Es fährt kein Bus von Erkerode

ortsschild_erkerode.pngAm Sonntag machte ich mich auf ins Reitlingstal. Mit dem Bus. Meine erste Busreise im Zuge meiner Harz- und Heide-Touren. 11 Uhr 55 vom Hauptbahnhof auf dem Bahnsteig F. Sagte mir das Internet und lag falsch, denn der Bus fuhr von A ab. Macht ja nichts. War ein schöner großer Reisebus, nicht so ein gewöhnlicher Stadtbus. Ich fühlte mich, als würde ich eine richtige Reise machen. Hat aber nur eine halbe Stunde gedauert. Der Bus fuhr also über Sickte, Neuerkerode, Lucklum nach Erkerode, wo ich ausstieg. Der Bus fuhr dann weiter bis nach Schöppenstedt. Als ich in Erkerode an der Haltestelle am Ludquellenweg ausstieg, musterte ich den Rückfahrplan. Ich wollte so gegen 16 Uhr 30 wieder zurück. Um diese Zeit war ein Halt in Evessen angezeigt, die letzte Haltestelle vor Erkerode, aus Schöppenstedt kommend. Darunter zog sich eine Kringellinie bis 10 Minuten später zum nächsten Halt in Neuerekerode. Durch Erkerode fuhr der Kringel.


Reitlingstal_2.jpg Hieß das, der Bus würde nicht in Erkerode halten? Ich war unsicher, aber das Internet hatte mir gesagt, der Bus würde um 16 Uhr 32 in Erkerode halten. Aber mit dem richtigen Bahnsteig in Braunschweig hatte sich das Internet ja auch vertan! Dazu kam, daß der Bus in Erkerode fast zehn Minuten früher angekommen war, als es der Fahrplan verkündet hatte. Ich verdrängte meine Gedanken und zog erstmal los.

Reitlingstal_5.jpg Erkerode kurz vor dem Elm ist schon recht hügelig, fast wie ein richtiges Harzstädtchen. Durch Erkerode fließt die Wabe bis ins Reitlingstal. An der Wabe bin ich gestern auch schon hindurchspaziert auf meiner Tour durch Gliesmarode in Braunschweig. Direkt hinter Erkerode türmte sich auch schon der Elm vor mir auf. Ich lief eine Weile die äußerst kurvige Landstraße in Richtung Reitlingstal entlang, bis ich auf einen Feldweg parallel zur Straße trat. Nun trennten mich die Wabe und einige hundert Meter lange abschüssige Pferdekoppeln von der Straße. Die Straße stets im Blick, schaute ich nach vorne, in der Hoffnung schon bald die Waldgaststätte im Reitlingstal zu erspähen, wie ich es in Erinnerung hatte. Das Reitlingstal und der berühmte Tetzelstein sind beliebte Ausflugsziele, da waren wir oft mit der Familie und der Schule. Der Weg dorthin von Erkerode war ungefähr drei Kilometer lang.

Reitlingstal_9.jpgReitlingstal_4.jpg Nach zwei Kilometern traf ich auf eine Info-Tafel vom Geo-Park, die den Berghang zur Rechten als “Urwald” auswies, also einen naturbelassenen Wald, dessen Betreten auf eigene Gefahr war. Da könnten einem schon mal morsche Äste auf den Kopf fallen. Wie aufregend! Ein paar Meter weiter stand ein Warnschild, das mir das Betreten des Weges in den Wald hinein verbot. Diese Verbot wollte ich auch gerne akzeptieren, doch von dem Schild aus erblickte ich in Richtung Waldweg ein weiteres Infoschild. Na, da konnte ich doch nicht einfach so vorbeilaufen!

Reitlingstal_7.jpg Also hin. Das Schild verriet mir, daß der Weg hinauf zur ehemaligen Brunkelburg führte, eine frühchristliche Burganlage mit Steinplattengrab, die aufgrund ihrer ungünstigen Lage aber bald wieder aufgegeben werden mußte. Also begab ich mich den steilen Weg hinauf, vorsichtig nach oben zu den Wipfeln spähend, falls ein morscher Zweig mich heimtückisch erschlagen wollte. Doch nichts geschah. Ich kraxelte eine Weile steil nach oben und sah mich um. Etwas Burgähnliches konnte ich beim besten Willen nicht entdecken. Und ein Steinplattengrab auch nicht. Nur einen morschen Hochstand. Und der Blick ins Tal war auch nicht gerade aufregend, der ganzen Bäume wegen, die mir die Sicht versperrten.

Reitlingstal_8.jpgReitlingstal_6.jpgWieder zum Ausgangspunkt am Schild zurückgekehrt, ging ich den Feldweg weiter. Der endete schließlich an der Straße. Noch einige Meter Straße, dann erreichte ich den Weg zur Gaststätte Reitling. Von dort kann der interessierte Wandersmann aus einer Reihe von ausgewiesenen Routen wählen. Vor der Gaststätte stand ein Busschild. Hier hält auch ein Bus? Wußte ich gar nicht! Abfahrtszeit 16 Uhr 26, direkt nach Braunschweig. Wie praktisch, den nehme ich! Dann muß ich nicht nochmal nach Erkerode zurück. Vor der Gaststätte standen einige Dutzend Autos, doch Wanderer erblickte ich kaum. Das Wetter war heute auch zu bescheiden, Sonne und leichte Regenschauer wechselten sich ständig ab. Ich wählte dann den Weg zum Tetzelstein. Den kannte ich wie gesagt schon, und es waren nur drei Kilometer hin. Das konnte doch gar nicht schiefgehen. Der Weg war einsam und verlassen, recht hügelig und ziemlich matschig, und die Bäume hatten längst all ihr Laub verloren.


