Rund um den Papenteich

papenteich.pngDas weihnachtliche Osterwochenende verblaßte bereits in meiner Erinnerung, als ich am Samstag auf mein Rad stieg und in Richtung Gifhorn loszog. Die Sonne ließ sich immer mehr blicken, die Temperatur war fahhradtourtauglich. Doch der Wind machte mir einen Strich durch die Rechnung. Großer Fahrrad-Spaß kam bei mir nicht auf, aber ich radelte erstmal los.


kanal_5.jpg Durch den Westpark nach Lehndorf, übers Kanzlerfeld, an der PTB vorbei. In Watenbüttel dann fuhr ich zum Mittellandkanal. Geradewegs zum Braunschweiger Hafen, doch dort war der Weg zuende. Also mußte ich um den Hafen herumradeln, bis ich hinter der Brücke am Kanal weiterkonnte. Das ist manchmal ganz schön, einfach so stupide geradeaus zu radeln, immer am Wasser entlang, ab und wann ein Schiff. Und die Brücken. Kein Verkehr, kein Lärm, einfach nur Ruhe. Manchmal war der Weg ein wenig holprig, aber ein bißchen Abenteuer gehört ja auch dazu. Der ein oder andere Jogger kreuzte meinen Weg, die Autos in weiter Ferne auf den Brücken störten mich nicht weiter. Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluß.

kanal_11.jpgkanal_6.jpg An einer besonders rostigen und eindrucksvollen Brücke machte ich halt. Dieses Stahlungetüm wirkte auch ein wenig bedrohlich. Auf dem Boden an der Brücke entdeckte ich ein Blumengesteck. Ob sich hier ein unglücklicher Mensch von der Brücke gestürzt hatte? Morbide genug für eine solche Verzweiflungstat war dieser Ort ja auch. Ich war an diesem windigen Tag auch nicht in allerbester Stimmung, aber ich radelte dann doch lieber weiter.

kanal_12.jpgkanal_3.jpg Irgendwann hatte ich genug vom Mittellandkanal, und an einer weiteren Brücke betrat ich wieder die Straße. Und so war ich dann plötzlich in Abbesbüttel. Hatte ja keine Ahnung, wie weit ich am Kanal schon unterwegs war. Rund um Abbesbüttel befinden sich mehrere Sandabbaugebiete. Das Kalksandsteinwerk wurde Anfang 2000 stillgelegt. Abbesbüttel gehört zur Gemeinde Meine in der Samtgemeinde Papenteich. Der Name Papenteich lässt sich bis in mittelalterliche Urkunden zurück verfolgen. Die ältesten Namensformen lauten dabei poppendic oder poppendyk. Der erste Teil bezieht sich vermutlich auf einen 1165 verstorbenen Grafen Poppo. Aber zurück zu Abbesbüttel: Abbesbüttel wurde vermutlich im 9. Jahrhundert oder kurz danach gegründet und gehört zu den Büttel-Ortschaften. 2004 wurden bei Reste einer vorgeschichtlichen bäuerlichen Siedlung entdeckt, die auf das 6. Jahrhundert v. Chr. datiert wurde.

kanal_1.jpg Ich fuhr weiter durch das langgestreckte Dorf und passierte fünf Bushaltestellen. Ungefähr in der Ortsmitte steht ein großer Gedenkstein zur Erinnerung an den Bau des Mittellandkanals. 1928 wurde der Mittellandkanal durch das Gebiet der späteren Samtgemeinde gebaut. Die Orte Abbesbüttel, Wedelheine und Wedesbüttel sind direkt am Kanal gelegen. Der Radfernweg Braunschweig-Lüneburg durchquert das Gebiet der Samtgemeinde in Süd-Nord-Richtung über Abbesbüttel, Meine, Ohnhorst und Gravenhorst, meistens auf gut ausgebauten asphaltierten Feldwegen abseits vom motorisierten Straßenverkehr. Das wars auch schon, was ich über Abbesbüttel zu erzählen hätte. Dann gings weiter nach Grassel. Ich fuhr einen von Weiden gesäumten Feldweg genau auf die Kirche zu. Auf dem Weg dahin machte ich mir meine Gedanken über den Papenteich.

kanal_10.jpg Die bisher älteste Spur menschlichen Lebens im Papenteich ist das 1995 gefundene Megalithgrab bei Rethen. Das Grab wird auf etwa 3000 v. Chr. datiert. Die größte Siedlungsgruppe sind die sogenannten „-büttel Orte“. Man pflegt die Gegend bisweilen auch die “Büttelei” zu nennen. Die Sprachforschung leitet büttel vom nordsächsisch bodal ab. Die politischen Vorgänger im Papenteich waren die 1318 entstandene Grafschaft Papenteich. Diese wurde zunächst durch Ottos von Braunschweig an die Grafen von Woldenberg als Lehen vergeben, bevor 1337 Fürsten zu Lüneburg die Grafschaft Papenteich erwarben.


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kanal_9.jpg Nun fuhr ich kurz durch Grassel. Man geht davon aus, dass der Grassel etwa um 800 gegründet wurde. Ob er mit einem Anfang des 9. Jahrhunderts urkundlich erwähnten Ort “Grasaloh” identisch ist, konnte allerdings noch nicht sicher bestätigt werden. Im Jahr 1489 bestand Grassel aus 3 Vollhöfen, 5 Halbhöfen und 9 Kötnerhöfen. Danach war damals von etwa 150 Einwohnern auszugehen. Schließlich endete Grassel an einem weiteren Feldweg. Es wurde immer stürmischer und ungemütlicher. Eigentlich wollte ich ja bis nach Gifhorn, aber das schien mir heute nicht angebracht. Doch ein kleines Stückchen wollte ich dann doch noch zurücklegen. So fuhr ich also zwei Kilometer Feldweg nach Wedelheine, während der Wind mein Haar zerzauste.

kanal_7.jpgkanal_8.jpgkanal_2.jpg In diesen Minuten machte ich mir weitere Gedanken zum Papenteich: 1349/50 kam es im Raum Braunschweig zur Großen Pest, die im Papenteich schlimm wütete. Im 19. Jahrhundert war die tägliche Umgangssprache das Papenteicher Platt. Der Papenteich galt als eigene Kleindialektlandschaft innerhalb des ostfälischen Niederdeutsch. Charakteristisches Kennzeichen dieses Dialekts ist u.a. das lange ü anstelle des sonst im Niederdeutschen langen u: Üse Püdel is in einem Tüge üt de Lüke rütesüset (Unser Pudel ist in einem Zuge aus der Luke herausgesaust). Ein weiteres Dialektmerkmal ist z. B., dass fremde ältere Personen ungefähr gleichen gesellschaftlichen Standes nicht Herr oder Frau, sondern Unkel und Tante angesprochen werden.

kanal_4.jpg Endlich war ich in Wedesbüttel und dann in Wedelheine. Die erste urkundliche Erwähnung Wedelheines ist für das Jahr 1489 unter dem Namen „Wedelheym“ nachgewiesen. Der Ort lag früher direkt an den alten Poststraße von Braunschweig nach Hamburg. Die Straße lag noch 1775 direkt am östlichen Ortsrand. Nun hatte ich aber genug vom Wind und fuhr wieder in Richtung Braunschweig.

Zurück über Abbesbüttel, Waggum, Kralenriede, Schuntersiedlung, Hamburger Straße. Über das westliche Ringgebiet gings wieder nach Hause. Pünktlich um Ende meiner Tour hörte der Wind auf, windig zu sein, und die Sonne lachte mich aus. War trotzdem schön.

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