Aus Alt mach Neu: Kunsttischlerei Rischbieter
An einem schönen Samstagmorgen bei strahlendem Sonnenschein radelte ich nach Wedtlenstedt, um Herrn Rischbieter in seiner Kunsttischlerei im Klosterhof 3 zu besuchen. Auf dem Hof angekommen, sah ich zur Rechten sein schönes Fachwerkhaus und geradezu den zur Tischlerei umgebauten Stall. Ich betrat die Tischlerei RIMO, wo mich Herr Rischbieter freundlich begrüßte und von seiner interessanten Arbeit berichtete. Neben Treppensanierungen und Möbelbau ist die Restauration alter Möbel seine Hauptaufgabe.
Seit über zwölf Jahren betreibt Herr Rischieter seine Tischlerei, die er bereits einige Jahre vorher nebenberuflich geleitet hatte, bis sein bisheriger Arbeitgeber in Insolvenz ging. Tischler haben es auch nicht einfach. Doch Herr Rischbieter hat sich einen guten Ruf erarbeitet, und Kunden aus der Braunschweiger Region, aber auch aus ganz Deutschland und sogar darüber hinaus vertrauen ihm ihre Schätze an. Viele sind nach der nicht mehr für möglich geglaubten glanzvollen Wiederherstellung ihres Möbels ganz begeistert. Schon oft konnte sich Herr Rischbieter vor Umarmungen nicht retten. Auch beschädigte Möbel nach Zimmerbränden kommen direkt von der Versicherung zu Herrn Rischbieter, der erste Hilfe leistet.

Zu seinem Leistungsangebot gehören die Aufarbeitung antiker Möbel und aller Holzoberflächen, Reparatur von Beschlägen, Erneuerung und Reparatur von Schnitzereien, Holzwurmbekämpfung oder Flechtarbeiten. Und natürlich ungewöhnliche Arbeiten wie Tisch-Standuhren mit Quarz-/Funk - Laufwerk, Kerzenständer, Spielbretter, Spieluhrdosen in ausgesuchten Hölzern, Intarsienapplikationen oder Schaltknöpfe aus Edelhölzern.


Gerne bearbeitet Herr Rischbieter ausgefallene Sonderwünsche, die man bei Ikea so nicht bekommt. So bat ihn ein Ingenieur, seinen alten Volksempfänger aufzupolieren, damit er einen nagelneuen DVD-Recorder in seinem Inneren verstecken konnte. Herr Rischbieter mußte zudem einen unauffälligen DVD-Schlitz integrieren. Ein Archäologe, der Ausgrabungsarbeiten in Athen leitete und sich dort wohnlich einrichten wollte, ließ alte Möbel seiner Eltern restaurieren. Herr Rischbieter ließ es sich nicht nehmen, die verschönerten Möbel in ihrer neuen griechischen Umgebung zu begutachten.

Am Tag meines Besuchs bearbeitete Herr Rischbieter gerade eine alte Truhe, verstaubt, verblichen, angekratzt. Da kam jede Hilfe zu spät, dachte ich mir noch, bis der geübte Tischlermeister sein Schleifgerät anwarf und den Deckel der traurigen Truhe behutsam bearbeitete. Das Ergebnis war bereits nach einigen Minuten beeindruckend. Die bearbeitete Stelle war ganz hell und glatt, wie neu. Ein bißchen wie Zauberei. Zauberer und Kunsttischler zeichnen sich gleichermaßen durch eine hohe Fingerfertigkeit aus.

Die alte und mitgenommen wirkende Truhe hat übrigens eine kleine Schublade im Inneren, ganz oben an der linke Seite. Das ist bei alten Truhen so üblich, dort haben die Menschen früher ihre Wertsachen versteckt. Daher kommt übrigens der Ausdruck: “Etwas auf die hohe Kante legen”! Aber auch folgende Deutung habe ich gefunden: Früher gab es über den alten Betten eine Ablage, die hoheKante, auf die man nicht schauen konnte. Dort war es möglich, Geld oder Wertgegenstände abzulegen und auf zubewahren.
Letzte Woche hat Herr Rischbieter den Wedtlenstedter Kindergarten zu sich eingeladen, um den Kleinen mal zu zeigen, was ein Tischler so alles macht. Bei Keksen und Kuchen durften die Kinder sich selbst mal an kleinen Holzarbeiten ausprobieren. Für sie war das ein großes Erlebnis und Herr Rischbieter wird das gerne mal wiederholen, wenn ein Kindergarten nett anfragt.

In Gerd Biegels Kolumne “Löwenmaul” vom 6. März diesen Jahres in der Braunschweiger Zeitung schrieb der Autor über die Braunschweiger Schriftstellerin Anna Klie, die in ihrem Buch “Aus der Uhlentwete” von 1909 über “Frau Rischbieters Erlebnis” schrieb. Diese Frau Rischbieter war eine arme Witwe, die in einem Schusterladen eine Tasche mit wertvollen Leihhauspapieren verlor. Doch der Schusterjunge war ehrlich und brachte die Tasche zur Polizei. Diese Geschichte beruht auf einer wahren Tatsache, doch leider konnte mir der Tischlermeister Rischbieter nicht sagen, ob es sich bei der vergeßlichen Frau Rischbieter um eine Vorfahrin von ihm handelt. Nehmen wir das also einfach mal an.

Voller Begeisterung hat mir Herr Rischbieter seine Werkstatt gezeigt und ausführlich über seine tolle Arbeit berichtet. Es hat mir viel Spaß gemacht, einen kleinen Einblick in seine Kunsttischlerei zu bekommen, dafür vielen Dank! Anschließend bin ich noch ein wenig bei strahlendem Sonnenschein den Stichkanal entlanggeradelt und ließ mich überraschen, wohin der Weg mich führen sollte. Es gibt noch viel zu entdecken im Harz- und Heideland.
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