Goslars wechselhafte Zeiten

In Goslar war ich wohl das erste Mal mit der Schule auf Klassenfahrt. Da hat man eh andere Dinge im Kopf, als daß man sich mit Sehenswürdigkeiten beschäftigen möchte. Natürlich hatte ich noch die Kaiserpfalz und den Marktplatz im Kopf, als ich vor zwei Jahren das erste Mal wieder dort gewesen bin, im Sommer. Mit der Regionalbahn von Braunschweig aus. Dieses Mal wollte ich mich doch etwas genauer umschauen. Goslars Altstadt ist übrigens Weltkulturerbe. Da will schon was heißen. Da sollte es dann doch wohl auch etwas zu sehen geben. Wolfenbüttel ist auch Weltkulturerbe, obwohl es die bösen Braunschweiger früher gern Lumpenbüttel genannt hatten. Braunschweig ist nich Weltkulturerbe. Ätsch! Aber egal: Wem Wolfenbüttels historische Altstadt gefällt, dem werden in Goslar die Augen übergehen. Zudem ist dort alles so schön hügelig.
Die Stadt liegt zwischen den nordwestlichen Ausläufern des Harzes und dem äußersten Südende des Salzgitter-Höhenzugs. Wenn ich bedenke, daß ich nur aus Braunschweig herausstolpern muß, und schon bin ich in Salzgitter, während auch Goslar in der Nachbarschaft zu Salzgitter liegt. Wenn Salzgitter nur nicht so groß wäre… In der Nähe Goslars liegen übrigens die Granetalsperre und die Okertalsperre. Der Bahnhof und das Bahnhofsgebäude kommen recht freundlich und einladend daher, mal abgesehen vom Supermarkt nebenan, der mir sofort ins Auge fiel. Von dort war es nicht weit bis in die Innenstadt.
Bald schon stand ich vor einem häßlichen Karstadt-Klotz, der nicht so recht hierher passen wollte. Aber was will man machen. Die Leute wollen schließlich shoppen. In der fast dreiundvierzigtausend Einwohner zählenden Stadt Goslar gibt es übrigens die kleine Fastfood-Kette “Kochlöffel“, kenne ich auch noch von früher. Als ich dann noch ein Stückchen weiter ging, erreichte ich schon bald den prächtigen Marktplatz mit dem Wahrzeichen Goslars, dem goldenen Adler auf dem Brunnen. Der jährliche Weihnachtsmarkt, der hier stattfindet, sei allen Besuchern wärmstens empfohlen. Vom Marktplatz ist es dann auch gar nicht mehr weit bis zur weltberühmten Kaiserpfalz, vor der täglich Karawanen von Touristen-Bussen ihre Insassen entladen. Apropòs Insassen: Gleich neben der Kaiserpfalz steht ein bißchen versteckt die Goslarsche Justizvollzugsanstalt. Eine etwas unglückliche Wahl des Standortes, würde ich meinen. Oder wie die Goslarsche Zwitung schreibt: “ein Justiz-Zentrum in historischem Ambiente“.

Die Kaiserpfalz selbst habe ich dann nicht von innen gesehen, kostet ja alles Geld heutzutage. Stattdessen bin ich hintenrum, in den idyllisch versteckten Burggarten, in dessen Nähe lustig ein kleines Bächlein plätscherte, die Gose bzw. Abzucht, ein Nebenfluss der Oker. Da läßt sich schön durchatmen, nach all den anstrengenden Wanderungen. Von dort aus spazierte ich durch die engen Gassen mit ihren alten Häusern, denen man ansieht, wieviel Geschichte in ihnen steckt. Jedes von ihnen hätte so einiges zu erzählen, wenn es denn könnte. Um einmal eine kleine Bewertung abzugeben, muß ich sagen, daß mir die Innenstadt Goslars noch ein bißchen besser gefällt als Wolfenbüttel, was aber sicher auch an den vielen Höhenunterschieden liegen mag. Es sieht einfach zu schön aus, wenn sich so eine Kopfsteinpflastergasse kurvig von oben nach unten oder umgekehrt schlängelt. Allerdings finde ich Blankenburg fast noch beeindruckender als Goslar, dort fühlt man sich geradezu ins Mittelalter zurück versetzt, was aber sicher auch an den vielen verfallenen Häusern liegen könnte. Ist ja nicht so schön.
Achtung! Jetzt kommt Geschichte, geklaut bei Wikipedia und ein bißchen aufgepeppt. Los geht´s mit den alten Römern: Schon zu deren Zeiten war Goslar heiß begehrt, was den Erzabbau betraf. Überall im Harz entstanden bald Siedlungen, um den Erz abzubauen und zu veredeln. Auf einem Londoner Parkplatz fand man übrigens ein altes, rostiges Schwert, das einwandfrei aus dem Harz stammte. Wenn damit man nicht schon der Highlander rumgefuchtelt hat.

