Der Heidberg ist für Junggebliebene
An einem Sonntag im Februar war es wieder einmal sehr sonnig, aber noch immer verdammt kalt. Es sah aus wie der beginnende Frühling, fühlte sich aber nicht so an. Trotzdem bin ich los. Zum Heidberg. Ich habe ganz besondere Verbindungen aus meiner Kindheit zum Heidberg. Dazu später mehr. Ich spazierte am Industriegebiet über die Marienberger Straße zum Südsee, dann über Melverode die neue Straßenbahnverbindung direkt hoch zum Heidberg. Und dann sah ich schon das Wahrzeichen dieses Stadtteils: den i-Punkt, Braunschweigs höchstes Hochhaus, in dem letztes Jahr im 17. Stock das Restaurant i-vent aufgemacht hat. Und dann ist da natürlich noch der großartige Heidbergpark mit seinem See.
Ich stand an der Einfahrt von der Tangente zum Heidberg und hatte einen hervorragenden Blick auf den i-Punkt, der vor einigen Jahren gründlich renoviert wurde und nun in rot-weißem Glanz neu erstrahlt. Also ging ich von der Hauptstraße nach links an der Polizei, dem großen Parkplatz am Einkaufszentrum und dem Bolzplatz vorbei, während der i-Punkt vor mir immer weiter in die Höhe wuchs. Noch schnell am Modellbahn-Laden vorbei, schon stand ich am verglasten Eingang vom i-Punkt mit dem großen, bunten Logo vom i-vent. Es war einiges los vor dem Eingang, ich kam kaum in den Fahrstuhl.
Es scheint wohl Probleme mit dem Fahrstuhl gegeben zu haben. Eine alte Dame wollte zu ihren Freundinnen, doch kam nicht runter. So hörte ich. Oder sie stieg im 16. Stock aus, wo die Toiletten sind und konnte nicht die Treppen zum einen Stock höher gelegenen Restaurant steigen. Irgendwie sowas. Viel Trubel. Schließlich bin ich dann doch im 16. Stock angekommen. Ich mußte zwar nicht auf die Toilette, hatte aber gehofft, vom Treppenhaus aus dem Fenster zu knipsen können, des schönen Ausblicks wegen. Doch das Fenster war zu klein.

Also bin ich hoch. In dieser Woche hatte ich übrigens eine kleine Fastenzeit für mich eingelegt. Da wollte ich gar nicht so lange da oben bleiben. Roch alles viel zu gut. Also fragte ich eine Kellnerin, ob ich mal kurz aus den Rundum-Blick-Fenstern knipsen dürfte. Durfte ich, obwohl sie kurz überlegen mußte. Dann hatte ich auch noch Glück gehabt. Eine Viertelstunde später wurden die Jalousien runtergelassen. Auf dem Foto kann man übrigens ganz wunderbar die beiden weißen Türme der Rüninger Mühlen sehen und zur Rechten den Broitzemer Fernsehturm.
Bevor mir schwindelig wurde, kehrte ich wieder um. Im Fahrstuhl wollte ich zwei Stock tiefer fahren, um dort vom Treppenhaus ungestört zu fotografieren. Es ging nur in Dreier-Schritten bergab, der nächste Stock war also der 13., warum auch immer. doch er hielt nicht dort. Stattdessen fuhr ich wieder ganz nach unten. Und wieder hoch. Auch diesmal hielt der Fahrstuhl nicht in einem der mittleren Stockwerke, sondern brachte mich erneut zu den Toiletten. Als ich meine Verwirrung abgeschüttelt hatte, drückte ich den Knopf. Doch der Fahrstuhl kam nicht. Mittlerweile hatte sich ein älterer Herr zu mir gesellt, und wir warteten gemeinsam. Er hatte nichts besseres zu tun. Als es mir zu bunt wurde, ging ich den einen Stock nach oben, der Herr vor mir. Der Treppenaufstieg dauerte eine Viertelstunde… Ein alter Kumpel kam ihm entgegen und meinte zu ihm: “Na, du alter Knacker!” Daraufhin der ältere Herr: “Da kommst Du auch noch hin!” Frotzeleien unter alten Männern. Vor der Fahrstuhltür im Restaurant angekommen, drückte ich den Knopf und endlich, der Aufzug kam.
Erleichtert verließ ich das Gebäude. Um die Ecke konnte man den Eingang mit Briefkästen für die Wohnungen im i-Punkt erkennen. Doch durch die Tür kam ich nicht, wild klingeln wollte ich nicht. Nun hatte ich genug vom i-Punkt und steuerte das Sportbad Heidberg an. Das ist ein schönes modernes Sportbad mit großzügigen Bahnen, auch Wettkämpfe werden hier ausgetragen. Ich selbst war hier oft schwimmen.


