Milbergs Reisen

Wenn ich am Wochenende nach einer anstrengenden Wandertour erschöpft nach Hause komme, schaue ich mir schon gerne mal den neuesten Tatort an. Ist ja doch gediegene Fernsehunterhaltung. Daher kenne ich auch Axel Milberg, den unauffälligen, unaufdringlichen, ruhigen und etwas schrulligen Kommissar Klaus Borowski. Immer ganz nett. Doch seit gestern bin ich Fan von Axel Milberg. Da lief um 20 Uhr 15 auf NDRMilbergs Reisen“. Schon wieder eine regionale Reisesendung? Das hatten wir doch alles schon. Aber nicht so! Denn: “Milbergs Reisen” ist ein „Roadmovie“ mit nordischem Charme, voller Spaß und Launigkeit. So jedenfalls der NDR-Pressetext mit Hochglanz.


Milberg.jpg Milberg ist mit seinem blau-weißen 70er-Jahre VW-Bus ein Jahr lang durch seine alte Heimat Schleswig-Holstein gefahren und hat dort Land und Leute besucht. Die Reise beginnt auf der Hallig Langeneß, auf der nur knapp hundert Menschen leben, einen Durchmesser von zehn Kilometern hat und platt wie eine Flunder ist. Dort besucht Milberg den Postschiffer Fiede Nissen, den wahrscheinlich bekanntesten Postboten Deutschlands. Die beiden fahren gemeinsam auf der Motorlore, tragen die Post aus und schnacken ein wenig. Hinterher lädt Nissen Milberg noch in sein Haus ein und zeigt ihm seine Fotoalben. Das sei eine Ehre, die nur wenigen zuteil werde, meint Nissen. Und so sympathisch, wie der Milberg auf die Leute zugeht, glaube ich das auch. Bei Milberg menschelt es. Da fragt er den Nissen schon mal, ob der schon immer so war, oder ob erst die Medien ihn zu dem skurrillen Hallig-Postler mit weißem Rauschebart und wettergegerbtem Gesicht gemacht haben. Fiede meinte dazu, daß er sich den Bart habe stehen lassen, als er sich die Hand gebrochen hatte und nicht mehr rasieren konnte. So kleine Geschichten halt.

Anschließend besucht Milberg einen Nachfahren des geheimnisumwitterten Deichgrafen aus Theodor Storms berühmtem Schimmelreiter. Die beiden fahren zum Deich, der Storm zu seiner Novelle inspiriert haben soll. Der Deichgeher auf dem Fahrrad vorneweg, Milberg im VW-Bus hinterher. Gefahr besteht allerdings nicht mehr, die Küstenlinie hat sich nach zweihundert Jahren kilometerweit verschoben, alles trocken. Milberg nächste Visite ist das Storm-Museum. Dort setzt er sich vor den altehrwürdigen Schreibtisch des großen Storm und zeigt auf das alte Tintenfaß. “Mit diesem Tintenfaß hat Storm seinen Schimmelreiter geschrieben”, sagt er mit ehrfürchtiger Stimme und starrt auf den Schreibtisch, als würde er sich für eine neue Rolle vorbereiten.

Dann gibt´s noch einen kleinen Abstecher zur Bräutigamseiche in Eutin, eine Art Naturliebesbriefkasten, wie Milberg erklärt. Einsame Herzen können Ihre Partnerwünsche an die Adresse des Baumes schicken, und die Postbeamtin steckt die Briefe in ein Astloch. Partnerwillige können sich dann frei bedienen und haben die Qual der Wahl. Drei Ehen sollen auf diese Weise schon gestiftet worden sein. Das sind zwar alles Geschichten, die man so oder so ähnlich schon einmal irgendwo gesehen hat, aber der Milberg bringt das alles sehr charmant und mit Witz rüber. Der klopft mal eben irgendwo an die Tür, sagt “Moin! Moin!” und stellt dann seine Fragen, als wäre es das Normalste der Welt. So bringt er eine verletzte Gans zum Tierarzt, beobachtet Leute beim Kaltbaden in Kiel (”sehen Kaltbadende eigentlich unverfroren aus?”) oder singt lautstark zu den Melodien seines Autoradios.

In Eutin will Milberg eine russische Sängerin besuchen, die bei den Festspielen auftritt. Er will mit dem Boot zu der Festinsel übersetzen. Beim Reinklettern kentert er. Wie aus dem Drehbuch, aber glaubwürdig. Dann steht er da, naßtriefend, und nimmt alles ganz lakonisch hin. Passiert halt mal. Die Sängerin beobachtet Milberg dann später hinter der Bühne, kurz bevor sie ihren Auftritt hat, und doziert über das richtige Maß an Lampenfieber. Ganz der Schauspieler.

Irgendwo, ich habe vergessen wo, besucht Milberg einen Bauern und hilft ihm beim Melken. Der ist übrigens nebenbei Schriftsteller, heißt Matthias Stührwoldt und hat Bücher geschrieben mit Titeln wie “Der Wollmützenmann” oder “Verliebt Trecker fahren“. Die beiden gehen in sein Büro, in dem Stührwoldt seine Texte schreibt und stehen vor einem kreativen Chaos. In bester Messie-Manier türmen sich Briefe, Notizen, Bücher übereinander. Milberg inspiziert den Tatort, zieht plötzlich einen kanadischen Geldschein aus einem Haufen hervor und fragt den Bauern: “Wo kommt der Geldschein her? Wem gehört der?” Der schaut ihn nur lächelnd an und sagt:” Da kommt jetzt wohl der Kommissar in Ihnen durch?” So ist es. Das ist alles ganz großes Kino. Oder eben kleines, aber feines. Mit viel leisem Humor. Auch die ganz gewöhnliche Welt im flachen, platten, öden Norddeutschland hat ihre skurrilen Seiten. Und die spürt Milberg gekonnt auf.

Steif und humorlos, so ist das Klischee über den Norddeutschen. Der geht doch zum Lachen in den Keller. Nein, das tut er nicht. Er lacht vielleicht leiser, das heißt aber nicht, daß er weniger Humor hätte. Der Bayer beim Oktoberfest (Milberg lebt seit dreißig Jahren in München) grummelt sich beim Bier etwas in den Bart, der Norddeutsche tanzt auf den Bänken. Der Norddeutsche ist von heiterer Gelassenheit, so Milberg. Genau wie er selbst. Und deshalb reist man ihm auch gerne hinterher, in seinem blau-weißen VW-Bus, auch nächsten Sonntag wieder um 20 Uhr 15, in Ihrem NDR. Mein Fernsehtip der Woche.

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