. Und die gehen eben auch in Braunschweig vor Anker, aus dem Mitellandkanal Kilometer 219,3 - 219,9 kommend. Der etwa 510.000m2 große Hafen befindet sich in Veltenhof, im Norden Braunschweigs. Klar, Richtung Hamburg. Die Hafenbetriebsgesellschft nennt sich auf ihrer Website übrigens vollmundig “Knotenpunkt europäischer Wirtschaftswege”. Aber ein bißchen gesundes Selbstvertrauen schadet ja nicht.


Hafen_BS_7.jpg Zugegeben, wenn man um das kleine Hafenbecken herumspaziert, fragt man sich schon, ob das hier alles Ruinen sind und dieser Hafen vielleicht vor fünfzig Jahren das letzte Mal in Benutzung war. Manche Bauten sehen schon sehr heruntergekommen aus. Aber es gibt auch moderne Gebäude. Und LKWs. Immerhin ein Frachtschiff habe ich von Hannover kommend in den Hafen einlaufen und vor Anker gehen sehen. Sonst war es ziemlich menschenleer. Einige Autos standen vor dem Gebäude der Wasserschutzpolizei und vor anderen Gebäuden der ansässigen Firmen. Am Ankerplatz standen aufgebaut einige hübsche kleine Motorboote, die von ihren Besitzern gehegt und gepflegt wurden. In nördwestlicher Richtung gingen LKWs auf dem Gelände einer Speditionsfirma ein und aus. Sonst war recht wenig los. Lag wohl daran, das Samstag war. Auf der Google-Karte kann man aber ganz gut sehen, daß zuweilen doch ganz schöner Schiffsbetrieb am Hafen herrscht. Aber man weiß ja auch nie so genau, wie aktuell die Google-Maps so sind…


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Hafen_BS_4.jpgHafen_BS_14.jpgHafen_BS_13.jpg Es war schon ein wenig unheimlich, so ganz alleine auf einem wie ausgestorben wirkenden Hafengelände mit lauter Verbotsschildern, auf denen stand: “Ladestraße Benutzung für Unbefugte verboten Lebensgefahr durch Hafenbetrieb” oder “Aufenthalt im Schwenkbereich verboten!” unter den Kränen. Auf dem Fuß- und Radweg am Mittellandkanal gegenüber dem Hafen standen an den Anlegestellen Schilder mit der Aufschrift: “nur mit Sondergenehmigung und zum Bunkern von Trinkwasser”. Ja, wer bunkert denn heute noch Trinkwasser? Wir sind doch nicht mehr im Krieg! Nun, wenn man sich das ein oder andere Hafengebäude so anschaut, dann könnte man annehmen, der Krieg sei zumindest gerade erst vorbei…

Hafen_BS_9.jpgHafen_BS_6.jpgHafen_BS_5.jpg Tatsächlich nahm der Hafen 1936 seinen Betrieb auf. Im Hafen werden Ölsaaten und andere Futtermittel nord- und südamerikanischer Herkunft angeliefert und umgeschlagen. Getreide aus der Region wird angeliefert und per Schiff oder Lkw abtransportiert. Heizöl und Stückgut werden auf dem Bahnweg angeliefert. Seit 1997 wird schließlich Steinkohle aus Südafrika umgeschlagen.

Hafen_BS_3.jpgHafen_BS_22.jpgHafen_BS_11.jpg So spazierte ich also vorsichtig um das Hafengelände herum und paßte höllisch auf, daß mich kein Schwenkkram von den Beinen riß. Aber die Vorsicht war völlig ungerechtfertig. Die Kräne standen alle still, fast wie die Zeit. Der Wind pfiff mir um die Ohren. Auf den freien Plätzen am Hafenrand wurde ich vom Sturm fast von den Beinen gerissen. Aber womit ich kaum gerechnet hatte, war geschehen: die Sonne blickte stundenlang hartnäckig hinter den Wolkenungetürmen hervor und beleuchtete die schaurige Szenerie ganz stimmungsvoll. Grelles Licht und harte Schatten beschrieben einen perfekten Drehort für einen Tatort.

Hafen_BS_15.jpg Tauben flatterten oft ganz plötzlich auf und ließen sich wie an einer Stange aufgereiht auf den Kränen nieder. Auch Hitchcock hätte sich hier wohlgefühlt. Das richtige Ambiente für eine anspruchsvolle Wasserleiche. Dazu das unheimliche Brummen und Summen aus einigen offensichtlich doch funktionsfähigen Silos.

Am südöstlichen Eingangsbereich des Hafens steht eine alte eingeschössige verschlossene Baracke mit der Aufschrift “Truck-Stop“. Dort haben sich womöglich zu früheren Zeiten die Seemänner ihren Seemannsgarn gegegenseitig um die Ohren gehauen oder leichte Mädchen aufgegabelt. In jedem Hafen ´ne Braut. Hafen-Romantik. Aber das muß schon lange her sein. Zumindest befindet sich auf dem Platz eine Bushaltestelle mit aktuellen Fahrplan.

