Weltmeisterliches in Braunschweig!

Eigentlich ist ja immer der erste Teil einer Film-Trilogie der Beste. Die Nachfolger sind ja meist nur ein müder Abklatsch des ersten großen Erfolges. Bei der Fußballweltmeisterschaft ist es genauso. Das Wunder von Bern! Legende. 1954. Dann kamen noch 1974 und 1990. Die waren auch toll, aber Fritz Walter, Toni Turek oder Max Morlock sind und bleiben die einzig wahren Helden. Und der Zug, in dem diese Helden 1954 triumphal nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1954 nach Deutschland zurückkehrten, hielt nun am Samstag dauerhaft in Braunschweig.


WM-Zug_13.jpg Um 15 Uhr sollte es soweit sein. Große Einfahrt in den Braunschweiger Hauptbahnhof, wo die Gäste durch Schilder darauf aufmerksam gemacht werden, daß sie sich nun in der Stadt der Forschung, der Stadt der Zukunft und der Stadt Heinrichs des Löwen befinden. Nicht wenig für eine Stadt. In der Bahnhofshalle rotierte unaufhörlich eine Laufschrift mit den Worten: “Willkommen in der Stadt der Wissenschaft!” Nun, das ist ein wenig gelogen. Braunschweig war 2007 Stadt der Wissenschaft. Stadt der Forschung ist schon in Ordnung, ist ja kein offizieller Titel.

WM-Zug_2.jpg Zurück zur WM: Der Zug kam und kam nicht. Ich fragte den Wachhabenden an der Information, wo der Zug denn bliebe. Doch der rollte nur mit den Augen und meinte: “Da könn wa bald ne Platte von machen. Wenn Se wüßten, wie viele schon gefragt haben!” Ich also rauf aufs Gleis und geduldig gewartet. Nicht wenige Hobby-Fotografen suchten ebenfalls nach dem Zug. Immerhin qualmte der Asse-Bummler auf Gleis fünf wie verrückt und war beim besten Willen nicht zu übersehen. Also schnell ein paar hübsche Fotos geacht vom alten Dampfroß, bis dieser ratternd und tutend in der Ferne Richtung Harz verschwand. Der normale Personen- und Güterverkehr lief ganz normal weiter.

WM-Zug_7.jpg Ein älterer Besucher, der den WM-Zug sehen wollte, war ganz schnell auf Hundertachtzig. “Das ist doch ein Skandal! Das hätte es früher nicht gegeben! Wieso ist denn der Zug nicht da? Und keiner weiß bescheid? Unmööglich!” Der hatte sich bald wieder eingekriegt. Das Leben ist doch immer mal für Überraschungen gut. Was läßt sich denn schon wirklich im Voraus ganz sicher planen? Wie oft sind wir denn schon selber mal aufs falsche Gleis geraten? Manchmal muß man eben die Weichen neu stellen! Mit diesen Gedanken schlenderte ich das Gleis hoch und runter und fand dabei eine einsame, leere Jägermeister-Flasche im Sonnenlicht glitzern, als ich plötzlich das laute Tuten eines herannahenden Zuges vernahm. Es war der WM-Zug!


Größere Kartenansicht

WM-Zug_5.jpgWM-Zug_8.jpg Und ich war ganz hinten am anderen Ende des Gleises! Also schnell zurück. Alle Fotografen waren bereits in Stellung und abschußbereit. Der Zug rollte heran. Und hielt für wenige Minuten. Am Bug (sagt man das bei Zügen?) prangte das alte DFB-Logo und wurde umrahmt von zwei Deutschland-Fähnchen. Der Zug selbst war knallrot angemalt, an der Seite stand in Riesen-Lettern: FUSSBALL-WELTMEISTER 1954″. Ein knallblauer Waggon mit gelbem Wolters-Schriftzug fügte sich in das Farbenspiel harmonisch ein. Doch das visuelle Vergnügen dauerte nicht lange an, schon starteten wieder die Motoren des legendären WM-Zuges, der schon gleich wieder verschwand.

WM-Zug_6.jpgWM-Zug_10.jpg Da ich selbst 1954 leider nicht persönlich dabei sein konnte, zitiere ich aus das-wunder-von-bern.de: “Die Rückreise der Weltmeister geriet zu einem Triumphzug, den Deutschland noch nie gesehen hatte. Bereits die Zugreise, die Bundesbahn hatte eigens einen Sonderzug bereit gestellt, säumten Tausende die Bahnstrecke. In den Bahnhöfen, die die Weltmeister passierten, wurden mancherorts Blockaden organisiert: Die Weltmeister sollten anhalten und sich von ihren Anhängern umjubeln lassen. Gänze Städte waren auf den Beinen, die Weltmeister sollten anhalten und sich von ihren Anhängern umjubeln lassen. Gänze Städte waren auf den Beinen, als die Helden von Bern aus der Schweiz zurückreisten und überhäuften die Spieler mit Glückwünschen und Geschenken.”

