CityLebenstedt - bummeln, shoppen, abhängen
Salzgitter Lebenstedt ist das Zentrum Salzgitters, obwohl ganz im Norden gelegen. Hier steht das Rathaus und das Einkaufszentrum. Ab 1937 wurden hier die Hermann-Göring-Werke aufgebaut und Lebenstedt verwandelte sich vom 500-Seelen-Dorf in Salzgitters größten Stadtteil mit 46.000 Einwohnern. Die Stadt entstand auf dem Reißbrett und sollte unter dem Namen “Herrmann-Göring-Stadt” aus der Luft die Form eines Hakenkreuzes annehmen. Das wurde Gottseidank nicht realisiert, dafür kann man heute den großen Salzgittersee in Lebenstedt aus der Luft sehen. Ich näherte mich dagegen der Stadt und dem See mit dem Zug auf sicherem Boden.
Für 2,80 EUR vom Braunschweiger Hauptbahnhof mit der quietschenden Regionalbahn über Thiede, Immendorf und Watenstedt nach Lebenstedt. Nach 22 Minuten war ich da und stieg am kleinen Sackbahhof aus. Hinter mir war über eine Brücke der Stadtpark zu erreichen, doch ich ging in die City. Vorbei an einer alten Lore, zum Gedenken an den Erztagebau in Salzgitter. Direkt vor mir erhob sich der moderne Kino-Komplex, rechts daneben das alte und doch modern ausgestattete Kultiplex mit dem Charme alter Lichtspielhäuser. Dort werden die Filmtitel immer noch mit altmodischen Einzelbuchstaben angebracht. Das gefällt mir.
Ich ging dann weiter die Konrad-Adenauer-Straße entlang, also quasi wieder aus der Stadt heraus, bevor ich sie überhaupt erreicht hatte. Ist vielleicht eine unterbewußte Strategie, sich langsam und über Unwegen dem eigentlichen Ziel zu nähern, schon mal von allen Seiten beobachtend, bevor man ins Herz vordringt. Nur nichts überstürzen. Also die langweilige Hauptstraße entlang. Am McDonalds vorbei. Links und recht Möbelhäuser, Gartencenter, Baumärkte. Auf der linken Seite eine ziemlich baufällige alte Markthalle mit Graffiti wie:”Tanja, ich vermisse euch.” Schon ziemlich trist. Aber konnte man etwas anderes von Lebenstedt erwarten?
Und weiter. An der Feuerwehr vorbei. Endlich war die Straße zu Ende. Auf die Autobahn wollte ich nicht, also ab in die Seitenstraße. Da war ich mittendrin im Industriegebiet. Und wieder Bau- und Supermärkte. Lebenstedt hat ja, wie eingangs erwähnt, über 40.000 Einwohner, aber die Einkaufsmöglichkeiten reichen locker für 200.000. Lebenstedt wirbt mit folgendem Spruch für sich: “CityLebenstedt - Bummeln und Einkaufen im Zentrum”. Und: “Die City dreht auf…” Lebensstedt besitzt trotz der markigen Marketing-Sprüche keinen besonderen Ruf. Aber man kann die Dinge auch anders sehen, wenn man erstmal gar nicht viel erwartet.
Nun wollte ich aber doch noch etwas mehr von Lebenstedt sehen. Die schönen Seiten! Ein gewagter Wunsch, ich weiß. Ich bog nun in die Neißestraße in Richtung Innenstadt. Vorbei am Fußballverein. Infotafel mit handschriftlichem Vermerk: “Spiel fällt aus!” Schade. Dann noch ein Minigolfplatz, Gartenvereine und schließlich das Wohnviertel. Ich habe hier auffallend viele Kirchen gesehen. In jeder Straße eine, so ungefähr. Doch eher triste Neubauten. Wie eigentlich alles hier. Tut mir leid. Schön ist anders. Eine kleine Ladenzeile. Türkische Lebensmittel, Kioske, einige andere Läden geschlossen. Bald stieß ich auf einen kleinen grünen Gürtel inmitten des Ortes an der Albert-Schweitzer-Straße.
