Die Lübbensteine bei Helmstedt

ortsschild_helmstedt.pngAnfang des Jahres 2007 hatte ich in Helmstedt etwas zu erledingen. Auf dem Rückweg schaute ich noch kurz bei den eindrucksvollen Lübbensteinen vor Helmstedt an der Straße am Braunschweiger Tor vorbei, auf dem St. Annenberg. Dort befindet sich ein großer Parkplatz mit ausführlicher Informationstafel. Es war ein grauselig kalter Tag, es hatte begonnen zu schneien, und die wuchtigen, fünftausendundfünfhundert Jahre alten Steine waren mit Schnee weiß besprenkelt. Der Wind pfiff mir auf dem freien Gelände eisig ins Gesicht.


Luebbensteine_12.jpgDie Lübbensteine sind die südlichsten Großsteingräber der Jungsteinzeit in Norddeutschland. Dem Einschreiten von Professoren der ehemaligen Helmstedter Universität ist es zu verdanken, daß ein Steingrab dem Schicksal vieler Megalithanlagen entging. Die Gelehrten verhinderten eine Verwertung der Steine als Baumaterial. Um 1700 kam es zur ersten Ausgrabung der Grabstätte. Die erste wissenschaftliche Untersuchung wurde 1935 durchgeführt. In den Grabkammern konnten aber leider keine Knochenfunde gemacht werden, da bei Grabungen in früheren Jahrhunderten alle Spuren beseitigt worden waren. Auf dem St. Annenberg befinden sich zwei Gräber, das Nord- und das Südgrab. Die nördliche Anlage ließ sich gut rekonstruieren, da noch 41 der ursprünglich etwa 46 Steine vorhanden waren. Sie ist ein sieben Meter langes Ganggrab, bestehend aus 12 Trag- und fünf Decksteinen, das in einer rechteckigen Einfassung liegt. Beim südlichen Grab fehlten zum Untersuchungszeitpunkt bereits mehr als die Hälfte der Steine. Von den 20 gefundenen Steinen konnte man nur sieben der Kammer zuordnen.

Luebbensteine_9.jpgLuebbensteine_8.jpg Die Lübbensteine sind übrigens auch ein schöner Ort zum Geocachen. Weiterhin gibt es die Legende vom steinesammelnden Riesen, der ausgerechnet an dieser Stelle ein Loch in der Hosentasche bekam, so daß die “Steinchen” alle herausrieselten. Halte ich für durchaus glaubwürdig. Der Name “Lübbensteine” stammt etymologisch von mhd. lüppe : “Zauber, Zauberei” bzw. von lubbenaere : “Zauberin” ab. Die “Lübbensteine” sind also als “verzauberte” oder “gezauberte Steine” zu verstehen. Ich bin dort nur ein wenig herumgelaufen, mehr kann man da auch nicht tun. Deshalb gebe ich hier einen Ausschnitt einer alten Geschichte von mir wieder, die vom unheimlichen Besuch eines Hünengrabes handelt, mit der Realität aber nichts zu tun hat:

Luebbensteine_7.jpgLuebbensteine_11.jpg “An manchen Tagen treibt es mich hinaus in die freie Natur. Dann können selbst dunkle Wolken mich nicht von meinem Vorhaben abhalten. Ich mußte an die frische Luft. Noch schnell verstaue ich eine Kanne frischgebrühten Tees in meinem Rucksack, steige auf mein frühlingsfit gemachtes Rad und mache mich auf. Wohin der Wind mich treibt. Stunden vergehen, Landschaften ziehen vorbei, ich könnte immer so weiterradeln. Dann endlich kommt der Moment, in dem ich das Besondere spüre. Hier muss ich Halt machen. Ich steige ab und schaue mich um. Nichts als flaches Land und karge Felsen. Hier bin ich richtig.

Ich schiebe mein Rad eine kleine Anhöhe hinauf. Von hier aus sehe ich ein weites Feld, das in die Unendlichkeit hineinragt. Wie Streuseln in einem Kuchen liegen kantige Felsen zufällig über die ganze Landschaft verstreut. Keine hundert Meter von mir entfernt türmt sich ein imposantes Hünengrab empor, ganz unbeweglich und starr, als würde es sich totstellen, damit es niemand bemerkt und in seiner Ruhe stört.

Luebbensteine_6.jpgLuebbensteine_5.jpg Ein künstliches Monument, geschaffen von Menschenhand. Unbeweglich scheinende Felsen türmen sich aufeinander, so natürlich und selbstverständlich, als gehörten sie hier hin. Als seien sie immer schon dagewesen. Tatsächlich waren es aber einige wenige schwache Menschen, die dem Schicksal ein Schnippchen jagen wollten und das Unmögliche möglich gemacht hatten. Sie hatten einen ganzen Berg von einem Ort zum anderen bewegt, als wollten sie ihren Göttern sagen: Wir werden vielleicht sterben, aber niemand kann mehr leugnen, daß wir einmal da waren.


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Luebbensteine_4.jpgLuebbensteine_10.jpg Das Hünengrab ist ein Symbol für die Macht des dort Begrabenen, die er zu Lebzeiten besessen hatte. Es zeigt den ehrfürchtigen Nachkommen, welch großer Mann hier liegt. Seine Macht soll immer noch strahlen, auch weit über den Tod hinaus. Sein Denken und Handeln soll mahnen, vielleicht Vorbild sein für nachfolgende Generationen. Es ist ihm nun nicht mehr möglich, seine Streitmacht zu führen und sein Volk zu regieren. Die großen Felsen sind sein steinzeitlicher Anrufbeantworter: Ich bin kurzfristig in einer anderen Sache unabkömmlich, aber hinterlassen Sie bitte eine Nachricht.

Luebbensteine_3.jpgLuebbensteine_2.jpgLuebbensteine_1.jpg Welche Nachricht hinterläßt der unbekannte Tote für mich? Ich sehe nur die steinernen Ungetüme in die Landschaft hinausragen. Den Tod verhöhnend, starrsinnig auf seinen Standpunkt beharrend. Ich habe immer recht, will der tote Mann mir sagen, ich bin so herrlich, wie die lebendige Natur, die für alle Zeiten weiterbesteht. Ich habe die Natur bezwungen, ich lebe in ihr weiter.

Der Tote war bestimmt kein angenehmer Zeitgenosse. Vermutlich hat er hunderten seiner Feinde die Kehle durchgeschnitten, ihre Frauen vergewaltigt und die eroberten Siedlungen zu Asche verbrannt. Und tausend Jahre später ist er immer noch hier, zu Stein geworden, unverrückbar. Handlungsunfähig geworden, aber immer noch da. Nach all dieser längst vergessenen Zeit kommt immer noch ein Mensch an seinem Grab vorbei und macht sich Gedanken über diesen Barbaren. Mir scheint, er hat mich fest in seiner Hand.

Mir wird langsam unheimlich. Ein eisiger Hauch weht über das Feld direkt zu mir hinüber und will mir an die Kehle. Die Wolken über mir werfen unruhige Schatten auf das Gras, in dem sich imaginäre finstere Gestalten ducken und sich an mich heranschleichen…”

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