Wie kommt die Schweiz nach Gifhorn?
Es ist Winter. Die dunkle Jahreszeit. Die Tage sind kurz und kalt. Frohe Gedanken müssen her. Gedanken an warme, sonnige Zeiten. Was gibt es da Wirkungsvolleres als saftig-knackige Bilder blühender Heide? Also her damit! Im August machte ich einen Familienausflug mit Mutter, Onkel und Tante in den Heiligen Hain, ein 1969 eingerichtetes Naturschutzgebiet bei Betzhorn, nördlich von Gifhorn.
Die bis 1913 betriebene Heidewirtschaft im Gebiet des heutigen Heiligen Hains hatte ein äußerst nährstoffarmes Gebiet hinterlassen. Das Land war praktisch nur zur Haltung von Heidschnucken geeignet, die durch den Fraß der Baumschößlinge dafür sorgten, daß der bis heute charakteristische Bewuchs aus hohem Wacholder und weiten Heideflächen bestand. Seit 1913 wurde das vor der damals üblichen Kultivierung bewahrt. Im Mai 1913 wurde es der Öffentlichkeit als Erholungsgebiet zugänglich gemacht. Die Namensgebung erfolgte nicht einmütig: ein Hamburger Maler hatte den Namen Heiliger Hain vorgeschlagen. Diese Bezeichnung erfolgte aber nicht im Einklang mit den bis dahin üblichen Flurnamen. Hermann Löns kämpfte damals vergeblich für die Bezeichnung des Gebietes als Garskrempel, einem historisch verbürgten Begriff.


Ich kannte die Heide nur noch aus verblaßten Kindheitserinnerungen. Ich war gespannt. Wir hielten also auf einem Schotterparkplatz hinter Betzhorn, tranken noch einen Kaffee aus der Thermoskanne und aßen selbstgeschmierte Brötchen. Schon alleine das hat mich an meine Kindheit erinnert. Dann begrüßten uns noch zwei nette Besucher aus Wernigerode, die sich auch einmal die Heide anschauen wollten, zumal diese in ihrer Blüte jetzt Ende August bereits in den letzten Zügen lag.

Als wir uns gestärkt hatten, überquerten wir zu Fuß die Landstraße, gingen einige hundert Meter einen Feldweg entlang, und schon waren wir da: Die knallrote Heide strahlte uns entgegen. Heiligen Hain ist ein recht überschaubares Areal von 40 Hektar Größe, welches von Dutzenden kleinen Sandwegen durchzogen ist, wie Adern in einem Organismus. Die Welt ist hier einfach anders. Der Boden übersät von kontrastreichem Rot und Grün, besprenkelt mit hochgewachsenen Wacholderbüschen, umrahmt von Bäumen. Wie ein kleines, beschützenwertes Kleinod inmitten karger Landschaft.
Man kann den Heiligen Hain ganz wunderbar umrunden, und auf der Hälfte des Weges stößt man auf einen Wegweiser zum Hermann-Löns-Stein. Der Mann, der so schön den Wald und die Heide besungen hatte, hat hier seinen eigenen Gedenkstein. Der Weg dorthin war mir allerdings zu weit, und außerdem war ich in Begleitung.
Nach einem netten Spaziergang durch den Heiligen Hain hatten wir alle Hunger. Also auf zum Lönskrug in Betzhorn, wohin auch sonst! Dort genoß ich schmackhaften Heidschnuckenbraten, den ich noch nie zuvor gegessen hatte, und stiebitzte von den Nachbartellen ein wenig Hirsch- und Wildschweinfleich. Das war lecker. Neidisch blickte uns eine Katzenfamilie von allen Seiten der Gaststätten-Terrasse entgegen. Aber ich denke, die werden hier schon nicht verhungern.
Da der Tag noch sehr jung war, machten wir einen Abstecher nach Oerrel, wo es ein Jagdmuseum gibt mit unzähligen eindrucksvollen Geweihen und Fellen. Eine Art Naturpfad um das Museum herum ist bestimmt ein toller Spaß für die Kleinen. Wie wir so all die schmackhaften Tiere ausgestopft an den Wänden sahen, bekamen wir auch schon wieder Hunger. Also ab zurück nach Betzhorn zum Hofcafé Heiliger Hain, dem jahrhundertealten, großzügig ruhig gelegenen Niedersachsenhof, umgeben von altem Baumbestand, Wiesen und Weiden. Wo es freilaufende Ziegen gibt, Souvenirläden und die größten Stücke Kuchen, die ich jemals gegessen hatte. Danach waren wir alle proppevoll satt. Vorläufig. Wir sonnten uns noch ein wenig in der Nachmittagssonne und fuhren schließlich wieder gen Heimat. Als wir durch Gifhorn hindurchfuhren, kam mein Onkel auf die Idee, noch einmal in Winkel vorbeizuschauen. Also auf nach Winkel!


