Meine alte Zeitschriften-Tour

ortsschild_gosstra.pngEs ist ja jetzt Weihnachtszeit. Da kommt man zu nichts. Auch nicht zum Wandern. Deshalb heute nur ein kleiner Spaziergang durch einen Teil des Westlichen Ringgebietes von Braunschweig, das immerhin 32.000 Einwohner zählt. Vor gefühlten hundert Jahren habe ich dort in den Straßen Goslarsche Straße, Görgesstraße, Alerdsweg, Hohnrothstraße und Bruderstieg Zeitschriften verteilt. Immer schön mit dem Fahrrad, bei Wind und Wetter. Mein erster kleiner Job. Ich wollte schließlich auf eine Stereo-Anlage sparen. Da war ich ganz scharf drauf.


Goslarsche_Strasse_3.jpg Dieser Straßenzug befindet sich zwischen Sackring und Hohetorwall, südlich vom Madamenweg geschnitten und nördlich auf den Rudolfsplatz treffend. Architektonischer Mittelpunkt ist die St. Jacobi-Kirche. Bemerkenswert sind zudem der St. Petri-Friedhof und der Friedhof der Reformierten Gemeinde, beide denkmalgeschützt. Letztgenannter befindet sich noch kurz vor Beginn der Goslarschen Straße, darauf folgt das Café Flair an der Kreuzung zum Madamenweg. Dort begann damals meine Tour. Da habe ich mich oft bei Glatteis-Wetter wie heute auf die Nase gelegt, während sich die Zeitschriften in alle Richtungen verteilten. Beschwerden der Kunden kamen nur selten. Nur einmal, da hat sich jemand darüber aufgeregt, daß die Kreuzworträtsel bereits ausgefüllt waren. Ich war schwer geschockt, denn ich hasse Kreuzworträtsel und würde nie auf die Idee kommen, in den neuen Zeitschriften rumzukritzeln. Mal vorsichtig querlesen, aber mehr nicht. Nun, die Kreuzworträtsel-Beschwerde ist mir bis heute ein Rätsel.

Goslarsche_Strasse_4.jpg Goslarsche_Strasse_5.jpgDoch sonst habe ich meine Verteil-Tätigkeit stets pünktlich zur Zufriedenheit meiner Kunden erledigt. Vielleicht auch deshalb, weil einige von ihnen nicht immer zahlungsfähig waren. Das hat zuweilen genervt, denn ich bin kein besonders talentierter Geldeintreiber. Was das Trinkgeld anging, konnte ich mich aber nicht beklagen. Schließlich kannten mich die Leute seit Jahren, auf mich konnte man sich verlassen! Besonders zu Weihnachten zeigten sich speziell die Omis sehr spendabel. Da hat mich auch das schlechte Wetter nicht aufhalten können, und ich bekam auch schon mal zehn Mark mit auf den Weg. Wobei das mitunter auch Erpressung war. Denn so konnte ich einen Kaffee kaum abschlagen. Es ist oft genug vorgekommen, daß mich die netten Omis in ihre gemütliche Wohnung hinein gebeten hatten, um mir einen Schlag aus ihrer Jugendzeit zu erzählen. Ich habe das gerne über mich ergehen lassen, solange das Trinkgeld stimmte.

Goslarsche_Strasse_16.jpg Goslarsche_Strasse_2.jpg Als ich so durch die Straßen lief, habe ich die Gegend ganz neu für mich entdeckt. Oft stand ich vor den Hauseingängen und überlegt, ob ich hier dereinst zugestellt hatte. Ich war mir fast nirgends wirklich sicher. Dabei hatte ich doch jahrelang dieselbe Tour. So schnell kann man vergessen! Nun, ich hatte damals zugegebenermaßen auch kein Auge für die Gegend. Für die Häuser, die Kirchen, die Friedhöfe. Ich habe das zwar wahrgenommen, aber offensichtlich nicht für erinnerungswürdig gehalten.

Das Westliche Ringgebiet entstand Ende des 19. Jahrhunderts als Teil des Gründerzeitgürtels um die Braunschweiger Altstadt nach Plänen von Ludwig Winter. Ein Teil der südlichen Hälfte wurde in den 1920ern und 1930ern bebaut. Wichtiger Bestandteil der Planungen war der Ring, eine ringförmige Straßenanlage um die Altstadt herum. Das Westliche Ringgebiet blieb seit den 1940ern fast unverändert, nur wenige neue Häuser wurden seitdem gebaut. Auffällig fand ich die wenigen kleinen, buntbemalten (Fachwerk)Häuser, die zwischen den wuchtigen und stolzen Gründerzeithäusern ganz gedrungen wirkten. Da prallen unterschiedliche Zeiten aufeinander.

