Von alten Zeiten in Gliesmarode
Am Samstag war ein prima Wetter. Die Sonne schien, der Himmel war knallblau. Ich entschloß mich, Gliesmarode zu knipsen. Gliesmarode befindet sich nord-östlich von Braunschweig, nördlich von Riddagshausen und noch der Innenstadt sehr nah. Von der Hans-Sommerstraße aus ging ich durch die Karlstraße, linkerhand das Informatik-Gebäude der Uni, auf das “Bahnhofs-Entrée” am Ortseingang von Gliesmarode zu. Dort, am Bahnhof stand in den Fünfzigern noch ein Kino, dort liefen die alten “Fuzzy“-Filme.
Woher ich das weiß? Meine Mutter, 1956 mit meiner Oma aus Timmenrode nach Braunschweig zurück geflüchtet, hat dort ihre Kindheit verbracht. Die ganze Familie war dort, in der Mittelriede 15, notdürftig untergebracht. Ungefähr siebzig Quadratmeter, drei Zimmer, Toilette auf halber Treppe. Neun Leute wohnten dort dicht zusammengedrängt! Mein Uropa und meine Uroma zusammen mit den Kindern. Die wurden bald größer, bekamen selbst Kinder und verließen Gliesmarode, nach Berlin, Stuttgart oder irgendwo anders in Braunschweig. Es wurde zu eng. Ich spreche hier also von meinen Großtanten und Onkels, die Polsterer, Tischler und Maler gelernt hatten, alte Handwerksberufe. Die Mädchen hatten nichts gelernt, das war damals nicht üblich. Bis auf meine Oma, die in Timmenrode zur Kindergärtnerin ausgebildet worden ist. Meine Mutter und Oma wohnten acht Jahre auf engstem Raum, erst nach und nach wurde es leerer, bis sie selbst in eine eigene Wohnung zogen, am Heidberg. Mit Balkon und Bad in der Wohnung. Die Wohnung kenne ich selbst noch.

Nun aber wieder zu Gliesmarode. Ich lief die Bahnlinien entlang Richtung Norden. Dort kam ich an den Librawerken vorbei. An den Bahnschienen haben die Kinder oft gespielt. Das war gefährlich, so gefährlich, daß eins von einem Zug überrolt wurde. Das war eine schreckliche Zeit für die Familie. Ich ging über die heute nur noch von wenigen Zügen genutzten Bahngleise an den Librawerken vorbei und stand schon direkt in der Mittelriede. Ich muß dabei immer an Mittelerde denken.

Das Haus selbst war leider kein Foto wert. Es wurde von Grund auf saniert und sieht glänzend sauber aus. Nicht mehr wie nach dem Krieg. Das ist auch gut so, aber man kann sich so keine Vorstellungen machen über die Lebensumstände der damaligen Zeit. Ich ging die Straße entlang und stieß auf die Wabe, die von alten Weiden umrahmt war. Dort hatten die Kinder die meiste Zeit verbracht. Ich kann mir gut vorstellen, daß es sich hier ganz prima spielen ließ und läßt. Hier stand man mitten in der Natur, aber die ersten Hochhäuser sind von hier aus schon zu sehen. Die standen in den Fünfzigern zwar noch nicht dort, aber für meine Mutter war es eine schwere Umstellung, als sie aus dem beschaulichen Harzdörfchen Timmenrode in die große, belebte Vorstadtsiedlung Gliesmarode kam.

