Tief im Westen - Braunschweigs Weststadt
Die Weststadt ist Braunschweigs Ghetto. Da wohnen nur die übelsten Gestalten. Nachts sollte man sich dort besser nicht unbewaffnet blicken lassen. In der Weststadt brennen die Mülltonnen. Deutsch wird hier nur von wenigen verstanden. Schlimme Gegend. In der Weststadt gibt es “Auf die Fresse to go“, wie der Komiker Johann König zu berichten weiß. Diesen Gag bringt er bei jedem Auftritt. Vorher erkundigt er sich stets nach dem schlimmsten Stadtteil des Ortes, in dem er gerade auftritt. Bei seinem Braunschweig-Auftritt mußte wohl nicht lange überlegt werden. Klar, das kann ja nur die Weststadt sein! Ich selbst bin in der Weststadt aufgewachsen und habe die Zeit ohne größere Blessuren überstanden. Die Weststadt ist ein Stadtteil, deren Schönheit sich erst beim zweiten Blick erschließt. Ich habe einen dritten und vierten drauf geworfen.
Die Weststadt ist die fünftgrößte Plattenbausiedlung Deutschlands! Könnte man sogar stolz drauf sein. In den Sechzigern nach dem Vorbild der Weltmetropole Brasilia aus dem Boden gestampft. Noch ein Superlativ. Mit über zwanzigtausend Einwohnern eindeutig Braunschweigs größter Stadtteil. Da kann die ein oder andere Kleinstadt nicht mithalten. Und: Die Weststadt ist lebendig, jung geblieben. Wer sich Stadtteile wie den Heidberg ansieht, der denkt an Rentnersiedlungen. In den Sechzigern haben dort viele kinderreiche Familien gewohnt, doch die Kinder sind weggezogen, die Alten aber blieben. Das ist in der Weststadt anders. Viele, viele Spielplätze, ein grüner Parkschlauch, der sich durch die ganze Westsstadt zieht, der Timmerlaher Busch, der riesige Westpark. Kinderfreundlicher geht´s nicht. Der hohe Ausländeranteil hat sicher einen Anteil daran, daß die Weststadt so voller Kinder ist. Die Deutschen sind da doch zögerlicher mit dem eigenen Nachwuchs.
Die Weststadt hat jetzt auch ein eigenes Wappen. Und an den Ortseingängen stehen nun auch Willkommens-Schilder mit dem Wappen. So etwas hat jedes Dorf, doch die Weststadt als “richtigen” Ort oder Stadtteil anzuerkennen, wo es ein Anfang und ein Ende gibt, fällt vielen schwer. Nun hat auch die Weststadt so etwas wie Tradition. Das wachsende Bäumchen im unteren Teil des Wappens steht für das Wachstum des jüngsten Stadtteil Braunschweigs und dafür, daß es ein Stadtteil im Grünen ist. Die Schlängellinie darüber weist darauf hin, daß siebenundsiebzig Straßen in der Weststadt nach Flüssen benannt sind.

Dieser Stadtteil wird auch oft als Trabantenstadt oder Planstadt bezeichnet. Was ist ein Trabant? Das ist etwas, das um das Eigentliche, das Große, das Richtige herumschwebt, aber irgendwie nicht so richtig dazugehört. So denken auch viele Braunschweiger. Braunschweig ist schön, da gibt es viele tolle Fachwerkhäuser und so weiter, da paßt die Weststadt doch gar nicht so richtig mit rein. Wenn der Braunschweiger die Weststadt als Problem-Viertel ansieht, dann sollte er sich doch mal berüchtigte Stadtteile in Berlin oder Köln anschauen, da hört der Spaß auf. Hier ein Auszug aus dem Gästebuch der Weststadt-Website: “Ich finde es bei euch extrem asozial. Ihr meint es ja gut, einen auf “sozial” zu tun und zu zeigen, wie schön es doch ist, multikulturell hinter verschimmelten Putzfassaden zu wohnen, aber im Endeffekt ist euer Ghetto schlimmer als SZ-Lebenstedt, WOB-Westhagen und HI-Drispenstedt zusammen.”

Auf meinem Streifzug durch die Weststadt am Sonntag begann ich an meiner alten Schule Orientierungsstufe Rothenburg und spazierte durch den langen Park. Hier gibt es einen kleinen Hügel, da bin ich als Kind immer gerodelt. Anschließend über die Lichtenbergerstraße in den nächsten Park. In der Lichtenbergerstraße zur Linken steht die berühmte Gaststätte Rothenburg mit ihren noch berühmteren Hähnchen. Wobei der nahegelene Westpoint-Grill ebenfalls leckere Hähnchen zu braten versteht. Noch weiter links geht´s nach Broitzem, aber ich wollte geraudeaus durch den Park. Am Wasserspielplatz vorbei auf die Endhaltestelle der Straßenbahn-Linie drei. Dort beginnt auch der Timmerlaher Busch, ein wunderschöner Stadtwald mit angrenzendem Westpark. Dort wollte ich aber nicht hin, sondern in Richtung Innenstadt durch das Einkaufszentrum Elbestraße, wo immer der Weststädter Weihnachtsmarkt stattfindet. Anschließend an der knallorangenen IGS vorbei, in deren Bücherei ich mir als Kind alle Karl May-Bücher ausgeliehen hatte.


Hinter der IGS beginnt auch schon wieder der Westpark. Dort ist seit einigen Monaten der neue Skater-Platz fertiggestellt. Jede Menge Hindernisse zum auf die Klappe fallen, ein Basketball-Platz, ein Beach-Volleyball-Sandstrand und ein gigantisches Klettergerüst für die ganz Kleinen. Das Ganze umsäumt von einer Baum-Allee. Von hier aus kann man in nördlicher Richtung die ehemalige Mülldeponie am Madamenweg, der “Ayers Rock” der Weststadt, sehen. Und in Richtung Innenstadt erblickte ich die eindrucksvolle Skyline der Weststadt-Hochhäuser im Sonnenuntergang. Der Skater-Platz ist übrigens ein Ausgleich für den verschwundenen Schloßpark, finanziert durch ECE.

Zum Ende schritt ich noch an den drei größten Hochhäusern der Westadt vorbei und lief die Münchenstraße einmal hoch und runter. Das ist die vielfrequentierte Eingangsstraße zur Weststadt von der Innenstadt aus. Hier gibt es ein Studentenwohnheim, eine Waldorfschule, zwei Tankstellen und die große Straßenbahn- und Bushaltestelle am Donauknoten mit angrenzendem neugebautem Einkaufszentrum. Das war mein Spaziergang durch die vielgeliebte Weststadt. Ich ging nach Hause durch die Dunkelheit und entdeckte weder brennende Mülltonnen noch wurde ich vom Nachfolger Jack the Rippers dahingemeuchelt. Seltsam.
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