Feuer frei in Lichtenberg!

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Im Frühjahr zu Ostern war ich in Lichtenberg in Salzgitter. Auf der alten Burgruine, erbaut von Heinrich dem Löwen. Darauf aufmerksam geworden bin durch die Artikel-Serie “Straße der Schlösser” in der Braunschweiger Zeitung. An diesem Tag war eine Besichtigung des Burgturms möglich, verbunden mit zahlreichen Aktionen wie Katapultschießen und mittelalterlichem Zeltplatz. Ritterspiele sind was Feines, da muß man nicht mehr Kind sein. Wenn die Schwerter klirren, die Kettenhemden rasseln, die Katapulte katapultieren, da geht jedem phantasiebegabten Menschen das Herz auf. Und es waren an diesem Tag sehr viele, die mit dieser oder ähnlichen Vorstellungen zum Lichtenberg gefahren sind. Direkt an dem Burgberg führt eine Landstraße entlang, an deren Seiten über hunderte Meter hinweg Autos parkten. Und ständig kamen neue hinzu und versuchten, sich in die kleinste Lücke zu quetschen.


Lichtenberg_5.jpg Und dann pilgerten die Massen den Burgberg hinauf. Links und rechts des Weges wuchsen ganze Felder frisch duftenden Bärlauchs. Die Bäume waren noch kahl, und schon bald konnte man durch die hochaufragenden Baumstämme die Burgreste erkennen. Ringsum waren die alten Burgmauern, in denen man herumspazieren und sich eine ungefähre Vorstellung von der alten Größe machen konnte. Ein Burggarten war liebevoll bepflanzt mit Kräutern wie der Nieswurz.

Der alte Brunnen stand noch da. Ein kompaktes Gitter verhinderte das Hineinfallen. Gut so. Ein frecher Junge nahm einen Stein und warf ihn in den Brunnen. Klong! Ein daneben stehender Knappe mit Kettenhemd und poliertem Helm sah ihn vorwurfsvoll an und sprach mit drohender Stimme:”Den holst du da raus!” Der Junge wand sich. Der Knappe wiederholte seine Aufforderung, seine Mimik verfinsterte sich zusehends. Da nahm sich der Junge ein Herz, kletterte über den Brunnenrand und ließ sich vorsichtig auf das Metallgitter herunter. Mit hochrotem Kopf schnappte er sich den Stein und sprang so schnell es ging wieder auf den sicheren Boden. Also, ich hätte mir das nicht getraut!

Lichtenberg_9.jpgLichtenberg_10.jpgLichtenberg_11.jpg Um den Brunnen herum standen zahlreiche weiße, spitze Zelte, als Ruhelager für die erschöpften Rittersleut. Die Burg stand schließlich nicht mehr. An einer Feuerstelle wurde Brot gebacken. Der Duft zog sich über das gesamte Burggelände. Schilder und Schwerter standen aufgereiht da, so daß sich jeder einmal davon überzeugen konnte, wie schwer so eine mittelalterliche Waffe ist. Kinder konnten Bogenschießen üben. Um den Turm herum buddelten Archäologen immer noch in der Erde herum, wahrscheinlich auf der Suche nach dem Heiligen Gral. Sie fanden ihn heute nicht.


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Lichtenberg_4.jpg Nun aber den Turm hinauf! Das aber war gar nicht so einfach, bei diesem Menschauflauf. Ich zwängte mich die enge Holz-Wendeltreppe hoch. Auf jeder Zwischenetage gab es einige Ausstellungsvitrinen mit alten Gefäßen und Schmuckstücken, die bei den Ausgrabungen gefunden wurden. Dazu ein Modell der Burg, wie sie einmal ausgesehen haben könnte und viele historische Informationen. So erfuhr ich, daß der örtliche Verschönerungsverein 1893 aus dem ehemaligen Bergfried diesen 25 Meter hohen Aussichtsturm bauen ließ. Verantwortlich für das neue Interesse an der Burgruine war das gestiegene Geschichtsbewusstsein und die langsam erwachenden nationalistischen Ideen der Bismarck-Ära nach Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871.

