Napoleon reißt Schloß in Salzdahlum ab!
So oder so ähnlich hätten die Schlagzeilen in den Lokalzeitungen vor 200 Jahren lauten können. Und tatsächlich: In den deutsch-französischen Kriegen von 1806 ließ der siegreiche Napolen das Salzdahlumer Schloß der Braunschweiger Herzöge niederreißen und Kartoffeln an derselben Stelle anbauen. Die Welfen hatten nämlich in Salzdahlum, wenige Kilometer südlich von Braunschweig entfernt, ein Schloß erbaut, daß selbst Versaille in den Schatten stellte!
Am Samstag bin ich los. Der Himmel grau, der Wind kalt, der Weg noch weit. Doch auch in der Kälte läßt es sich prima spazieren. Je länger man geht, um so wärmer wird es. Und die Endorphine schießen dir in den Nacken. Es gibt kein schlechtes Wetter.
Frohgemut ging ich über Gartenstadt, Südsee, Melverode nach Stöckheim bis zur Endhaltestelle. Dort, wo die Straßenbahn wieder umkehrt, begann meine eigentliche Wanderung. Geradaus ging es direkt nach Wolfenbüttel. Ich jedoch bog nach links auf die Landstraße Richtung Salzdahlum. Als die Straße durch den Wolfenbütteler Wald führte, hörte der Spaß auf: Der bequeme Fuß- und Radweg war zu Ende. Nun mußte ich mich also wieder auf gefährliches Asphalt begeben. Da war sie wieder, die flache, öde Landschaft, immer gleich, immer da. Von der Ödnis gelangweilt, wühlte ich in den Taschen meiner Winterjacke, die ich das erste Mal seit dem Frühjahr wieder an hatte und zog ein kleines Gedichtband von Wilhelm Müller hervor, das mir der Lutz vor einiger Zeit geschenkt hatte. So las ich ein wenig in dem Büchlein.
Hier und da ist an den Bäumen
Noch ein buntes Blatt zu sehn,
Und ich bleibe vor den Bäumen
Oftmals in Gedanken stehn.
Schaue nach dem einen Blatte,
Hänge meine Hoffnung dran;
Spielt der Wind mit meinem Blatte,
Zittr´ich, was ich zittern kann.
Ach, und fällt das Blatt zu Boden,
Fällt mit ihm die Hoffnung ab,
Fall ich selber mit zu Boden,
Wein´ich auf meiner Hoffnung Grab.


Doch gab ich die Hoffnung nicht auf, und aus der Ferne endlich sah ich Salzdahlum im Tal liegen, der Kirchturm prangte aus der Mitte hervor. Salzdahlum wurde 888 erstmals urkundlich als Dalhem erwähnt. Weitere Namen waren Daleheim, Saltdahlheim und im 17. Jahrhundert Salzthalen. Der Name bedeutet vermutlich “Heim in einem Tale”.
Das Salz im Namen kam erst später dazu, wegen der Salzquelle. Salzdahlum gehört aber zu Wolfenbüttel, nicht zu Salzgitter. Ich schaute genauer hin, vermochte aber nicht zu erkennen, wo das ehemalige Schloß wohl gestanden haben mag. Das muß ein prächtiger Anblick gewesen sein. Vor zweihundert Jahren. Im Dorf angekommen, hielt ich mich rechts und erreichte nach wenigen Minuten das südöstliche Ortsende Richtung Wolfenbüttel und Ahlum. Felder, so weit das Auge reichte.
Wo stand bloß das nicht mehr existierende Schloß? Vorsichtshalber ein Foto machen vom tristen Acker. Vielleicht stellt sich später ja heraus, das genau hier das Schloß stand. Man weiß ja nie. Dann den Heinebeeksweg herunter. Scheunen und ein großer, steinummauerter Gutshof waren rechts der Straße zu sehen. So weitfassend könnte auch das Schloß gewesen sein. Am Ende der Straße entdeckte ich endlich ein Schild.

Also doch! Genau hier an der Stelle stand das 1677 errichtete ehemalige Salzdahlumer Lustschloß, erbaut vom Braunschweiger Herzog Anton-Ulrich, ein Prestigeobjekt sondergleichen, noch prächtiger sogar als Versaille, in Windeseile hochzogen. Erbaut aus Fachwerk, das geschlämmt wurde, um eine massive Steinfassade vorzutäuschen. Auch damals mußte schon gespart werden. Immerhin hat sogar Friedrich der Große im Salzdahlumer Schloß eine braunschweigische Prinzessin geheiratet. Dafür kam er extra aus Potsdam angereist. Hans Pleschinksi schreibt in seinem Roman “Der Holzvulkan” über einen amerikanischen Germanistik-Studenten, der auf Europa-Reise in Salzdahlum vom größten Holzschloß der Welt erfährt.
Da ist es natürlich kein Wunder, das Napoleon sich das nicht bieten lassen wollte. Da er sowieso gerade dabei war, Europa zu überrollen, hat er auch mal eben das Salzdahlumer Schloß ausradiert. Das heißt, die Drecksarbeit hat er seinem Bruder Jérome überlassen. Alles weg, mit einem Handstreich. Niemand durfte es sich erlauben, prächtiger und mächtiger als Napoleon daher zukommen! Aber Napoleon wurde dann doch wieder aus Deutschland rausgeschmissen, ist lange tot und Salzdahlum hat eine Städtefreundschaft mit dem französischen Briouze. Haben sich alle wieder lieb.
Als ich nun von allen Seiten den Gutshof und den Acker fotografiert hatte, bin ich noch einmal die Straße hoch zum Ortsausgang Richtung Wolfenbüttel. Wie man auf der Google-Map schön sehen kann, ist der Umriß des alten Schlosses aus der Luft noch immer gut zu erkennen.

Deshalb bin ich ein Stück die Landstraße lang, an der “Rundung” vorbei. Ich ging ungefähr hundert Meter von dort die Staße weiter, auf einen Zuckerrübenhügel zu. In einem ruhigen Moment schlich ich auf den Acker hinter die Zuckerrüben und machte mir die Füße naß. Deshalb können die Rüben zur Zeit auch nicht abtransportiert werden, weil es zu naß ist. Ich hielt die Luft an und kraxelte den drei Meter hohen Hügel hinauf, richtete mich auf, zückte meine Kamera und knipste den ehrwürdigen Schloßacker. Zumindest habe ich mir das so gedacht. Doch leider konnte ich trotz meiner Bemühungen nicht über die Bäume hinwegschauen. Das Foto zeige ich lieber nicht. Aber gegeben habe ich alles.
Als ich wieder auf fester Straße war, versuchte ich mir die schlammigen Schuhe zu säubern. Bei den Bemühungen ist es geblieben, und ich spazierte noch ein wenig durchs Dorf, knipste die Kirche und zog weiter in nördlicher Richtung die Landstraße nach Mascherode entlang. Mascherode habe ich mir auch noch angeschaut. Darüber schrieb ich hier. Das waren auch schon meine wenig spektakulären Erlebnisse aus Salzdahlum. Aber immerhin habe ich den interessantesten Kartoffelacker der Welt gesehen.
Benötigt die Websites Ihres Ortes, Vereins oder Unternehmens einen neuen Anstrich? Dann lesen Sie hier!
Möchten Sie ihr Unternehmen auf harz-und-heideland.de vorstellen? Dann lesen Sie hier!
Schreib einen Kommentar!