In Salzgitter Bad scheint die Sonne drei mal schwächer als in Braunschweig

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Endlich war es wieder soweit: Meine erste Tour im neuen Jahr. Als ich mir am Samstag nun endlich die letzte Weihnachts-Lethargie abgeschüttelt hatte, stieg ich um 12 Uhr 4 in den Regionalzug nach Salzgitter-Bad, der mit zwanzigtausend Einwohnern zweitgrößten Salzgitter-Stadt. Die Sonne schien kräftig. Aber nur für eine halbe Stunde. Denn dann kam ich am Bahnhof in Salzgitter-Bad an, der Zug fuhr ohne mich nach Herzberg weiter. Und die Sonne verschwand hinter einem dichten Wolkenhimmel, wollte den ganzen Tag über nur mal für einige Sekunden hervorschauen. Vom Bahnhof aus sah ich einen riesigen Parkplatz mit angrenden Supermärkten. Kein schönes Bild. Der unwissende Besucher würde nicht unbedingt auf die Idee kommen, daß Salzgitter-Bad südlich vom Bahnhof eine hübsche Altstadt besitzt.


bad_8.jpg Also ging ich durch den Bahnhofstunnel, über dessen Eingang der Schriftzug “Herzlich Willkommen zur Altstadt” prangte und gelangte kurz darauf in die kleine, feine Fußgängerzone Salzgitter-Bads. Und tatsächlich: Viele hübsche Fachwerkhäuser reihten sich hier aneinander. Vermutet man gar nicht in einem Salzgitter-Ort. Doch Salzgitter-Bad ist im Gegensatz zu Lebenstedt beispielsweise historisch gewachsen. Davon zeugen auch die Skulpturen bekannter Salzgitteraner Persönlichkeiten, die hier gelebt hatten. Jährlich findet das Altstadtfest statt. Hier gibt es übrigens auch einen Bohlweg, aber ohne Schloß. Da Salzgitter-Bad geradezu umzingelt ist von Braunschweig, Goslar oder Hildesheim, hat die Stadt es natürlich schwer, sich als Einkaufsstadt zu behaupten. Kinos, Kneipen und Diskos werden weniger und weniger, ein Kaufhaus fehlt ganz. Schließlich gibt es nun genügend Supermärkte vor dem Bahnhof. Das war früher der Güterbahnhof. Eine ehemals nach Börßum führende Strecke befördert nun nur noch eine Museumsbahn.

bad_9.jpgbad_7.jpg Als ich gerade dabei war, einen putzigen Hinterhof zu fotografieren, kreuzte von links kommend eine Dame meinen Weg, doch blieb kurz vorher stehen, damit ich mein Bild machen konnte. Ich bedankte mich und sie fragte: “Was soll denn daran so interessant sein?” Da mußte ich selbst eine Sekunde überlegen. “Eigentlich nichts weiter. Aber ist so schön … verfallen!” Woraufhin sie mir etwas antwortete, was ich aber nicht verstand, denn sie ging beereits weiter und wandte mir den Rücken zu. Das Besondere im Unscheinbaren finden, das ist die Kunst.

bad_4.jpgbad_6.jpgbad_2.jpgbad_10.jpg Auf dem großen Klesmerplatz stand ein Brunnen mit Denkmal. Zu Ehren der Klesmer, den Salzgitterschen Wandermusikanten, die aus Verarmung musizierend durch die Welt zogen. Als ich mich an den ganzen Fachwerkhäuschen sattgesehen hatte, ging ich weiter in westlicher Richtung, die Straße Gittertor entlang. Ich hoffte, das sei das Tor zu Gitter. Und richtig: Nach einem kleinen Kilometer erreichte ich die Alte Salzstraße von Gitter. Über meine Beobachtungen in Gitter schrieb ich hier. Als ich dort alles gesehen hatte, ging ich wieder nach Bad zurück. So ziemlich in der Mitte zwischen Braunschweig und Brocken liegend, fühlt man sich hier schon fast im Harz. Man hat einen hervorragenden Blick auf den Harz und manche Straßen führen in so schwindelerregende Höhen wie in San Francisco.


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bad_5.jpgbad_3.jpgbad_11.jpg Salzgitter-Bad ist übrigens ein “staatlich anerkannter Ort mit Solekurbetrieb” und verfügt über ein Thermal-Solebad. Der Bürgerverein strebt danach, den Ort deshalb wieder in Bad Salzgitter umzubenennen. Ehre, wem Ehre gebührt. Nun bekam ich plötzlich Durst. Doch es war bereits nach 14 Uhr, und die Läden der Altstadt hatten bereits geschlossen. Da entdeckte ich einen Supermarkt, der bis um 17 Uhr geöffnet hatte. Ich also rein. Doch schon nach den ersten Schritten stellte ich fest, daß hier lauter Verpackungen und Lebensmittel in den Regalen standen, die ich nie zuvor gesehen hatte. Ich war in einen türkischen Supermarkt geraten! Aber auch dort gab es Erfrischungetränke. Ich wählte eine Dose namens “Link”, Zitronenlimonade mit Vitamin C. Hat nach Sonne geschmeckt. Der Supermarkt hieß übrigens City Shop oder so ähnlich. Sah von außen nicht türkisch aus. Ich hatte irgendwie an Edeka gedacht, der gelben Folien wegen. Der Markt selbst war riesig und sehr übersichtlich aufgeräumt. Hier hatte man viel Platz zwischen den Regalen, im Gegensatz zu deutschen Supermärkten, wo tonnenweise Lebensmittel dichtgedrängt aufgestapelt sind. Der Kassierer, der nicht viel zu tun hatte, war sehr freundlich und sagte: “Hallo! Einmal Link?” Er trug durchsichtige Schutzhandschuhe. So etwas hatte ich noch nie gesehen.

