Vom versunkenen Dorf in der Okertalsperre
Die Okertalsperre war auch in meiner Kindheit beliebtes Ausflugsziel. Und für mich als Kind natürlich ein echtes Ereignis. Das ist ja riesig! Und so hoch. Beziehungsweise tief. Da möchte man am liebsten auf die Brüstung klettern und runterspucken. Wenn es einem die Eltern nicht verbieten würden. Als ich vor zwei Jahren das letzte Mal die Okertalsperre besichtigt hatte, war mir gar nicht mehr danach. Selbst der vorsichtige Blick aus sicherer Distanz ließ mich ein wenig schwindeln.
Es war ein wunderschöner Sommertag, als ich dort war, die Sonne brannte mir auf den Schädel. So hatte ich es gern. Mit dem Bus von Goslar aus direkt zur Sperre. Dort am Rande stand gleich eine kleine Gaststätte, dort gab es Currywurst und Pommes. Die Terrasse hing direkt über dem Abgrund. Da hätten mich keine zehn Pferde reingekriegt. Auf die Sperre aber schon. Ein breiter asphaltierter Weg führte darüber, nach links und rechts ein herrlicher Blick auf die Harzberge. Ist schon schön. Nun, viel mehr gab es hier nicht zu sehen, aber diesen Ausblick sollte man ausgiebig genießen. Nach einer Weile ging ich dann ganz über die Sperre hinweg und begann eine kleine Wanderung um den See herum. Man kann hier übrigens auch Campen. Nach eine Weile kehrte ich aber wieder um, da ich an diesem Tage noch in Romkerhall herumspazieren wollte. Ich hätte von hier aus bis nach Altenau laufen können und dann mit dem Bus zurück nach Goslar. Das nächste Mal vielleicht. Auf jeden Fall war es sehr schön idyllisch so um den See herum. Als ich mich wieder der Sperre näherte, sah ich aus der Ferne ein Passagierschiff nahen. Er hielt direkt am Ufer an der Talsperre. Leute stiegen aus, Leute stiegen ein. Das Schiff wendete und verschwand schließlich am Horizont.

Schon Herzog Julius benutzte den See 1570 für seine Stauanlage. Zum Zwecke der Holzflößerei nach seinem Holzhof in Oker und zum Weitertransport nach Wolfenbüttel und Braunschweig hatte dieser tatkräftige und weitblickende Herrscher “von den stärksten Bäumen, so zu finden, duppelte Balken” fertigen und zum Stau der Oker auf dem Grund der jetzigen Mauer einbauen lassen. Noch heute zeugt der Flurname “Herzog-Julius-Stau” von der meisterlichen Tat. Im Harz gibt es übrigens überdurchschnittlich viel Talsperren, da es hier so viel regnet wie sonst kaum in ganz Deutschland. Die ersten Talsperren wurden angelegt, um mit Wasserkraft Pumpen im Bergbau anzutreiben. Das von den Harzwasserwerken gelieferte Trinkwasser ist übrigens von ausgezeichneter Qualität! Heute werden zwei Millionen Menschen Norddeutschlands mit dem von Natur aus weichen und gesunden Trinkwasser versorgt. Mit ihren vielen Seitenarmen soll die Okertalsperre der Biggetalsperre im Sauerland ähneln. Man nennt sie auch den Vierwaldstättersee des Harzes. Oder Blaues Ypsilon. Die Staumauer der Okertalsperre in Bogenform ist fünfundsiebzig Meter hoch, 260 Meter lang, kann bis zu siebenundvierzig Mllionen Kubikmeter Wasser stauen und dient vor allem der Energieversorgung und Wasserregulierung, aber auch dem Hochwasserschutz. Der mittlere Jahresabfluß beträgt fünfundsiebzig Millionen Kubikmeter. Das sind Zahlen, die sich jedermann sehr leicht vorstellen kann.


Der Bau der Okertalsperre wurde von Hr. Press von 1938 bis 1942 begonnen und dann von 1949 bis 1956 vollendet. Bei der Errichtung musste die Ortschaft Schulenberg aufgegeben werden. Sie wurde oberhalb des Sees neu errichtet. Die verlassene Siedlung wurde dann vom ansteigenden Wasser überflutet. Das frühere Schulenberg war eine ehemalige Bergbau- und Hüttensiedlung aus dem 16. Jahrhundert. Die Gebäude wurden bis auf die Grundmauern abgerissen. Die Bürger fanden westlich ihrer alten Wohnstätte auf dem Kleinen Wiesenberg ein neues Zuhause. Dort entstand das heutige Schulenberg, sechzig Meter über dem Stausee gelegen. Als ich angestrengt in den See hinein sah, entdeckte ich plötzlich eine Kirchturmspitze im Wasser. Ganz tief unten, nur schemenhaft zu erkennen. Und als ich mich auf den Kirchturm konzentrierte, vernahm ich sogar, man kann es kaum glauben, das Läuten ihrer Glocken!

Bezaubert von diesem wundersamen Erlebnis konnte ich mich nur schwer von dem Anblick trennen. Das muß man sich mal vorstellen: Da wurde ein Dorf geflutet! In den alten Kuhställen leben heute sicher dicke Heringe, Seepferdchen schweben über die Unterwasser-Weiden. Überzeugt Euch nur selbst. Dann werdet Ihr sehen, daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Fahrt zum Okerstausee und schaut euch das einzige Unterwasserdorf der Welt an. Aber spitzt die Ohren! Dann hört Ihr auch das Klingen der Glocken. Versprochen.
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