Hafen_BS_18.jpgHafen_BS_17.jpgHafen_BS_16.jpg Im Sommer war ich übrigens schon mal am Hafen. Da Braunschweig ja die diesjährige Stadt der Wissenschaft ist, gibt es an jeder Ecke unterhaltsame Veranstaltungen zum Thema Wissenschaft. Und in diesem Zusammenhang ging die MS-Wissenschaft im Sommer im Hafen vor Anker. Die MS-Wissenschaft ist ein umgebautes Frachtschiff, in dessen riesigem Inneren sich eine multimediale und interaktive Ausstellung zum Thema Sprache befindet. Wie viele Sprachen gibt es, wie sind die Ursprünge, welche sind vorm Aussterben bedroht und so weiter. Im Eingangsbereich des Schiffes befand sich ein “Wörterbaum”, an dessen Ästen die Besucher Zettel mit ungewöhnlichen Wörtern anbringen konnten. Ich mag ja besonders gern “Kladderadatsch“. So ein Schiffsbauch ist übrigens wirklich gewaltig, man glaubt es kaum. Da muß man schon einmal durchgehen.

Hafen_BS_8.jpg Als ich nun mutiger geworden bin, habe ich mich aufgemacht, weiter in die Tiefe zu forschen. In südwestlicher Richtung erstreckt sich das Hafengelände einige hundert Meter parallel zum Mitellandkanal. Dort fand ich tiefschwarze Erd- und Kieshügel und - Tauben. Der Wind piff mir durch die Haare. Sagte ich das schon? Noch ein Stückchen weiter entdeckte ich einen muggeligen Schrottplatz der Firma Cederbaum. Ringsherum war das Gelände mit verrrosten Stahlplatten verbarrikadiert, die aber schon so porös waren, daß die unzähligen Löcher einen einwandfreien Blick auf das chaotische Schrott-Ensemble zuließen. Aber auch hier - Totenstille. Direkt hinter dem Schrottplatz befindet sich das ebenfalls umzäunte Containergelände. Diese Umschlagsanlage bietet Verbindungen zu den Häfen Hamburg und Bremerhaven. Das sieht genauso aus wie in Hamburg, nur kleiner. Rote, gelbe, blaue Container türmten sich bis in den Himmel auf und ließen mich an die große, weite Welt denken. Und an heimliche Einwanderer. Womit wir wieder beim Tatort wären. Von der Gruselstimmung hatte ich nun erst einmal genug und entfernte mich heimlich, still und leise vom unheimlichen Hafen. Ich begab mich noch einmal kurz zu der Brücke über dem Mittellandkanal, von der ich einen prächtigen Blick vom Hafengelände genoß. Nun packte mich aber nicht mehr das große Fernweh, sondern Heimweh. Ich war durchgefroren und hatte Hunger. Außerdem hatte ich alle Fotos verschossen, bei den unzähligen stimmungsvollen Motiven auch kein Wunder.

Hafen_BS_12.jpgHafen_BS_2.jpgHafen_BS_19.jpg Da ich ja zur Zeit ein wenig auf dem Wander-Trip bin, entschloß ich mich, nach Hause zu wandern. Kann ja nicht so weit sein in Braunschweig, denkt sich der Auswärtige, mal eben durch die Stadt. Aber von der nördlichsten Grenze Braunschweigs bis zur südlichsten bedeuten dann doch zwei Stunden Fußmarsch. So brauchte ich eine halbe Stunde, um überhaupt aus Veltenhof rauszukommen, das ein einziges großes Industriegebiet ist. Am Ende Veltenhofs passierte ich noch Ikea und einige andere Möbelhäuser und Baumärkte. Nun spazierte ich die Hamburger Straße herunter. Na, so ´ne Straße runter kann doch nicht so lange dauern. Richtig, nicht länger als eine dreiviertel Stunde. VW-Werk, Stadion, Ölper-See, Heizkraft-Werk. Dann endlich stieß ich auf den östlichen Ring, Höhe Maschplatz. Rudolfsplatz, Sackring, Cyriaksring, Alte Frankfurter Straße. Nach Hause. Nur mal eben so durch die Stadt: zwei Stunden lang. Langsam wurde es dunkel. Auf dieser Wegstrecke konnte ich mich aber schön aufwärmen und mir Gedanken machen. Und ich dachte: Braunschweig mit einer Einwohnerzahl von einer Viertelmillion Menschen ist doch genau die richtige Größe. Städte mit einer halben Million oder drüber kamen mir in diesem Augenblick ganz unheimlich vor. Da muß man sich ja verloren vorkommen. Viel zu groß für einen Menschen. Braunschweig ist nicht zu klein und nicht zu groß und kann sich sogar einen Hafen leisten. Die große weite Welt.

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