Frohsinn, Brunswieks Narrenpflicht – schlechtes Klima gibt’s hier nicht!
Da sage noch einer, die Norddeutschen können nicht lustig sein! Es wird ja immer gern behauptet, im Karneval greife der aufgesetzte Frohsinn um sich, alle müssen auf Kommando lustig sein. Stimmt gar nicht! Am Sonntag bei strahlenden Sonnenschein erlebte ich 250.000 begeisterte Menschen beim viertgrößten und sechs Kilometer langen Karnevalsumzug Deutschlands. Da lag was in der Luft. Jeder traurige Mensch wurde hier von einer um sich greifenden Fröhlichkeit angesteckt. Ab heute bin ich Karneval-Fan!
Wenn ich mir dieses bildhübsche Funkenmariechen auf dem Bild rechts so anschaue, dann bin ich ein bißchen traurig, daß ich selbst am Sonntag nicht aktiv geworden bin. Jetzt mal als Geheimtip für alle Singles: Auf so einem Karnevalsumzug bei Sonnenschein läßt es sich ganz prima flirten. Aber das wußten wahrscheinlich außer mir eh schon alle…
Zurück zum Thema: Der Karneval in Braunschweig heißt übrigens Schoduvel. Und Schoduvel steht für die über 700 Jahre alte Geschichte des Braunschweiger Karnevals. Der Begriff bezeichnete einen uralten Brauch, dessen Wurzeln in vorchristlicher Zeit zu finden sind. Durch Lärm, Verkleidung und schreckhaftes Gebaren versuchte man die bösen Geister der Kälte, des Todes und der Gefahr zu verscheuchen. So steht der Begriff „duvel“ für Teufel und „Scho“ für scheuen, verscheuchen. 1979 wurde das närrische Treiben mit dem ersten Kinderkarnevalsumzug wieder belebt. Der Umzug fand im Laufe der Jahre regen Zuspruch, so dass sich daraus der größte Karnevalszug Norddeutschlands – der Schoduvel – entwickelte. Eine erste Erwähnung des Schoduvel ist im Jahr 1293 im Braunschweiger Stadtbuch nachweisbar.


Dort heißt es, die Mitglieder der Gilden: „lepen sunderliche schoduvel unde hadden grote danße in dem vastelavende unde sunderliche lage “ ( = begannen den sonderlichen Schoduvel und hatten großen Tanz am Fastelabend und ihr sonderliches Fest). 1984 sahen sich 50.000 Besucher den Umzug an. Dieses Jahr waren es 250.000. 2007 fand der 29. Umzug unter dem Motto Ob Wissenschaft, ob Narretei - Brunswiek ist stets vorn dabei! statt – eine Anspielung auf Braunschweigs Titel „Stadt der Wissenschaft 2007“. Braunschweigs größte Karnevalsgesellschaft kommt übrigens aus Mascherode.

Vor zwei Jahren war ich übrigens das letzte Mal nach langer Zeit mal wieder beim Karneval. Es hat geschneit… Darüber schrieb ich hier. Um 12 Uhr 40 sollte es losgehen. Die Wagen standen aufgereiht in der Theodor-Heuß-Straße. Schon hier spürte man die gute Stimmung. Musik dröhnte aus den Lautsprechern, die Kapellen spielten sich ein. Der Alkohol floß bereits in Strömen. Aber am Sonntag wären alle auch ohne Alkohol gut drauf gewesen.


Bei Wikipedia steht geschrieben: “Seit 2005 wird versucht, dieses Karnevalstreiben historisch zu „untermauern“, indem namentlich eine Verbindung zum mittelalterlichen Schoduvel hergestellt wird. Eine seitdem durchgehende Karnevalskultur gab es in Braunschweig jedoch nicht.” Ich finde das ehrlich gesagt ziemlich unverschämt. Vielleicht konstruieren sich die Stadt-Marketing-Experten da etwas zusammen, aber das ist schließlich ihr Job. Karneval und Braunschweig passen einfach zusammen. Und wer das nicht einsehen will, ist ein Spielverderber.


Von der Theodor-Heuss-Straße aus ging es über die Güldenstraße bis zum malerischen Atlstadtmarkt. Hier ist der “Hotspot” des Karnevals. Hier filmt das Fernsehen. Der NDR, genauer gesagt, das Beste am Norden. Der Umzug wurde live von 13 bis 16 Uhr auf meinem Lieblingssender übertragen. Auf den Balkonen des Rathauses beobachtete die Jury um den Jeckenpokal die Wagen, um sie anschließend zu bewerten.


So ein Karneval ist natürlich auch ein Fest für die Sinne. Da ist Musik im Spiel! Drei Stunden lang permanente Beschallung. Da sind natürlich die Spielmannszüge, die mit ihren Trommeln das Blut in Wallung bringen. Und zum anderen ist da noch die Musik aus den Lautsprechern, die auf den Wagen installiert sind.

Da hört man dann so Sachen wie: “Finger in Po, Mexiko!” oder “Saufen! Saufen! Saufen!” und natürlich der Klassiker schlechthin: “Die Hände zum Himmel!” Das ist genau meine Musik. Da kann man noch richtig mitschunkeln und mitsingen, weil man den Text versteht. Nicht so wie bei diesem ganzen neumodischen Zeugs von heute. Und natürlich wurde auch das Niedersachsenlied gespielt, geschmettert von Heino. Heino ist eh der Beste. Ich habe alle seine Platten.


Aber weiter im Text: Vom Rathaus aus bogen die Wagen in die Gördelingerstraße, bis sie endlich die lange Lange Straße erreichten, wo das Cinemax steht. Von dort aus ging es weiter zum Hagenmarkt, von wo aus man den besten Rundum-Blick hatte, und dann über den Bohlweg und am neuen Schloß vorbei. Nun endlich links vom Galeria Kaufhof vorbei in die Georg-Eckert-Straße, rechterhand das Rizzi-Haus und Magniviertel, dann ab durch den Magnitorwall, wo man aus erhöhter Stellung die Wagen von oben bewundern darf. Und immer wieder wurde Kammelle geschmissen, oder Bollchen, wie man hier in Braunschweig sagt. Zu guter Letzt durchquerten die Narren die Leonhardstraße, bis sie den Leonhardplatz und damit die Stadthalle erreichten, wo noch fröhlich weiter gefeiert wurde.

Ich hatte mir in der Zwischenzeit ein kleines Bierchen gegönnt und schlenderte wieder in Richtung Innenstadt bis zum Schloß. Der Umzug war zwar vorüber, aber hier begann erst die richtige Party. Auf einer Bühne wurde laut Musik gespielt und Braunschweigs Jugend war versammelt. In meinem hohen Alter war das aber nichts mehr für mich, weshalb ich mich langsam davonstahl. Was aber gar nicht so einfach war, weil der gesammte Bohlweg sich in eine Müllhalde verwandelt hatte. Das war nicht mehr schön. Alle Leute machen Party auf einer Müllhalde! Es war auch gar nicht so leicht, unbeschadet über die Müllmassen hinweg zu gelangen, während die Müllautos und Müllsauger bereits anrückten. Aber gestört hatte das am Sonntag abend wohl niemanden, mich auch nicht. Das war´s. Bis zum nächsten Jahr!
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