Der St. Petri-Friedhof in Braunschweig

ortsschild_friedhof-st-pet.pngAuf meinem Spaziergang durch die Goslarsche Straße habe ich neben dem Friedhof der Reformierten Gemeinde auch den St. Petri-Friedhof besucht. Dies ist der zweite Teil einer losen Reihe über Braunschweiger Friedhöfe. Der St.-Petri-Friedhof ist wie der Friedhof der Reformierten Gemeinde einer der ältesten Friedhöfen Braunschweigs. Der 1757 vor den Toren der Stadt gelegene Friedhof der Petri-Gemeinde wurde mehrmals vergrößert, 1856 wurde die Platanenallee angelegt. Die letzte Beerdigung fand 1887 kurz vor der Eröffnung des Hauptfriedhofes an der Helmstedter Straße statt. Mit den Gräbern von Wilhelm Bracke, Johann Heinrich Degener, Hermann Günther, Friedrich Ludwig Rudolph Salomon und Gottfried Friedrich Tunica haben sich auf dem Friedhof auch Ruhestätten bedeutender Bürger der Stadt erhalten.Friedhof_StPetri_7.jpg1998 wurde die verwahrlosten Gräber, Grabfelder und Wege auf der Grundlage der alten Struktur mit Hilfe der Borek-Stiftung saniert.Bis zur Einweihung des Braunschweiger Hauptfriedhofs, damals “Centralfriedhof” genannt, besaßen die Kirchengemeinden Braunschweigs eigene Friedhöfe, die im Mittelalter um die Kirchen herum angeordnet waren. In Braunschweig gab es eine große Zahl sogenannter Außenfriedhöfe, mehr als in anderen Städten Deutschlands. Die meisten von ihnen sind noch erhalten: St. Magni- und Domfriedhof an der Stadthalle, St. Ulrici- und der Reformierten Friedhof, St. Martinifriedhof, St. Katharinen- und St. Andreasfriedhof am Wendenring, der Judenfriedhof Hamburger Straße, der St. Nicolaifriedhof an der Hochstraße, und eben der St. Petrifriedhof an der Goslarschen Straße. Im 18. Jahrhundert wurden die Friedhöfe auch aus Hygienegründen nach und nach vor die Tore der Stadt verlegt und die Plätze um die Kirchen gepflastert, damit weitere Beerdigungen dort unmöglich waren. Herzog Carl I. duldete keine Friedhöfe mehr innerhalb der Stadtmauern.Friedhof_StPetri_2.jpgDer St. Petri-Friedhof ist auch ein Geocache, das ist eine Art GPS-Schnitzeljagd. Der Verstecker weist in seiner Beschreibung darauf hin, daß der Friedhof von allen Seiten frei einsehbar ist und der Suchende sich vor “Fenstermuggels” in Acht nehmen sollte. “Muggels” sind die normalen Menschen in “Harry Potter” und stehen hier für Unkundige, die sich womöglich verwundert fragen, was da jemand in den Büschen sucht.Friedhof_StPetri_8.jpgFriedhof_StPetri_6.jpg Nun zu zwei Braunschweiger Persönlichkeiten, die hier begraben sind: Auf der Website der Wilhelm-Bracke-Gesamtschule wird der Leser gefragt, für welchen Politiker oder Prominenten er heute einen unbezahlten Urlaubstag nehmen würde, um sich der Trauergemeinde zu dessen Begräbnis anzuschließen? Halb Braunschweig war 1880 unterwegs zum St. Petri-Friedhof, um Wilhelm Bracke zu Grabe zu tragen. Trotz der katastrophal geringen Löhne nahmen sich tausende Braunschweiger frei und verzichteten auf ihre kärglichen Einnahmen.Friedhof_StPetri_3.jpgWilhelm Bracke war der Sohn einer wohlhabenden Familie in Braunschweig, hatte aber ein Auge für die Situation einfacher Arbeiter, die zwölf Stunden am Tag arbeiteten und nur einen Hungerlohn bekamen. Wilhelm Bracke war Kaufmann, Journalist, Schriftsteller und Verleger. Doch vor allem Sprecher und Anführer eines großen Teils der Arbeiterschaft, weit über Braunschweig hinaus. 