Auf der Zeitschiene in Braunschweig

ortsschild_zeitschiene.pngAm Sonntag war die feierliche Eröffnung der Braunschweiger Zeitschiene am Westbahnhof, Höhe Hugo-Luther-Straße. Das war ziemlich praktisch für mich, denn ich wohne nicht weit weg. Endlich mal eine Tour, wo ich mal eben so hinspazieren konnte. Vom Lehmanger her betrat ich den 2001 fertigestellten Rad- und Fußgängerweg, der unter der Brücke an der A391 beginnt.


Zeitschien_9.jpg So eine Autobahnbrücke ist natürlich nicht besonders einladend. Davor befindet sich auch noch ein recht chaotisch wirkender Gebrauchtwagenhandel. Und linkerhand passiert der Besucher die berüchtigte Hebbelstraße. Weststadt halt… Zu Beginn fand ich eine Informations-Tafel, die die Strecke beschreibt und den Besucher über die Historie aufklärt. Hat man die ersten Meter zurückgelegt, sieht man zur Linken das Betriebsgelände des Stahlhändlers Bredemeier Possehl mit seinem beeindruckenden Schiebekran. Die Zeitschiene will Wissenswertes aus 175 Jahren Industrie- und Eisenbahntechnik vermitteln, also ist die Industrie ringsum ein würdiger Rahmen. Heinrich Büssing und Max Jüdel sind übrigens berühmte Vertreter von Braunschweiger Erfindern und Unternehmern. Dies war also der erste Abschnitt der Braunschweiger Zeitschiene, die eines Tages fünfeinhalb Kilometer lang sein soll und damit der Strecke der inzwischen stillgelegten Eisenbahnstrecke folgt. Bisher ist die Museums-Strecke ein Kilometer lang. Für die kommenden Jahre geplant ist der Vollausbau bis zur Borsigstraße.

Zeitschien_6.jpgZeitschien_3.jpg Die ehemalige Gleisstrecke gliedert sich in zahlreiche Stationen, die historische Ereignisse in Deutschland und Braunschweig darstellen. Die Dekadensteine unterteilen die Strecke in einzelne Zeitabschnitte. Sie beginnt also am Westbahnhof mit dem Jahr 1838, das Jahr in dem die erste deutsche Staatseisenbahn, die Herzoglich Braunschweigische Staatseisenbahn ihren Betrieb zwischen Braunschweig und Wolfenbüttel aufnahm und endet nach 175 Jahren im Jahre 2013 am Lok-Park, wo sich das Braunschweiger Eisenbahnmuseum befindet. Die Zeitschiene war eine Idee aus der Zeit der Bewerbung Braunschweigs als Kulturhauptstadt 2010 und konnte zum Glück verwirklicht werden.

Zeitschien_2.jpg Dann folgt der Stein mit der Aufschrift des Jahres 1848, in dem die 48er-Revolution stattfand. Schließlich 1853, als die Braunschweigische Maschinenbauanstalt (BMA) gegründet wurde. Nicht zu vergessen 1873: Heinrich Büssings Signalbauanstalt geht in der „Eisenbahnsignal-Bauanstalt Max Jüdel & Co.“ auf, Vorläufer des heutigen Siemens-Werks Braunschweig. Die Produktion der ersten Lastkraftwagen durch die Firma Büssing begann 1903, ein Jahr später wurde die weltweit erste Omnibus-Linie zwischen Braunschweig und Wendeburg eröffnet. 1944 wurde der Braunschweiger Bahnhof während des Zweiten Weltkriegs zerstört, 1960 erfolgte die Eröffnung des neu erbauten Braunschweig Hauptbahnhofs am Rande der Stadt. 1998 wurde die Weddeler Schleife in Betrieb genommen.

Zeitschien_4.jpgZeitschien_14.jpg Züge fuhren übrigens bis 1990 hier. Als Kind hatten meine Eltern gegenüber den Gleisen einen Schrebergarten am Lehmanger. Ich muß wohl damals den ein oder anderen Zug gesehen haben. Aber eine bewußte Erinnerung habe ich daran nicht mehr. Das alte Gleis verband damals die riesigen Maschinenbau-Fabriken des Westlichen Ringgebiets mit dem Eisenbahnnetz.


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Zeitschien_7.jpgZeitschien_10.jpg Nach fast dreihundert Metern hübschen Spazierweges mit Bänken und Blumenbeeten, umzäunt vom Industriegebiet, stieß ich auf die Hugo-Luther-Straße, die ich überquerte und den eigentlich attraktiven Teil des “Freilichtmuseums” betrat. Hier beginnen dann auch die restaurierten und vom Gestrüpp befreiten 400 Meter langen Gleise, die von einem alten Prellbock begrenzt wurden. Ein Andreaskreuz und ein Jahresstein sind gleich zu Beginn zu sehen. Desweiteren folgen viele weitere Weichensteller und ähnliche Objekte aus der Bahnwelt, wie zum Beispiel alte Lademaße oder historische Eisenbahn-Schilder.

Zeitschien_8.jpgZeitschien_11.jpg Es war viel los an diesem sonnigen Sonntag auf der Braunschweiger Zeitschiene! Viele Familien mit ihren kleinen Kindern, die mit großem Spaß auf den Gleisen balancierten und sich riesig auf die Draisinenfahrten freuten, die am Schluß der Festreden folgen sollten. Fahrradfahrer waren auch gut unterwegs, schließlich gab es hier keine besonderen Parkmöglichkeiten. In der Nähe der Bühler Miag beginnt der Radweg parallel zum westlichen Ringgebiet bis zum Westbahnhof. Da kann man schon eine schöne kleine Strecke fahren.

Zeitschien_5.jpgZeitschien_12.jpgZeitschien_13.jpg Neben der alten Fußgängerbrücke auf den Gleisen wurden die Reden gehalten. Auf der Brücke hatte ich einen schönen Überblick auf die Zeitschiene und konnte ins Stadtinnere schauen. Es war wirklich viel Trubel auf diesem ansonsten sehr ruhigen Wegstück. Schließlich wurde ein Jahresstein feierlich enthüllt. Der Braunschweiger Historiker Gerd Biegel fand auch noch einige Worte, die ich allerdings nicht verstand, weil einfach zuviel los war. Hinter der Initiative für die Braunschweiger Zeitschiene stehen private Unterstützer, Sponsoren aus der heimischen Wirtschaft, das Landesmuseum, die Stadt und Braunschweigs Hartz-IV-Arge. Die sogenannten 1-Euro-Jobber schufen mit Spitzhacke bewaffnet diesen wunderbaren Spazierweg. Ich bin während der Arbeiten oft hier vorbeigekommen, ohne zu ahnen, was da Schönes entstehen sollte.

Zeitschien_15.jpg Als das alles endlich geschafft war, begannen die Draisinen zu rollen. Mit mordsmäßiger Geschwindigkeit rasten sie die kurze Strecke hin und her. Ein Mordsspaß. Eine alte Kutsche bot sich für eine kleine, gemütliche Spazierfahrt auch noch an. Ich jedoch ging lieber zu Fuß. Und zwar nach Hause. So verließ ich die Zeitschiene und kam wieder in der Gegenwart an.

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