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Reitlingstal_15.jpgReitlingstal_10.jpg Das Tal wurde übrigens 1260 erstmals urkundlich als Rethlinge und schon fünf Jahre später in der heutigen Schreibweise als Reitling erwähnt. Der Name leitet sich von reid für die Pflanze Rietgras (Röhricht) ab. Solche Pflanzenbestände zeigen, dass der Talgrund mit dem darin fließenden Bach Wabe ursprünglich sumpfig war. Nach einer Weile kam ich an einer Weggabelung an. Geradeaus verlief die Straße, nach links ging es in den Wald zum Tetzelstein. Ich wählte also den gut begehbaren Waldweg, was ein Fehler war, denn ich übersah an dieser Weggabelung einen kleinen unscheinbaren Trampelpfad. Also schön den trockenen Weg entlang. Nach fünf Minuten jedoch verwandelte sich dieser Weg in ein ziemliches Matschdesaster. Und schon kurz darauf konnte man nicht mehr von einem Weg sprechen. Ich kam mir vor wie im Sumpf, jeder Schritt ein Wagnis. Da half nun alles nichts, ich kehrte um.

Reitlingstal_13.jpg Wieder an der Gabelung angekommen, entdeckte ich den matschigen Trampelpfad. Dort, an einem Baum war auch tatsächlich ein TZ für Tetzelstein eingeschnitzt. Na, das wird doch hoffentlich stimmen. Tat es auch. Nach einem Kilometer erreichte ich die Straße, und gleich dahinter lag die Waldgaststätte Tetzelstein. An der Straße entdeckte ich wieder ein Busschild. Von hier könnte ich also auch nach Braunschweig fahren. Das ist aber schön, so viele Alternativen! Dachte ich da noch ahnungslos.

Die Gaststätte befand sich an einem großen Rasenplatz, alles war kreisfömig angeordnet. Am östlichen Ende entdeckte ich sofort das Tetzel-Denkmal. Gleich daneben wehte eine Fahne in den Braunschweiger Landesfarben im Wind. Südlich stand das Elm-Bergturnfest-Denkmal. Westlich ein hölzernes Rednerpult, auf dem dereinst der berüchtigte Till Eulenspiegel mit dem Totenschädel eines Heiligen in den Händen gepredigt haben soll. Nur ehrbare Leute durften den Schädel gegen Schmuck oder Gold berühren. Und die mit dem schlechtesten Ruf wollten natürlich die Ersten sein. Vielleicht hat sich Tetzel hieran ein Beispiel genommen?

Reitlingstal_12.jpgNeben der Gaststtätte stand der winzige Tetzelstein mit Info-Tafel. Der Stein, der vermutlich für einen ermordeten Menschen steht, wird oft mit dem Tetzel-Denkmal verwechselt, der einem Edelman aus Küblingen zu Ehren aufgestellt wurde, der 1518 den Ablaßhändler Johan Tetzel erschossen haben soll, nachdem er ihm für seine geplante Mordtat einen Ablaßbrief abgekauft hatte. Ganz schön clever! “Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!” Tetzel ist aber in Wirklichkeit eines natürlichen Todes in Leipzig gestorben, und Genaues weiß man nicht. Nach all diesen Informationen dachte ich daran, mir ein leckeres Weizen zu gönnen, ich war durstig. Aber stattdessen ging ich den selben Wanderweg zurück mit der Aussicht, in die Reitlingstal-Gaststätte einzukehren. Auf dem Rückweg passierte weiter nichts, ich lief den richtigen Weg.

Reitlingstal_14.jpg Um 15 Uhr 45 erreichte ich endlich die Gaststätte Reitlingstal und warf noch einmal einen Blick auf den Fahrplan. Nun entdeckte ich das Kleingedruckte: Der Bus fährt nur im Sommer! Na prima, das hätte mir vorhin mal auffallen sollen. Und nun? Auf das Bier mußte ich verzichten. Jetzt hieß es, so schnell wie möglich zurück nach Erkerode. Also wieder den Feldweg an der Straße entlang. Die Zeit verging immer schneller. Den letzten Kilometer ins Dorf hinein mußte ich laufen. Abgehetzt erreichte ich pünktlich die Haltestelle. Doch der Bus kam und kam nicht. Entweder ist er direkt von Evessen über Erkerode nach Neuerkerode geflogen oder er war zehn Minuten zu früh da. Nun stand ich da! Was also tun? Noch eben war mir vom Laufen ganz warm, aber mit der blitzartig einsetzenden Dämmerung kam auch die Kälte.

Reitlingstal_11.jpg Also machte ich mich auf den zwanzig Kilometer langen Weg nach Braunschweig, lief durch die eisige Nacht die Landestraße entlang und den bedrohlich näherkommenden Scheinwerferkegeln entgegen. als plötzlich ein LKW ausscherte und direkt auf mich zu… Nein, kleiner Scherz! So durchgeknallt bin ich dann doch noch nicht, daß ich kilometerweit die Landstraße in der Nacht entlanggeistere. Ich rief stattdessen mein Privat-Taxi und wartete. Um nicht auf der Stelle zu erfrieren, ging ich die Straße ein wenig auf und ab. Ich kam gerade an einer Haustür vorbei, da lief mir der offensichtliche Bewohner entgegen, steuerte auf seine Haustür zu und bedachte mich eines eisigen Blickes. ´Was willst du hier Fremder, du hast hier nichts verloren!´ blitzte es mir entgegen, und ich beeilte mich, den schützenden Schatten meines Beton-Wartehäuschens zu erreichen, um mich dort zu verstecken. Ich bibberte noch ein wenig. Dann kam mein Abhol-Service. Ich stieg ein. Die Geschichte ist aus.

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