1869 begründete er die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands mit. 1877 wurde Bracke in den Reichstag gewählt.Größere KartenansichtFriedhof_StPetri_4.jpg Wilhelm Bracke hatte gar nicht kaisertreu die Besetzung Frankreichs durch deutsche Soldaten kritisiert und wurde 1870 wegen Hochverrat verhaftet. Berühmt wurde seine Rede zum Sozialistengesetz im Reichstag: „Meine Herren, wir pfeifen auf das ganze Gesetz!“ Dieses Sozialistengesetz von 1878 brachte ihm aber den finanziellen Ruin, mit seinem Verlag, in den er den größten Teil seines Vermögens gesetzt hatte, ging er bankrott. Der ehemals wohlhabende Sohn einer angesehenen Bürgerfamilie starb hoch verschuldet im Alter von 37 Jahren am 27. April 1880.Friedhof_StPetri_10.jpgFriedhof_StPetri_9.jpg Ein bescheidener Grabstein weist auf die letzte Ruhestätte Konrad Kochs hin. Wie im unten stehenden Kommentar zu lesen ist, ist dieser Konrad Koch aber nicht der berühmte Mann, der in diesem Absatz beschrieben wird!  Konrad Koch war Lehrer des Gymnasiums Martino-Katharineum und setzte sich gegen die vielen Vorurteile gegen den Fußball ein. Und so gilt das unter der Leitung Kochs und seines Kollegen August Hermann von seinen Schülern 1874 ausgetragene Fußballspiel als das erste Deutschlands. Dort, an der Pockelsstraße, wo sich heute das Naturhistorische Museum befindet, steht nun auch eine Gedenktafel zu Ehren Konrad Kochs. 1875 legte Koch das erste Fußball-Regelwerk für das brandneue Spiel vor und gründete im selben Jahr an seiner Schule den ersten Fußballverein Deutschlands. Allerdings gab es noch einen klitzekleinen Unterschied zum heutigen Fußballspiel: Es gab noch keine Schiedsrichter, diese Aufgabe übernahmen die Mannschaftsführer selbst, die „Fußballkaiser“ genannt wurden. Wenn das der Kaiser wüßte. Also Franz, nicht der Wilhelm. Das Regelwerk orientierte sich noch bis 1893 an der heute als Rugby bekannten Variante. Kochs bedeutendstes Werk zum Thema erschien 1900: „Die Erziehung zum Mute durch Turnen, Spiel und Sport“.Friedhof_StPetri_11.jpgVon Braunschweig aus verbreitete sich der Fußballsport bis in die hintersten Winkel Deutschlands (sogar bis nach Hannover), so daß Koch 1894 in seiner „Geschichte des Fußballs“ feststellen konnte: „Die Frage, ob Fußball in Deutschland eingeführt werden soll oder nicht, bedarf keiner Erörterung mehr, sie ist durch die Macht der Tatsachen entschieden.“ Dabei war der Anfang schwer. Koch und sein Mitstreiter Herrmann wurden für ihre Überzeugung als „Spiel-Apostel“ oder „Spiel-Schwärmer“ abqualifiziert. Widerstände gab es insbesondere aus dem Lager der Turner zu überwinden. Diese verunglimpften das Fußballspiel als „Fußlümmelei“. Die Rohheit des Spiels war für viele ein Sittenverfall. Allein der neumodische Begriff „Sport“ sorgte damals schon für Irritationen. In Bayern wurde das Fußballspielen sogar offiziell verboten.Hier noch einige interessante Links zu Konrad Koch: konrad-koch.de Porträt über Konrad Koch auf braunschweig.de Die Website zum aktuellen Kinofilm “Der ganz große Traum

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