Die Innenstadt wollte ich mir ganz zum Schluß anschauen, jetzt näherte ich mich dem Salzgittersee. Ich fragte eine ältere Dame nach dem Weg, denn ich hatte kurzzeitig die Orientierung verloren. Sie wies mir den Weg und plötzlich stand ich vor dem See. Den tatsächlich sehr schönen Salzgittersee habe ich eigens abgehandelt, kommt aber erst am Samstag. Anbetracht meines Spazierganges um den See muß ich meine negative Einstellung zu Lebenstedt doch ein wenig revidieren. Warum sollte man hier nicht schön wohnen können? Viele Einkaufsmöglichkeiten, Braunschweig ist nicht fern. Und wohnte ich in einem der Hochhäuser am See, ja, was wäre das wohl für ein fantastischer Ausblick! Und Wälder gib´s hier auch noch und nöcher. Übrigens wurden 1951 in Lebenstedt Neandertaler-Knochen gefunden: Die Neandertaler von Lebenstedt. Eine Jagdstation aus der mittleren Weichsel-Eiszeit.


Mein Rundgang um den See dauerte doch etwas länger, als ich mir das so gedacht hatte. Den ganzen Tag schien ohnehin keine Sonne, doch nun begann es fast schon zu dunkeln. Um 15:00 Uhr… Als ich den See endlich umrundet, einige Rudervereine und die Badeanstalt hinter mich gelassen hatte, begab ich mich nun endlich in den Kern der Stadt. In der Joachim-Campe-Straße erblickte ich das wuchtige Rathaus von hinten, das ich dann von allen Seiten bewunderte.
Zur Rechten stand das große Postgebäude mit Erzbau-Denkmal (ein altes Förderrad oder ähnliches) und geradezu ging es in die Fußgängerzone. Von hier aus sah es schon sehr nach Großstadt aus. Große, breite Straßen, hohe Gebäude, Plakate. Aber das war vermutlich die einzige Stelle.
Auf in die Fußgängerzone. Gleich zu Beginn war dort ein beleuchtbares Weihnachtsmarkt-Schild angebracht, doch es war aus. Und von der Straße aus kommend war es spiegelverkehrt angebracht. Von der Fußgängerzone ist es dann korrekt zu lesen. Aber da war man ja schon auf dem Weihnachtsmarkt gewesen. Hier war eher das Ende. Daß heißt, im Umkreis von fünfzig Metern stand keine einzige Weihnachtsmarkt-Bude. Nur ein paar Teenies lungerten herum und schickten sich gegenseitig SMS. Als ich die Fußgängerzone näher erkundete, sah ich dann vereinzelte Freßbuden. Ein Posaunenchor posaunte.
Und in der Mitte das große Monument zur Stadtgeschichte von Jürgen Weber, der auch die Christensäule am Braunschweiger Ruhfäutchenplatz geschaffen hatte. Sehr eindrucksvoll. Das Monument zeigte im unteren Block aus Bronze die Zwangsarbeit in den “Reichswerken Hermann Göring”, darüber erhob sich in weißem Marmor die Industrielandschaft Salzgitters. Darüber die Flucht aus Schlesien, die Demontage der “Reichswerke” und den Widerstand der Arbeiter. Über dem Bild der heutigen Stahlproduktion erhob sich als Abschluss die Figur eines Probenehmers.
Zurück zum Weihnachtsmarkt. Ringsum die Buden. Einige Menschen waren auch dort. Auch mal schön, über einen Weihnachtsmarkt gehen zu können, ohne von unzähligen Besuchern zerdrückt zu werden. So erstand ich mir noch eine leckere Bratwurst an einem leergefegten Bratwurststand, ich brauchte Kleingeld für den Fahrkartenautomaten. Ich glaube, Weihnachtsmärkte sind die letzte Bastion deutscher Bratwürste. Oder hat schon mal jemand eine Döner-Bude auf einem Weihnachtsmarkt gesehen? Ich nicht. Obwohl ich an sich nichts gegen einen leckeren Weihnachts-Döner einzuwenden habe.
Der Tag war aus. Die Nacht übernahm. Ich verließ die Fußgängerzone und ging über die Straße. Ich hatte noch ein wenig Zeit und überquerte die Brücke zum Stadtpark. Dort lief ich noch ein paar Schritte, bis endlich der Zug kam. Und wieder ging es über Watenstedt, Immendorf und Thiede nach Braunschweig.
Nicht aufregend genug? Tut mir leid, kann ja nicht immer was passieren. Was soll schon in Salzgitter Lebenstedt Großartiges passieren? Also bitte!
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