In der Zeit der Industrialisierung erlebte Gliesmarode ein unglaubliches Wachstum. Die Librawerke oder die Sägemühlen brauchten Arbeiter. Heute befindet sich am Messeweg die BBA, an der Karlstraße die alte Konservenfabrik Brunsviga, und natürlich war auch der Fotokamera-Hersteller Voigtländer hier ansässig. Hier, an der Wabe, im alten Dorfkern mit seiner Sägemühle und den alten Höfen mit ihren Pferdekoppeln, war die Zeit nicht wirklich stehen geblieben. Fragmente aus einer vergangenen Zeit. Mit der Magniurkunde fand auch Gliesmarode 1031 seine erste urkundliche Erwähnung. Abgeleitet vom Personennamen Glismoth (glisian = glänzen, mod = Mut, roth = roden) entsteht der Ortsname Glismoderoth. Im Laufe der Jahrhunderte wurde er häufig abgewandelt. Auf plattdeutsch sagte man noch zu Beginn des 20.Jahrhunderts “Glissenroe”.
Ein Stückchen weiter dann das erste Hochhaus und schließlich die stark befahrene Hauptstraße, die Berliner Heerstraße, die aus der Innenstadt kommend direkt nach Wolfsburg führt. In der Voigtländer-Straße entdeckte ich die alten Kasernen, die in den Fünfzigern eine Schule waren und jetzt die Polizei beherbergen. Nach dem Krieg war die Straße natürlich noch lange nicht so vielspurig wie heute, und die alten Häuser an der Straße hatten damals noch Vorgärten, die den Autos bald weichen mußten. Die 1936 erbaute rosafarbene Bugenhagenkirche ragte empor, stand dort wie ein Mahnmal, dem hektischen Treiben der heutigen Zeit zum Trotz.
Und diese vielbefahrene Hauptstraße ging ich nun entlang. Auf meiner Lehre-Tour bin ich auf dem Rückweg auch durch Gliesmarode gekommen. Ich wußte ja, daß dies ein weiter Weg ist, trist und eintönig. Aber vielleicht hatte ich ja etwas übersehen? Hatte ich nicht. An der Endhaltestelle der Straßenbahn, dahinter kam Volkmarode, drehte ich wieder um. Hier gab es nur Supermärkte, Möbelhäuser, Gartenvereine. Als ich schon fast wieder durch Gliesmarode durch war, bog ich nach links. Dort fand ich einen Innenhof, der mit stählernen und gläsernen Kunstobjekten geschmückt war. Nur ein paar Meter entfernt von der schmucklosen Hauptstraße.

Dann schaute ich noch an der Badeanstalt vorbei, die ich natürlich kannte. In den Achtzigern war es das Spaßbad in Braunschweig. Inzwischen marode geworden, soll es vielleicht bald einem neuen, viel größeren und schöneren Spaßbad an der Hamburger Straße weichen. Unweit von hier ist auch der Gliesmaroder Turm, eine Gaststätte. Zu Beginn meines Spaziergangs fand ich eine der vielen Infotafeln in Braunschweig über Gliesmarode.
Dort stand beschrieben, daß der Gliesmaroder Turm als Landwehrturm in den ganz alten Zeiten gedient hat. Nun, so einen Landwehrturm habe ich mir schon etwas imposanter vorgestellt. Durch die Nähe zur Stadt war Gliesmarode auch besonders gefährdet und ständig gebeutelt von den Auseinandersetzungen der freien Stadt Braunschweig und den Welfenherzögen in Wolfenbüttel. Ich fragte eine Dame in der Nähe der Gleise, wo denn hier der alte Landwehrturm stand. Das wußte sie nicht. Hätte ich Gliesmaroder Turm gesagt, hätte sie mir mit Sicherheit Antwort geben können. Stattdessen empfahl sie mir, die Mittelriede, ein Bächlein, nicht die Straße, entlangzugehen, da ich noch zum Nußberg wollte. Dort sei es schöner als an den Gleisen. Dort seien aber viel Hunde, gab sie mir noch auf den Weg.
Davon ließ ich mich aber nicht abschrecken und ging die Mittelriede an Kleingärtern entlang in Richtung Prinzenpark und Nußberg. Hier ließ es sich prima spazieren gehen. Links wäre ich an einer Gabelung nach Riddagshausen gekommen, ich aber ging nach rechts. Da sah ich schon den Nußberg von hinten. Dort konnte ich aber nicht direkt rüber, da die alten Gleise den Überweg verhinderten. Ich also wieder rechts. Das Ende vom Lied war, daß ich im Kreis gegangen war und wieder in Nähe der Stelle war, wo ich die Dame nach dem Weg gefragt hatte. Es kann ja nicht immer alles glattgehen. Jetzt lief ich aber nicht noch einmal im Kreis, sondern ging den Überweg über die Gleise und dann wieder nach links. Bis ich den Weg zum Nußberg gefunden hatte. Dort bewunderte ich einen wunderschönen Sonnenuntergang und ging nach Hause. Es wurde dunkel, doch die Lichter der Stadt machten die Nacht zum Tage.
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Tags: Familie, Gliesmarode, Landwehrturm, Stadtteil, Timmenrode, Wabe