14. Landesturnfest in Braunschweig!
Hätte ich gar nicht vermutet, daß das Landesturnfest in Braunschweig so eine große Nummer ist. Bin ganz begeistert. Ohne größere Erwartungen spazierte ich also am Donnerstag um 19 Uhr mit meinem Kumpel Falk von der Dreiundvierzig auf den Altstadtmarkt, auf dem eine große Bühne und viele kleine Büdchen standen. Pünktlich zum Einmarsch der niedersächsischen Turnvereine kamen wir an. Die zogen dann mit ihren großen Fahnen karnevalsmäßig über den Kohlmarkt, den Platz der Deutschen Einheit bis hin zum Schloßplatz, wo alsbald die große Eröffnungsfeier stattfinden sollte.
So liefen wir aber erst einmal gemeinsam mit den Turnern, die gerne die La-Ola-Welle machten oder den Kopfstand übten, über den Kohlmarkt, wo bereits eine Band spielte, Kattreppeln, Münzstraße, dem Platz der Deutschen Einheit bis zum bereits prall gefüllten Schloßplatz. Da wir noch ein wenig auf die sicherlich superspannenden Eröffnungsreden des Oberbürgermeisters Gert Hoffmann, dem für den Ministerpräsidenten Christian Wulff in Verstretung erschienen Innenminister Uwe Schünemann und dem Landesturn-Präsidenten Heiner Bartling, der dann das Turnfest feierlich eröffnete, holten wir und mal schnell ein leckeres 5,0-Bier aus dem Schloß-Rewe, das in diesen Tagen vor der EM in knackigstem Schwarz-Rot-Gelb erscheint. Genialer Marketing-Schachzug!


Wärend der Präsident davon sprach, daß Braunschweiger Schloß sei in der Hauptsache nur für die Ausrichtung des Landesturnfestes erbaut worden, der Bürgermeister stolz auf die 50.000 Mitglieder Braunschweigs in Turnvereinen (ein Viertel der Einwohner, na, ob das so stimmt?), schlürften wir unser sportliches Bierchen und freuten uns über diesen sonnigen und geselligen Abend.




Das Landesturnfest geht übrigens vom 08. bis zum 12. Mai, und beinhaltet zahlreiche Sportveranstaltungen mit 20.000 Teilnehmern und bis zu 250.000 Besuchern. Und dann kam die große Show! Ganz in weiß gekleidete Turner betraten die Bühne, schwangen sich auf ihr Rhönrad oder sprangen mit dem Trampolin meterweit in die Luft. Zu den Klängen von Pink Floyd. Wie ich so gebannt das Treiben auf der Bühne verfolgte, zog ein mächtiger Kran im Hintergrund ganz unauffällig ein sonderbares Gerüst in den Himmel. Dort klammerten sich weitere tollkühne Turner an den Stäben fest und bewegten sich langsam akrobatisch zu Musik. Die wurden im weiteren Verlauf immer aktiver, sprangen und hüpften wie selbstverständlich auf dem Gestell hin und her, ließen Böller in die Luft schießen. Tolle Sache!
Ein wenig fühlte ich mich an die Olympischen Spiele erinnert. Anschließend kam noch Tony der Tiger auf die Bühne, um mit seinem Lied die Leute in Bewegung zu versetzen. Die Stimmung war ganz gelöst. Die Turner in ihren unterschiedlich farbigen Leibchen setzten sich in Gruppen auf den Schloßplatz und schnackten ausgiebig. Bis zum Höhepunkt des Abends auf dem Schloßplatz, als die Deutsch-Rock-Teenie-Band Revolverheld auf die Bühne trat und die Mädels zum Kreischen brachte. Ich kreischte aus Entsetzen und spazierte lieber weiter in Richtung Kohlmarkt.
Dort spielte Big Maggas auf, die härteste Boyband der Welt. Das war schon eher meine Kragenweite. Roy Ostermann, der Godfather of Muckis, der mich ein wenig an H.P. Baxter erinnerte, heizte die Menge mit Titeln ein, die eine abgedrehte Mischung aus den Ärzten, der Spider Murphy Gang und DJ Ötzi waren. Dabei spielte er ständig mit seinem Mofa auf der Bühne herum.
Der Band-Auszubildende Wischnewski, der für das Wohl von Herrn Ostermann verantwortlich ist, sang mit dem flotten Otto, der noch vor Adam und Eva aus dem Paradies verjagt wurde, den Evergreen “Time of my life” wunderschön und händchenhaltend im Duett. Wer war noch mal Revolverheld?
Doch unsere Tour war noch nicht zu Ende. Die Kombination Schloßplatz, Kohlmarkt und Altstadtmarkt als anziehende Eventinseln der Innenstadt ist übrigens eine sehr gelungene Idee. Wir visierten also den Altstadtmarkt an, wo Voodoo Lounge, die legendäre Stones-Cover-Band aus Braunschweig die Massen zum Toben brachte. Bobby Ballasch, der dem jungen Mick Jagger übrigens wie aus dem Gesicht geschnitten aussieht und auch in der Gestik und mit der Stimme dem Original verdammt nahe kommt, äußerte die ein oder andere Bemerkung, die ich allerdings nicht sofort verstand.
So sprach er von einer einstweiligen Verfügung und von Martin Walser. Erst heute morgen in der Zeitung folgte die Aufklärung: Auf dem Altstadtmarkt sollte zur selben Zeit wie das Konzert eine Martin Walser-Lesung erfolgen. Doch während der Proben von Voodoo Lounge bemerkte die Veranstalterin des Literaturfestivals plötzlich, daß es da ja ganz schön laut zuginge. Also ab zum Bürgermeister und dem niveaulosen Krach einen Riegel vorschieben. Ernsthafte Kultur geht schließlich vor. Doch man einigte sich auf den Kompromiß, die Lesung ohne Pausen durchzuführen und das Konzert ein wenig nach hinten zu verschieben. Na bitte, geht doch!

Doch für den aufregendenden Abend hatten wir erst einmal genug und gönnten uns auf dem Nachhauseweg ein weiteres Sport-Bierchen. Es war ja spät geworden. Doch die Leute hielt es noch immer in der Stadt. Dabei gibt es in den nächsten Tagen noch soviel zu erleben in Braunschweig, der Sporthauptstadt Europas.
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