Aus einer solchen Siedlung entstand auch Goslar. Jeder fängt mal klein an. Wer konnte denn damals schon ahnen, daß aus dieser kleinen, putzigen Bergbausiedlung eine Stadt werden würde, in der sich die Kaiser wohlfühlen! Goslar wurde dann offiziell 922 durch Heinrich I. gegründet. Im 11. Jahrhundert dann wurde eine erste Kaiserpfalz gebaut, denn die überaus reichhaltigen Silberbergwerke im Rammelsberg weckten Begehrlichkeiten. Durch spätere Erweiterungen wuchs die Kaiserpfalz zur größten Pfalzanlage der Salier und machte die Stadt zu einem der wichtigsten Herrschaftsorte des gesamten ostfränkischen Reiches. Erste Reichstage fanden in der Pfalz statt, und oft wurde die Stadt von Kaisern und Königen besucht. Kaiser Heinrich IV. gewährte Goslar Reichsunmittelbarkeit, wodurch die Stadt herzoglichem Einfluss entzogen und stattdessen direkt vom Kaiser abhängig wurde. die Braunschweiger hatten hier also nichts zu vermelden, standen dumm da. Dieses Stück vom Kuchen hätten sie wohl gerne gehabt. Der Braunschweiger Löwe vor der Pfalz zeugt deshalb auch nicht von früherer Braunschweiger Einflußnahme, sondern ist ein Beispiel für historisierendes Bauen und Geschichtsverfälschung, wie es zu Zeiten des aufstrebenden Preußentums, das sich so prächtig wie nur möglich schmücken wollte, üblich war. Und mit einem Heinrich dem Löwen geht das ja ganz prima. Das hatte sich übrigens auch Adolf Hitler gedacht, als er Heinrichs Gebeine im Braunschweiger Dom ausgrub, um ihn als Urahn eines Vorzeige-Ariers darzustellen. Dummerweise war Heinrich der Löwe von kleiner Statur, sogar seine neben ihm begrabene Frau Mathilde überragte ihn, und deshalb verbuddelte man den stolzen Löwen wieder, um Gras über die Sache wachsen zu lassen.
Zurück zu Goslar: Nach dem letzten Besuch von König Wilhelm von Holland im Jahre 1253 entwickelte sich Goslar zu einer Freien Reichsstadt und wurde Hansestadt. Für Goslar bedeutete dies eine langewährende Festschreibung der 1340 erneut bestätigen reichsunmittelbaren Stellung und eine erhebliche Selbständigkeit.


Doch die Braunschweiger krochen schon bald wieder aus ihren Löchern und streckten ihre gierigen Finger nach Goslar aus. Und endlich war es dann soweit: Als die Könige und Kaiser irgendwann an Einfluss verloren, konnten die in Wolfenbüttel residierenden Herzögen von Braunschweig und Lüneburg die Stellung Goslars erheblich schwächen und die mehr als einhundert Jahre an die Stadt verpfändeten Erzbergwerke am Rammelsberg im 16. Jahrhundert wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. 1642 wurde Goslar dann vom Kaiser abgetreten und fiel endgültig den Welfen zu. Übrigens fielen zwischen 1530 und 1657 in den Hexenprozessen 28 Menschen den Hexenverfolgungen zum Opfer. Kein Wunder, wenn eine Stadt so nah am Brocken liegt, das konnte ja nicht mit rechten Dingen zugehen.


Langsam ging es immer mehr bergab für Goslar: 1803 verlor die einst mächtige Stadt seinen Status als Freie Reichsstadt und wurde preußisch. Auch das noch! Konnte es denn noch schlimmer werden? Ja, es konnte: Im schicksalshaften Jahr 1807 wurde Goslar durch den Frieden von Tilsit dem von Napoléon Bonaparte gegründeten Königreich Westfalen zugeteilt. Nach den napoleonischen Kriegen wurde Goslar durch den Wiener Kongress dem Königreich Hannover zugesprochen. Da guckten die Braunschweiger schön blöd aus der Wäsche.
Im Jahre 1824 besuchte der Dichter Heinrich Heine die Stadt Goslar. Er schreibt in seinem Werk Harzreise über Goslar: „Aber seit die Muhme tot ist, können wir ja nicht mehr gehn, nach dem Schützenhof zu Goslar, dorten ist es gar zu schön.“ Im 19. Jahrhundert lag die Stadt wirtschaftlich am Boden, und viele historische Gebäude wurden abgerissen, darunter auch der Dom. Aus dieser Krise wurde die Stadt aber wirtschaftlich durch die Entdeckung des „Neuen Lagers“ im Erzbergwerk Rammelsberg erweckt.

Von 1936 bis 1945 hatte Goslar den nationalsozialistischen „Ehrentitel“ „Reichsbauernstadt“. Während der Zeit von 1935 bis 1945 war Goslar eine wichtige Garnisonsstadt der Wehrmacht. Die SS betrieb hier eine Offiziers-Schule. Goslar war zudem Standort eines Außenkommandos des Konzentrationslager Buchenwald. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 gehörte Goslar zur Britischen Besatzungszone. In den 1960er und 1970er Jahren kamen die ersten südeuropäischen „Gastarbeiter“ nach Goslar und arbeiteten vor allem bei den Unterharzer Berg- und Hüttenwerken, später Preussag AG Metall. Das Silbererzbergwerk im Rammelsberg wurde im Jahre 1988 stillgelegt. Heute befindet sich dort das Museum und Besucherbergwerk Rammelsberg. Seit 1992 steht die mittelalterliche Altstadt von Goslar und der Rammelsberg auf der UNESCO-Liste des Kultur- und Naturerbes der Menschheit.
Ist doch alles noch mal gut gegangen. So verging die Zeit, und nun, wo die altehrwürdige Stadt Goslar wieder im alten Glanze erstrahlte, kam auch ich wieder zu Besuch und schaute mir dieses schöne, schöne Städtchen an. Als ich genug hatte, stieg ich in den Zug und fuhr schnurstracks zurück nach Braunschweig. Wo der echte Löwe steht.
Benötigt die Websites Ihres Ortes, Vereins oder Unternehmens einen neuen Anstrich? Dann lesen Sie hier!
Möchten Sie ihr Unternehmen auf harz-und-heideland.de vorstellen? Dann lesen Sie hier!

Schreib einen Kommentar!