Goslarsche_Strasse_9.jpgGoslarsche_Strasse_8.jpgGoslarsche_Strasse_7.jpg Laut braunschweig.de faßt das Westliche Ringgebiet nur 15.000 Bewohner und nicht doppelt soviele, wie ich oben geschrieben hatte. Die 32.000 kommen aus Wikipedia. Auf braunschweig.de wird das Westliche Ringgebietkurz über dem Madamenweg abgeschnitten. Wenn ich das richtig lese, dann ist dieser Bereich Teil des Städtebauförderprogrammes „Soziale Stadt“. Dort sollen mit Fördermitteln des Bundes, des Landes Niedersachsen und der Stadt Braunschweig Erneuerungsprozesse in diesem Stadtteil eingeleitet werden, die zu einer Verbesserung der Wohn- und Lebensqualität führen sollen. Der Bereich um die Hugo-Luther-Straße ist bekanntermaßen ein “sozialer Brennpunkt”, wie man so schön sagt. Während es in der Goslarschen Straße friedlich zugeht, tobt nur wenige hundert Meter weiter unten ddas Verbrechen, könnte man meinen. Kurzzeitig hatte ich damals auch als “Urlaubsvertreteung” in der Hugo-Luther-Straße verteilt. Ich muß zugeben, da war mir schon ein wenig mulmig zumute.


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Goslarsche_Strasse_6.jpg Goslarsche_Strasse_15.jpg Goslarsche_Strasse_10.jpgDie Goslarsche Straße selbst scheint mir ein ganz lebendiges Viertel zu sein. Die erste Straße, die die Goslarsche kreuzt, ist der Hohestieg. Auf der Höhe dieser Kreuzung befindet sich eine Grund- und Hauptschule und eine Realschule. Direkt an der Kreuzung sieht man die letzten Grabsteine eines alten Friedhofs, dahinter einen Spielplatz. Weiter die Goslarsche Straße entlang, am Apollo-Grill mit Extra-Preisen für Schüler vorbei, dahinter der Görge-Markt, direkt gegenüber ein Frauen-Wellnesszentrum. Das stand damals schon. Vom Kiosk Vatan an der Kreuzung zur Tuckermannstraße noch hundert Meter weiter, stand ich vor der St. Jacobi-Kirche, die von überall her um den Straßenzug Goslarsche Straße zu sehen ist. Ziemlich viel Kirche und Firedhof auf einen Platz, ich weiß nicht, ob ich in einer Wohnung mit Blick auf den Friedhof wohnen möchte. Das Westliche Ringgebiet zeichnet sich vor allem durch viele Fabriken wie die BMA oder die Wilke-Werke aus, die zu Beginn der Industrialisierung hier aus dem Boden schossen. Das neue Wappen des Ringgebietes ziert deshalb auch ein Ring, der zu einen Hälfte aus Bahnschinenen besteht, zur anderen ein Zahnrad ist. Im Bereich Golarsche Straße gibt es aber keine Industrie zu sehen. Die St. Jacobi-Kirche jedoch wurde aufgrund der rasanten Stadterweiterung im Jahre 1904 gebaut.

Goslarsche_Strasse_12.jpgGoslarsche_Strasse_11.jpg Ich zitiere aus der Info-Tafel am Kirchengebäude, da ich im Netz nichts gefunden hatte: “Die städtebauliche Anordnung des Bauensembles schafft mit seinen gestaffelt angeordneten Gebäudeteilen eine platzartige Erweiterung … Die Formensprache um 1910 ist geprägt von gefälligen Proportionen und gediegener Detailausbildung.” Ich würde sagen, das ist ein ganz schön protziger Klotz.

Dort am Platz befindet sich auch die Gaststätte “Zum Steinkrug”, aus dem laut Musik spielte. “Du hast den Farbfilm vergessen, bei meiner Seel, Alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr!” Was bitteschön ist denn ein Farbfilm? Sowas kennt man heute ja gar nicht mehr. Meine SD-Karte habe ich jedenfalls immer dabei. Also weiter.

Goslarsche_Strasse_1.jpgGoslarsche_Strasse_14.jpgGoslarsche_Strasse_13.jpg Am St. Petri-Friedhof vorbei, zur rechten kann man übrigens die JVA Rennelberg in der Ferne erkennen, über die Einhorn-Apotheke bis zum Rewe, von wo es nicht mehr weit bis zum Rudolfsplatz ist. Das war meine alte Zeitschriften-Tour. Was hat sich alles verändert? Ich denke, es ist ein wenig freundlicher geworden. Das ein oder andere Haus strahlt mit neuer Farbigkeit eine gewisse Freundlichkeit aus. Und die beiden ehemals verwilderten Friedhöfe, die um 2000 herum saniert worden sind, wirken nun präsenter.

Jetzt aber schnell nach Hause. Es ist verdammt kalt geworden. Zum Glück muß ich bei einem solchen Wetter keine Zeitschriften mehr verteilen. Aber kalte Finger hatte ich beim vielen Knipsen doch bekommen. Man kann es mir einfach nicht recht machen.

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