Landschaft, Stille, Torfhaus
Am Torfhaus war ich vor zwei Jahren, im Sommer. Mit dem Zug nach Bad Harzburg, mit dem Bus am Radauer Wasserfall vorbei nach Torfhaus, das ein Stadtteil von Altenau ist. Ziemliche Strecke, immer bergauf, schön geschlängelt. Und ich hatte mir vorgenommen, den ganzen Weg zurück zu gehen. Durch den Wald. Einige Male mußte ich mich per Bauchgefühl entscheiden, ob ich den Weg nach links oder rechts wählen wollte. Aber so ist das doch auch im echten Leben. Einmal stand ich sogar vor einem Sackgassenschild, mitten im Wald! Aber ich fand den richtigen Weg, wie sollte ich sonst diesen Text hier schreiben?
Am Torfhaus in 811 Metern Höhe angekommen, bot sich mir ein sagenhafter Blick auf den Brocken. Als könnte man draufspucken. Von hier aus kann man ganz prima den berühmten Goetheweg zum Brocken wandern. Das werde ich bei Gelegenheit noch einmal nachholen. Torfhaus ist ein beliebter Touristenmagnet, im Winter Skigebiet, natürlich. Zu DDR-Zeiten war Torfhaus ein ausgezeichneter Aussichtspunkt, um den unerreichbaren Brocken einmal fast zum Greifen nahe zu sein. Restaurants und Imbißbuden luden zum Verweilen ein. Gegenüber des Parkplatzes stand das Nationalparkhaus. Dort findet man die Ranger? Ranger? Nun, das ist neudeutsch für die Wildhüter im Nationalpark Harz.
Und wertet den Harz gleichzeitig auf, denn bei einem Ranger denke ich eher an den Yellowstone-Nationalpark. Das Nationalparkhaus kann man übrigens besuchen und sich über Flora und Fauna im Harz informieren. Der nette Ranger beantwortete all meine Fragen, während eine kratzbürstige Wildkatze durch die Räumlichkeiten schlich und bald wieder ins Freie verschwand, um Kaninchen zu jagen. Wahrscheinlich war es doch nur eine gewähnliche Hauskatze.

Vom Trubel am Torfhaus hatte ich genug und begab mich auf den auch an diesem Tage vielbewanderten Goetheweg. Aber nur für eine kurze Weile, dann bog ich nach links ab, wo es ruhiger war. Sehr viel ruhiger. Fast unheimlich ruhig. Es ging unaufhörlich bergab, durchaus beschwerlich, der enge Weg uneben, sandig und steinig. Links und rechts hohe Tannen, verdammt hohe Tannen. Und verdammt dichte Tannen. So dicht, daß bald kein Laut mehr an meine Ohren drang.
Lautlose Stille. Motorengeräusche von Autos auf der parallel verlaufenden Straße hatte ich bereits seit einiger Zeit nicht mehr vernommen, und inzwischen waren auch die Vögel verstummt. Aber bevor ich einen neuen Teil zu Blair-Witch-Project schreibe, muß ich doch zugeben, daß diese Ruhe gar nicht so unheimlich war. Vielmehr beruhigend. In einem Stadtwald kann man noch so weit eindringen, die Geräusche der Zivilisation sind ein ständiger Begleiter. Aber hier? Das war die reine Natur. Ohne jede Störung. Sehr entspannend.
Irgendwann wußte ich dann nicht weiter und fragte einen Pilzsammler am Wegesrand nach dem Weg. Der auch nicht so recht bescheid, und ich ging einfach drauf los. Eine Wanderkarte wäre hilfreich gewesen, aber ich lasse mich gerne überraschen. Nach einer Weile bemerkte ich einen kleinen Bach, dessen Plätschern mich noch mehr beruhigte, als ich es eh schon war. Das Bächlein wurde auf den nächsten Kilometern mein ständiger Begleiter, und in mir wuchs die Hoffnung, daß es sich hierbei um die Radau handelte, die im Gegensatz zu ihrem Namen ganz leise war.
Und ich sollte recht behalten, ich lief genau auf den Radauer Wasserfall zu, den ich früher schon besucht hatte und hier beschrieben habe. Da es inzwischen schon recht spät geworden war und ich mir Sorgen um das pünktliche Erreichen meines letzten Zuges machte, erkundigte ich mich nach den Abfahrtszeiten des Busses, der auch hier hielt. Eigentlich wollte ich ja den kompletten Weg erwandern, aber das wurde eng. Also eine Viertelstunde auf den Bus gewartet.
Übrigens erwarten alle Harzer Busfahrer, daß man sie beim Einsteigen begrüßt. Als ich das einmal nicht getan hatte, weil ich das als Stadtkind nicht gewohnt war, bekam ich eine recht pampige Ansage zu hören. Seitdem begrüße ich auch in Braunschweig freundlich jeden Busfahrer. Auf diesen entlegenen Harzstrecken kennt wahrscheinlich jeder jeden, und dann plauscht man eben ein wenig.
Also, wieder ab nach Bad Harzburg. Schon bald kam der Zug, und es ging wieder heimwärts. Es wurde dunkel und so langsam auch in Braunschweig schön still.
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