Heidersberger fotografiert Wolfsburg!

ortsschild_wolfsburg.pngAm Freitag erhielt ich überraschend eine nette Einladung ins Kunstmuseum Wolfsburg zur Ausstellungseröffnung von Heinrich Heidersberger: Rückkehr zum Aufbruch. Heidersberger hatte in den Sechzigern im Auftrag der Stadt Wolfsburg die Entstehung und das Wachsen dieser jungen Stadt in einem berühmt gewordenen Bildband porträtiert. Dieses Fotobuch trug den Titel “Bilder einer jungen Stadt” und erschien 1963 zum 25. Stadtjubiläum Wolfsburgs. Klar, daß mich das interessierte! Das, was wir heute auf alten Fotos amüsant und vielleicht auch sonderbar finden, war für die Menschen in ihrer Zeit das Gewöhnliche und Alltägliche. Was werden wir in zwanzig, dreißig Jahren über die Fotos denken, die wir gerade jetzt machen?


heidersberger_2.jpg Kurz nach neunzehn Uhr war es bereits rappelvoll und laut und warm in der Eingangshalle des modernen Wolfsburger Kunstmuseums. Ganz Wolfsburg, so schien es, war auf den Beinen, um ihre eigene Stadt im Kunstmuseum bewundern zu dürfen. Wir postierten uns weiter hinten und hatten einen guten Blick auf die geschwungene Treppe an der großzügigen Glasfassade, die direkt zu den Ausstellungsräumen führte. Gegenüber, im ersten Stock, dängten sich die Leute auf der dortigen Treppe und der Brüstung, um auf die Eröffnungsredner zu warten.

heidersberger_12.jpg Es begann der Museumsdirektor zu sprechen, der auf halber Treppe an der Glasfassede ins Mikro sprach. Er freute sich, daß es erstmals ein Wolfsburger Künstler geschafft hatte, im Kunstmuseum ausgestellt zu werden. Heinrich Heidersberger ist allerdings kein gebürtiger Wolfsburger, sondern stammt aus Ingolstadt. Gebürtiger Wolfsburger konnte er auch gar nicht sein, denn er ist über dreißig Jahre älter geworden, als es Wolfsburg jetzt ist!

heidersberger_13.jpg Heidersberger starb 2006 hundertundeinjährig im Schloß Wolfsburg, während die Stadt selbst erst in diesem Jahr ihren siebzigsten Geburtstag feiert. Alle über siebzigjährigen Wolfsburger erhielten unter Vorlage ihres Personalausweises einen Ausstellungskatalog gratis. Tolle Idee!

heidersberger_9.jpgheidersberger_4.jpg Der Direktor bezeichnete Wolfsburg als eine Stadt, deren Blick stets in die Zukunft gerichtet ist, modern und im Wandel begriffen. Während andere Städte rückwärtsgewand erscheinen und sich lieber historisch kostümieren! Welche Stadt er damit wohl gemeint hatte?

In Braunschweig ist man eben immer noch dem legendären Heinrich dem Löwen dankbar, der auch heute so viel Strahlkraft für die Stadt hat. Schließlich hatten seine welfischen Nachfahren das neue alte Braunschweiger Residenzschloß erbauen lassen, in dem man heute so herrlich shoppen kann. Oder Bücher ausleihen. Aber zurück zum Thema.

heidersberger_11.jpg Danach sprach Benjamin Heidersberger, der älteste Sohn aus zweiter Ehe. Ziemlich verwirrende Familienverhältnisse, wie er selbst zugab. Er redete ein wenig über seine Erinnerungen an das Leben mit seinem Vater im ehrwürdigen Schloß Wolfsburg, nachdem die Stadt übrigens ihren Namen bekommen hatte. Sein Vater hielt stets ein erholsames Mittagsschläfchen, während direkt neben ihm das Radio lautstark plärrte. Nette Anekdote.

heidersberger_8.jpg Endlich ging es hinauf in die Ausstellung. Doch kurz bevor wir die Räume betreten durften, fragte mich das Museumspersonal, ob ich für die Presse arbeite. Bin ja eine ehrliche Haut, verneinte also. Demnach mußte ich meine Kamera leider einstecken. Vielleicht kann mir einer der werten Leser verraten, wie man an einen Presseausweis kommt? Wäre manchmal äußerst praktisch.

heidersberger_10.jpgheidersberger_7.jpg In der Ausstellung bewunderte ich dann die circa 170 und teils großformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die besonders die formalen Aspekte der 60er-Jahre-Architektur in den Vordergrund rückten. Aber Heidersberger interessierten auch die Menschen. Menschen in Großküchen für Schulen, Menschen beim Rodeln mit VW-Werk im Hintergrund, Menschen im jungen Rathaus. Oder Pferde auf der Weide, während im Hintergrund die Schornsteine rauchten. So kann man auf diesen Bildern auch wunderbar die Entwicklung des ländlichen Wolfsburg zu einer geplanten modernen Industriestadt nachvollziehen.

heidersberger_1.jpg In den anschließenden Räumen fanden sich noch architektonische Aufnahmen New Yorks, mit Lichtrastern “überstülpte” Aktfotographien und eher technische Fotoexperimente, seine Rhythmogramme. Heidersberger war nicht nur Photograph, sondern auch Erfinder. Ein Mann mit vielen Talenten.

heidersberger_6.jpgheidersberger_5.jpg Ausstellungen können manchmal auch anstrengend sein, deshalb gönnten wir uns hinterher noch ein kleines Bierchen im Wolfsburger Kneipenviertel, wo gerade heute eine neue Kneipe aufgemacht hatte und das Bier für einen Euro verschleuderte. Im Hintergrund liefen in maximaler Lautstärke so wunderschöne Titel wie “Ein Stern” oder “Hände zum Himmel”, deshalb brach ich bald auf und fotografierte auf dem Weg zum Bahnhof noch schnell das beleuchtete Phaeno, daß wie ein im Niemandsland gestrandetes UFO aussah. So flog ich dann zurück ins historisch kostümierte Braunschweig.

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