WM-Zug_3.jpgWM-Zug_4.jpg Doch das Spiel war noch nicht aus. Ich verließ das Gleis und den Bahnhof durch den Hintereingang. Das große Siemensgebäude ragte vor mir auf, und ich schlug den Weg nach rechts ein, Richtung Borsigstraße, wo der große Braunschweiger Lokpark sein Zuhause hat und heute den legendären Zug vom Bahnmuseum in Nürnberg als Dauerleihgabe erhalten sollte. Als ich ankam, hatten sich bereits zahlreiche Schaulustige auf dem Gleis versammelt und warteten gespannt auf den knallroten Weltmeisterzug. Mein Timing war perfekt, bereits nach wenigen Minuten rollte der Zug ganz langsam auf dem alten Gleis herein. Dies war sein Abstellgleis, doch dieser Tag war kein trauriger. Links davon befand sich ein weiteres Gleis, auf dem der Elm-Asse-Bummler herandampfte.

WM-Zug_14.jpgWM-Zug_15.jpgWM-Zug_11.jpg Als beide endlich hielten, und der WM-Zug das rote Band zwischen den Gleisen durchrissen hatte, durften alle Besucher die Züge von innen bewundern, die Kinder vorneweg. Ich hinterher! Anfang der Neunziger bin ich selbst noch mit neueren Modellen gefahren, geschlossene Abteile, alles aus schönem, warmen Holz und Metall. Die langen, engen Gänge, viel gemütlicher als heute. Ich setzte mich voller Respekt in ein Abteil. Ob hier wohl einst Fritz Walter gesessen hatte? Aufregende Vorstellung! Im Speisewagen entdeckte ich Leo, das alberne Maskottchen der WM 2006. Irgendwie unpassend, obwohl wir hier in Braunschweig ja durchaus löwenfreundlich sind.

WM-Zug_9.jpgWM-Zug_12.jpg Der VT 08 ist ein Luxusfahrzeug des Wirtschaftswunders, eine Zeit der Zuversicht in der Nachkriegszeit. In Braunschweig war der Weltmeisterzug, auch “Eierkopf “genannt, bis 1985 im Nahverkehr im Einsatz. So erfuhr ich es unter Newsclick. Der Verein für Verkehrsfreund will den Barwagen vermieten, in dem dann Hochzeiten, Modenschauen oder Empfänge stattfinden könnten. Der Lokpark Borsigstraße ist übrigens Endpunkt der 5,5 Kilometer langen Braunschweiger Zeitschiene, die am Westbahnhof beginnt. Ein Parcours, an dem die Entwicklung der Industrie- und Eisenbahntechnik in Braunschweig ablesbar wird.

WM-Zug_1.jpg Schließlich verließ ich den Zug und sah mich noch ein wenig im Lokpark um. In einer großen, dunklen Halle standen zahlreiche uralte Züge, sogar einen Hohenzollern-Zug habe ich entdeckt. Ob damit wohl der letzte braunschweigische Herzog Ernst-August und seine Angetraute Victoria-Luise damit durch ihr Herzogtum gefahren sind? Ein Großonkel von mir hatte vor vielen Jahren mitgeholfen, einen dieser Züge zu restaurieren, er war Tischler. Aber es gibt hier immer noch viel zu tun.

Das war also mein Besuch im Lokpark Borsigstraße. Aufregende Sache. Doch ich mußte weiter. Reisende soll man nicht aufhalten. Und die Eintracht hatte heute auch noch 3 zu 2 gegen Verl gewonnen. Ein wahrhaft weltmeisterlicher Tag!

Suchen Sie Postkarten Ihres Orts? Dann lesen sie hier!
Benötigt die Websites Ihres Ortes, Vereins oder Unternehmens einen neuen Anstrich? Dann lesen Sie hier!
Möchten Sie ihr Unternehmen auf harz-und-heideland.de vorstellen? Dann lesen Sie hier!

ähnliche Reportagen

Schreib einen Kommentar!

Du kannst diese XHTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <code> <em> <i> <strike> <strong>