Winkel ist ein Ortsteil von Gifhorn, in dem auch hier ein von Bäumen umrahmtes Stück Heidelandschaft zu bewundern ist. Alles ein bißchen hügeliger als im Heiligen Hain, aber ohne Wacholder, dafür mit Birken. Dieses Stückchen Heide nennt man Gifhorner Schweiz. Ich wußte zwar nicht, daß die Schweiz so aussieht, aber bitte! Während ich Heiligen Hain zuvor noch nie gesehen hatte, wie ich meine, konnte ich mich an die Gifhorner Schweiz sehr wohl erinnern. Hier war ich das letzte Mal nach meiner Einschulung! Und das ist nun schon wirklich x-Jahre her. Auch damals hatten mich Onkel und Tante mitgenommen, um gemeinsam auf einem idyllischen Hügel zu picknicken, zu unseren Füßen die leuchtende Heide. Ja, damals waren die Leute noch bescheidener. Da war ein Picknick noch etwas Besonderes. Es mußte ja nicht immer das teure Essen im feinen Restaurant sein.

Und wie es der Zufall so wollte, war ausgerechnet in Niedersachsen heute Einschulung! Während unserer Autofahrt den ganzen Tag über oder im Restaurant haben wir in Schale geschmissene Leute gesehen, die auf dem Wege zur Einschulung, beziehungsweise den Feierlichkeiten danach waren. Ganze Wagenkolonnen parkten vor Schulen, Kirchen und natürlich - Gaststätten. Zu meiner Zeit hatte man mir ´ne bunte Schultüte mit Süßigkeiten in die Arme gedrückt, und anschließend wurde noch nett Kaffee getrunken. So war das damals! Heute kommt mir dieser ganze überfeierte Einschul-Aktionismus vor wie eine vorgezogene Konfirmation, ein bißchen kleiner vielleicht, aber immerhin. Da lernen die Kleinen schon mal, wie sie den Alten das Geld aus der Tasche ziehen können! Na, wie dem auch sei, ich wollte mir darüber nicht mehr den Kopf zerbrechen, denn plötzlich bekamen wir wieder Hunger!
Aber diesmal sollte es nur eine Kleinigkeit sein. Wir steuerten den Lönskrug, natürlich, in Winkel an und fragten, ob es hier vielleicht belegte Brötchen gebe, so kleine Portionen halt. Der Kellner nickte und wies uns einen Tisch zu. War alles sehr schnieke hier. Der berühmte Heide-Dichter Hermann Löns hatte in diesem Lönskrug tatsächlich gespeist und war mit dem damaligen Wirt befreundet. Löns weilte gelegentlich in Winkel ab 1904 für Naturbeobachtungen und Jagdzwecke. Er verfasste Literatur, die im Ort und der Umgebung spielt. Daher gibt es in Winkel ein Löns-Denkmal, die Gaststätte Löns-Krug und einen “Arbeitskreis der Hermann-Löns-Freunde im Landkreis Gifhorn”. Ich denke, ich werde mich noch einmal bei Gelegenheit näher mit Hermann Löns befassen. Das ist nämlich ein weites Feld, oder Heide.
“Laß deine Augen offen sein,
geschlossen deinen Mund
und wandle still,
so werden dir geheime Dinge kund.”
Zurück zu den Brötchen. Die gab es wider Erwarten doch nicht. Stattdessen ließen wir uns ordentlich strammen Max, beziehungsweise Bratkartoffeln mit Sauerfleisch servieren. Als Vorspeise, die wir nicht bestellt hatten, wurde uns von der Küche jeweils eine Untertasse mit ein paar niedlichen Stückchen Mozarella, einem Basilikum-Blatt und einer geschwungenen Linie Balsamico-Sauce kredenzt.
Ich muß zugegeben, an diesem schönen Tag im August habe ich mich tatsächlich einmal so richtig satt gegessen. Ziemlich satt sogar. Und an bunten Farben hatte ich mich auch satt gesehen. Das reicht für den halben Winter. Ich freue mich schon auf die bald beginnende Braunkohl-mit-Bregenwurst-zeit. Mahlzeit.
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Tags: Betzhorn, Gifhorn, Gifhorner Schweiz, Heidschnuckenbraten, Heiligen Hain, Hermann Löns, Jagdmuseum, Lönskrug, Oerrel, Winkel