Neue Augen, neue Kamera

Vor einigen Jahren habe ich Bruce Chatwins Traumpfade gelesen. Eine Art halbautobiographisches Reisetagebuch. Chatwin arbeitete als Kunstexperte bei der Londoner Auktionsfirma Sotheby´s, bis ihn ein Augenleiden dazu zwang, den Beruf aufzugeben. Sein Arzt konnte nichts mehr für ihn tun und riet ihm, anstatt den Blick immer auf das nahgerichtete Ziel der von ihm zu untersuchenden Bilder zu richten, solle er lieber in die Weite schauen. Vielleicht hilft´s ja. Im Buch jedenfalls half es. Bruce Chatwin reiste durch die Welt, unter anderem nach Australien, wo er Seite an Seite mit den Aboriginies lebte und ihren Traumpfaden nachspürte.
Mich hat dieses Buch fasziniert, da es das Wandern, das Reisen, das Erkunden der Welt, oder einfach nur das Fortbewegen, als die grundlegende Eigenschaft des Menschen beschrieb. Warum hat denn der Mensch zwei Beine? Damit er hinausgeht in die Welt. Dort, wohin ich gehe oder wo ich bereits gegangen bin, da ist meine Welt, auch die erfahrene Welt in meinem Kopf. Wo ich nicht war, da kann ich auch nicht denken. Was ist ist, was nicht ist ist nicht. Soviel zur Philosophie.
Nun droht mir nicht gerade die vorzeitige Erblindung, und nach Australien zu reisen, habe ich ebenfalls nicht die Absicht. Aber schlecht gucken konnte ich schon immer gut, und ich entdecke lieber das Naheliegende. Meine Region. Wo ich lebe. Und hier gibt es durchaus auch den ein oder anderen exotischen Eingeborenen. Da muß man nicht immer gleich den Kontinent wechseln, um Skurriles zu entdecken. Meine Meinung jedenfalls.
Vor Kurzem ist das Gestell meiner hundert Jahre alten Brille beim Putzen zu Bruch gegangen und ich konnte es nur notdürftig mit Tesafilm flicken. Da ich nun schon immer mal Kontaktlinsen ausprobieren wollte, tat ich letzte Woche genau dieses. Ab zum Optiker, Speziallinsen für weiche Monatslinsen anfertigen lassen. Spezial deshalb, weil ich schon ganz schön fies kurzsichtig bin und eine noch fiesere Hornhautverkrümmung mein Eigen nennen darf. Ist aber weniger schlimm, als es sich anhört. Hat fast jeder so eine Hornhautverkrümmung, versicherte mir mein Optiker. Während der Untersuchung durfte ich meine Augen überdimensional abfotografiert auf einem Bildschirm bewundern. Faszinierend!
Einige Tage später waren meine bestellten Linsen abholbereit beim Optiker. Hat alles prima geklappt. Meine neuen Augen bereiten mir große Freude. Eine Brille kann schon ganz schön stören. Man muß sie ständig putzen, sie beschlägt, sie rutscht, sie drückt. Freie Sicht für meine Augen! Und es ist alles so groß! Brillengläser gegen Kurzsichtigkeit verkleinern nämlich ganz schön das Bild, und es ist fast unheimlich, wie scharf und riesig die Welt auf einmal für mich ist. Im Zeitschriftenladen habe ich mich verwundert gefragt, warum plötzlich alle Zeitschriften in DIN A3 gedruckt wurden. Kein Scherz. Auf jeden Fall laufe ich seit einigen Tagen durch die Gegend und schaue einfach nur. Ich wußte gar nicht, wie aufregend das sein kann.
Und nun zur Kamera. Zu meinem Harz- und Heideland-Projekt gehört es ja nun mal, Fotos zu machen. Und zu diesem Zwecke war mir meine zweieinhalb Jahre alte HP Photosmart bislang ausreichend. Ist ein fünf Megapixel-Gerät für den Schnappschuß nebenbei. Aber da es meine erste Digi war, hatte ich keinen Vergleich. Leider ging ich vor etwa einem Jahr äußerst fahrlässig mit meiner HP um, und Flüssigkeit zerstörte das Display. Seltsam abstrakte Fraktalmuster durchziehen seitdem das Display. Glücklicherweise hatte die Kamera einen optischen Sucher und ich konnte ungestört weiter knipsen. Nur wußte ich nun nicht mehr, wie viele Bilder ich bereits verschossen hatte. Bei einer 256 Megabyte Speicherkarte kann es schon einmal zu einer bösen Überraschung kommen. Und die Handhabung der Kamera hatte sich überdies ebenfalls merklich verkompliziert. Den Zoom konnte ich erst betätigen, nachdem ich den Auslöser für den Autofokus halb herunter gedrückte hatte. Danach konnte ich zuverlässig zoomen. Warum auch immer. Und um den Blitz zu unterdrücken, mußte ich ebenfalls jedesmal nach dem Einschalten den Autofokus einmal auslösen, dreimal vorsichtig die Blitztaste drücken und vorsichtshalber das Display ausschalten, denn das brauchte ich nicht mehr. Hat eine Weile gedauert, bis ich das wußte. Aber an die Macken meiner Kamera hatte ich mich inzwischen gewöhnt, und ich konnte fleißig weiter schnappschießen.
Nun entdeckte ich vor einigen Tagen, zu der Zeit, als ich auch meine neuen Kontaktlinsen erstmals ausprobiert hatte, im Prospekt die Fuji Finepix 5700. Schicke Kamera, sieben Megapixel, zehnfacher optischer Zoom zu einem Preis, für den es sonst keine Kamera dieser Qualität gibt. Stiftung Warentest “gut”, und die Käuferbewertungen gingen von “sehr zufrieden” bis “enthusiastisch ausflippend“. Da konnte ich nicht wiederstehen. Ab zum Händler, Modell nach zwei Tagen bereits ausverkauft, Vorführmodell geschnappt, zehn Euro Ermäßigung. Ab in die Welt Fotos machen.
Dieses Wochenende war ich, der Zufall hat es so gewollt, in Hannover, Werder gegen 96 gucken. Darüber kann ich nun leider nicht berichten. Hannover ist auswärts. Geht einfach nicht. Deshalb kannn ich auch keine neuen Fotos zeigen. Nächste Woche dann. Nachdem ich nun zweieinhalb Jahre eigentlich immer nur auf den Knopf gedrückt hatte, muß ich mich nun doch ein wenig in die Handhabung der neuen Kamera einfuchsen. Wenn man nun schon so viele Möglichkeiten hat, sollte man auch Gebrauch davon machen. Der Zoom jedenfalls ist schon mal gigantisch. Zuweilen erschrecke ich mich noch, wenn ich eine hundert Meter entfernte Hauswand so nah heranhole, daß ich unwillkürlich zusammenzucke. Alles so scharf, alles so groß, alles so nah!
Neue Augen, neue Kamera!
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Tags: Bruce Chatwin, Finepix 5700, Fuji, Hewlett-Packard, HP, Kontaktlinsen, Photosmart, Traumpfade