Von dort aus durchstreifte ich das kleine Einkaufszentrum des Heidbergs, in den Sechzigern erbaut, und so sieht es auch aus. Ich habe schöne Kindheitserinnerungen daran, weil damals meine Oma im Heidberg wohnte und wir hier oft einkauften. Mitten im Einkaufszentrum steht übrigens “Die große Flora” vom bekannten Braunschweiger Bildhauer Cimiotti, der auch den Springbrunnen vor dem Staatstheater gestaltet hat. Am Rande des Einkaufszentrum nahe der Straßenbahnhaltestelle steht der knall-blaugelbe Kiosk-Pavillon mit rotem Löwen auf der Fassade. Der Besitzer muß ein echter Einträchtler sein. Im Heidberg gibt es unter den Bürgern übrigens großen Protest, weil in nächster Nähe ein großer Supermarkt entstehen soll und damit die kleinen Läden im Einkaufszentrum gefährdet. Wäre schade drum.


Doch das eigentliche Highlight vom Heidberg kommt erst noch: Ich bin ein Stückchen die Hauptsraße Richtung Innenstadt weitermarschiert, am PlayOff, dem großen Sporthotel, vorbei, und machte wieder einen Schlenker zurück zum Heidbergsee. Der hat in den letzten Jahren eine wundervolle Verschönerung erfahren. Ein breiter Holzsteg mit Geländerführt über den zweigeteilten See, links und rechts davon zwei feine Sandstrände. Baden ist allerdings offiziell verboten, die Sandstrände werden nur zum Bräunen genutzt… Als kleiner Junge habe ich dort gerne geplanscht. Auf der anderen Seite des Steges ist der See viel größer. Am Hang stehen schöne Wohnhäuser, muß eine prima Lage sein. An den Wegen im Heidbergpark sind übrigens eine Reihe von neuen Trimm-Dich-Geräten zur sportlichen Ertüchtigung aufgebaut. Und überall wunderbare hügelige grüne Wiesen.

Als Kind mußte ich oft von diesen grünen Wiesen träumen, war schön. Ich ging nun den Heidbergpark wieder zurück in Richtung Endhaltestelle, vorbei an Mietshäusern. In einem davon hat meine Oma gewohnt. Ich kann mich auch noch an ganz tolle Klettergerüste erinnen. Eins davon hatte die Form eines Flugzeugs. Gibt es heute leider nicht mehr.

Der Heidberg hat heute das Image einer Rentnersiedlung. Das Einkaufszentrum sieht so aus, und es wohnen nun einmal viele Alte hier. In den Sechzigern war das anders. Da wurde die Siedlung flugs aufgebaut, viele junge Familien zogen in die preisgünstigen Wohnungen. Viele Kinder bereicherten das Bild der Siedlung. Als die groß wurden, zogen sie weg. Die Eltern blieben. Und wurden älter. Wird Zeit, daß der Heidberg eine Verjüngungskur bekommt. Die Weststadt, zur selben Zeit entstanden, hatte solche Probleme nie.
Jedenfalls ist der Heidberg definitiv einen Besuch wert. Ob man nun im PlayOff Tennis spielen, im Sportbad einsam seine Bahnen ziehen, mit Freunden einen Badetag im Heidbergsee verbringen oder einfach ein leckeres Wolters am Eintracht-Kiosk zischen möchte.
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