Lichtenberg_7.jpgLichtenberg_3.jpg Die Lichtenberg-Burg wurde im Jahre 1180 erstmals urkundlich erwähnt, als der staufische Kaiser Friedrich I. Barbarossa im Kampf gegen den Welfen Heinrich den Löwen die Feste belagerte und einnahm. Die staufische Fraktion im Reich wählte 1198 Philipp von Schwaben zum König, wogegen die welfische Partei Otto IV zum Gegenkönig erhob. Zeitweise war die Burg an die Stadt Braunschweig verpfändet, aber 1365 von den Herren von Saldern wieder ausgelöst. Sie betätigten sich von der Burg aus als Raubritter. 1552 zogen Einheiten des Grafen Vollrad von Mansfeld vom Schmalkaldischen Bund vor der Burg auf. Er war mit rund 5.400 Landsknechten und 2.100 Reitern plündernd in das Herzogtum Braunschweig eingefallen und hatte bereits Städte im Harzvorland verwüstet. Die Truppen beschossen die Burg mit schweren Geschützen. Seither ist die Burg Lichtenberg eine Ruine, die Nutzung als Steinbruch zum Aufbau der Domäne Lichtenberg tat ihr übriges.

Lichtenberg_13.jpgLichtenberg_1.jpg Sogar Kaiser Wilhelm II. war hier einst zu Besuch, schließlich war sein Schwiegersohn, Herzog Ernst-August von Braunschweig ein Nachfahre des legendenumwobenen Heinrichs des Löwen. Oder war doch nur der Herzog zu Besuch? Ich weiß es nicht mehr. Ja, der Hauch der ganz großen Weltgeschichte umwehte mich ein wenig, als ich auf der Aussichtsplattform ganz oben auf dem Turm stand. Auch wenn es ein wenig diesig war, hier gab es ganz viel Aussicht. Übers ganze Land. Da sah man die feindlichen Heere schon von Weitem und konnte sich verbarrikadieren. Genutzt hat es trotzdem nichts, sonst stünde hier nicht nur der Turm.

Lichtenberg_2.jpg Über mir wehte eine Fahne in den Braunschweiger Landesfahnen. Den Weg ins Freie tretend, sah ich mich um und ging auf das große, nachgebaute Katapult zu, das in der Fachsprache natürlich Blide heißt. Der Erbauer dieses Holzmonstrums bediente das Gerät und zog es auf, bis die nötige Spannung hergestellt war. Die Menschen stellten sich um das Katapult und den verbliebenen Burgmauern herum auf und warteten voller Spannung auf die Gaudi, die ihnen geboten werden sollte. Doch statt einer Kugel verwendete der Katapult-Bediener einen Gummiball. Wäre ja schade um den Turm. Früher wurden auch schon mal Gefangene vom Katapult geschleudert und an die Burgwand geschmettert. Rauhe Sitten, finsteres Mittelalter! Dann ging es auch schon los: Der Ball schoß in hohem Bogen durch die Luft, zischte über die Köpfer der Besucher hinweg und landete zwischen den Mauerresten. Applaus! Dieses Ereignis wurde einige Male wiederholt, die Leute haten großen Spaß daran, ich auch. Leider wurde der Burgturm nicht ein einziges Mal getroffen.

Neben der Burgruine befindet sich übrigens eine Ausflugsgasstätte mit Biergarten und Hotel. Und der Gauß-Stein sei hier auch noch erwähnt. Gauß hat hier 1820 das Königreich Hannover vermessen. Das also war mein kleines Ritterfestspiel-Erlebnis zu Ostern. Ritter und Burgen, Drachen und Prinzessinnen, das alles spielte sich vor meinem inneren Auge ab, obwohl ich nur ein par aufeinandergetürmte Steine gesehen habe. Phantasie ist alles!

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