bad_12.jpgSchließlich ging ich wieder durch den Bahnhof in den nördlichen Teil der Stadt. Dabei mußte ich den riesigen Parkplatz überqueren und irgendwie ein Lücke zwischen den Supermarkt-Klötzen finden. Als ich das geschafft hatte, trat ich auf die Braunschweiger Straße, die zusammen mit dem Bahnhof die Stadt in Nord und Süd trennt. Auch hier war es gar nicht so einfach einen Übergang in das Wohngebiet zu finden. Es schien mir, als sei es den Salzgitteranern gar nicht recht, wenn sich Besucher in diesen Stadtteil verirrten. Hier gab es allerdings nicht viel zu sehen. Reines Wohnviertel mit einigen kleinen Lädchen und steilen Straßen. Zahllose Kids tummelten sich vor einem Jugendzentrum und lauschten den blechernen Klängen ihrer MP3-Handys.

bad_13.jpg Der Weg in den nördlichen Teil Salzgitter-Bads hat sich aber trotzdem gelohnt. Schließlich stand auf dem nahegelegenen 275,30 m hohen Hamberg ein Bismarckturm, den ich zu besteigen trachtete. Der Turm trägt ein großes “Heimkehrerkreuz”, das abends beleuchtet und weithin sichtbar ist. Der Turm war übrigens ausreichend ausgeschildert. Offensichtlich ein beliebter Ausflugsort. Den Weg zum Berg hinauf flankierten zahlreich beflaggte Schrebergärten. Auf dem Rückweg hielt ein Auto neben mir und der Fahrer fragte mich, ob zum Bismarckturm eine Straße führe. Ich bejahte und fügte hinzu, daß die Straße doch recht steil sei. Und für Fußgänger nicht ganz ungefährlich und unbeschwerlich, denn mir kamen auf dem Weg ständig Autos entgegen, die zum Turm wollten. Vielleicht war an dem Tag aber auch nur eine Feier. Der steile Weg ist auch recht anstrengend.

bad_16.jpgbad_15.jpgbad_14.jpg Vom Bismarckturm führen Wanderwege über den Salzgitter-Höhenzug und bis nach Gebhardshagen. Ein asphaltierter Wanderweg ist schon recht seltsam. Dort oben standen standen 15 Autos. Ob das da immer so gut besucht ist, weiß ich nicht. Schließlich entdeckte ich die Gaststätte hinter den Bäumen, und dann geriet auch schon der Turm in meinen Blick. Der bestand aus einem gemauerten Eingang, über dem ein Stahlgerüst in die Höhe ragte. Am Eingang klebte ein Aufkleber mit einem durchgestrichenen Herzen und so etwas wie einer Kurbel. Sollte wohl ein Kabel darstellen. Nichts für Herzschrittmacher-Träger. Auf dem Turm selbst waren allerhand antennenartige Gebilde angebracht. Wohl daher. Ein kostenpflichtiges Fernrohr stand dort ebenfalls. Aber ich hatte ja meine Kamera. Um 15 Uhr 30 wurde es fast schon Dunkel, die Wolken wurden immer dichter. Aber die Aussicht war prächtig. Ganz prima kann man den Brocken sehen und natürlich die ganze Stadt von oben.

Als ich um 16 Uhr 35 wieder in den Zug in Richtung Braunschweig stieg, setzen sich sechs, sieben coole Kids auf die Plätze neben mir. Aus ihren Handys quoll blechener Gangster-Rap. Solariumgebräunt und gegelt machten sie sich auf nach Braunschweig, Party machen. Sagte der eine zum anderen: “Ey, weissu, in Braunschweig scheint die Sonne drei mal stärker als bei uns!” “Is wahr? Krass, Alter!” “Ich sag´s Dir, Mann! Die haben da bestimmt 20 Grad!”

Die Kids scheinen ihr Salzgitter wohl wirklich nicht besonders zu lieben, wie ich auch schon bei meinem Thiede-Besuch bemerkte, als ich am dortigen Bahnhof die Wortschöpfung “Salzghetto” entdeckte. In Braunschweig war es dann aber genau so frisch wie in Salzgitter Bad. Und ziemlich dunkel dazu.

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