Wolfsburg ist ´ne Autostadt
An einem Sonntag, der den Frühling erahnen ließ, machte ich mich mit dem Rad auf nach Wolfsburg. Dort kannte ich das Kunstmuseum und das Planetarium von früher, auf das Phaeno und die Autostadt war ich sehr gespannt. Ach ja, das Badeland habe ich auch schon besucht. Als ich das letzte Mal da war, ist es kurze Zeit später abgebrannt. Das wollte ich nicht nochmal riskieren. Als Braunschweiger lästert man ja gerne mal über Wolfsburg, insbesonders über die Fußgängerzone. Die jedoch war an diesem sonnigen Sonntag besonders gut besucht.
Ich stieg also auf meinen getreuen Drahtesel und machte mich auf, um über Gliesmarode (wo mir die Kette fünf Mal heraussprang!) und Hondelage auf die B248 zu kommen, die einen angenehmen Radweg vorzuweisen hat. Linkerhand rauschte irgendwann die Wendhausener Mühle an mir vorbei, zur Rechten versuchte ein McDonalds vergeblich mich zu locken, und bald schon war ich in Lehre. Letzten Herbst bin ich diese Strecke zu Fuß abgewandert. Diese Tour heute war für mich ein Quantensprung in der Evolution der Fortbewegung.
Hinter Lehre kreuzte ich Flechtorf und Mörse, bis ich endlich auf Fallersleben traf. Dort habe ich mich auch genau umgesehen. Schließlich bewegte ich mich dann doch auf das 120.000 Einwohner zählende Wolfsburg zu. Und verfuhr mich. Wolfsburg ist ja auch ´ne Autostadt. Da haben´s Radfahrer schwer. Einmal fuhr ich sogar im Kreis. Doch ich gab nicht auf. So ein falscher Weg kann einem mitunter ja auch Unerwartetes bieten. So fand in Detmerode gerade ein Marathonlauf statt, dem der Oberbürgermeister Rolf Schnellecke beiwohnte. Er trat in dem Moment ans Mikro, als ich die Läufer zu überholen versuchte. Gesehen habe ich ihn nicht, mußte mich auf die Strecke konzentrieren.


Kurz vor Wolfsburg auf der Braunschweiger Straße begrüßten als Schriftzug angeordnete bunte Blumen den Besucher schon von Weitem mit der Aufschrift: 70 Jahre Wolfsburg. Na, das ist mal ein Jubiläum! Wolfsburg, 1938 zur Produktion des Volkswagens geschaffen, war eine der wenigen neuen Stadtgründungen in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vom 1. Juli 1939 bis 1945 trug sie den Namen „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“. Historisches werde ich ein andermal schreiben, das war heute eher ein Stadtbummel! Und dann war ich auch schon in der Stadt. Sofort geriet die blauschimmernde Kugel des 1983 gebauten Planetariums in meinen Blick, nicht zu übersehen. Als Kind muß ich dort das letzte Mal gewesen sein. Ich ging auf die andere Straßenseite und betrat die Wolfsburger Fußgängerzone, die gleich zu Beginn mit seinem 1994 gebauten Kunstmuseum aufwartete.
Vor dem Eingang begrüßten mich zwei seltsame, übergroße Gestalten, der eine wie der Tod, der andere ein lustiger Clown. Nach künstlerischen Genüssen aber stand mir nicht der Sinn, also spazierte ich weiter durch die gut besuchte Fußgängerzone, wo die Passanten die sogenannten Stadtmöbel (wie die Architekten sagen) bereitwillig in Besitz nahmen. Dort wurde Schach gespielt, Kinder patschten auf das Wasser der Brunnen und Sonnenhungrige genossen das schöne Wetter auf den zahlreichen Sitzbänken.


Man kann nicht sagen, daß die Wolfsburger Innenstadt besonders schön ist. Typischer 70er-Jahre-Mief, irgendwie verstaubt. Ziemlich häßliche Häuserklötze, die in ihrer Wucht die Fußgängerzone flankieren. Bausünden aus einem vergangenen Jahrhundert. Das Rathaus steht auch dort in seiner Überdimensionierung auf riesengroßem Platz. Einige Glocken sind an der tristen Fassade zu sehen. Doch einen Rathausbalkon hat Wolfsburg nicht…


Wer die Fußgängerzone bis zum Ende durchspaziert, der steht plötzlich vor dem eindrucksvollen Phaeno, dem einzigartigen Experimentiermuseum für Kinder und Junggebliebene. Dahinter ragen die Schornsteine des VW-Werkes auf. In dieser Verschmelzung erinnert das von der britisch-irakischen Architektin und Professorin Zaha Hadid entworfene und 2005 eröffnete Phaeno an einen riesiges Dampfschiff, das zufällig in der Innenstadt Wolfsburgs gestrandet ist. Unter dem Phaeno kann man hindurch gehen und fühlt sich wie verschluckt im riesigen Bauch eines Beton-Wals.
Vom Wissenschaftsmuseum Phaeno aus führt eine Fußgängerbrücke über die Schienen des linkerhand gelegenen Bahnhofs, während sich zur Rechten das neue Designer-Outlet-Center erstreckt. Mit einem mehrere hundert Meter langen Laufband gerät der Besucher ganz komfortabel zum Eingang der Autostadt. Wer sich jedoch zu Fuß bemüht, kann vom Geländer aus die hindernisreiche Teststrecke beobachten, die der Besucher mit einem VW abfahren kann. Nun, die Autostadt habe ich an diesem Tag natürlich nicht besucht, ich war ja mit dem Fahrrad da!
Nun wollte ich auch langsam wieder aufbrechen, machte aber noch einen Abstecher zur Volkswagen-Arena. Großartiges Stadion, tolle Fans, super Stimmung, 1A-Bundesliga-Fußball! Also weiter… Ich fuhr wieder zurück über Mörse, wo ich aber die Übersicht verlor. Ich fragte einen über sechzigjährigen Radfahrer, der sehr sportlich und fit wirkte. Der hatte noch vierzig Kilometer vor sich! Bewundernswert! Ich keuchte auf meinem Rad die neue Strecke entlang und mußte an einer sehr gefährlichen Kreuzung um mein Leben bangen, bis ich wieder auf den sicheren Radweg Richtung Lehre geriet und nach Braunschweig zurückradelte. Der Wind wurde immer stärker, die Sonne verschwand. Es wurde ungemütlicher. Aber ich wußte, der Frühling konnte nicht mehr lange auf sich warten lassen!
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