Naturlernpfad auf dem Benther Berg

ortsschild_ahlum.pngHeute mal zur Abwechslung ein Bericht über den Benther Berg unseres Hannoveraner Korrespondenten Lutz:

Am 25. Mai 2008 schnappte ich mir Freund Jan und seine Digicam und rauf ging es zum Benther Berg bei Hannover. Das Auto parkten wir am Waldesrand bei seltsamen Einfamilienhäusern mit ungepflegten Rasenflächen und schiefen Wegeplatten vor verwitterten Garagentoren. Schnell waren wir im Wald verschwunden, wo uns ein Gewirr von Buchen, Fichten und Bodengestrüpp erwartete und geduldig umfing.

Bild 01-P5250013b.jpg Die Buchen auf dem Benther Berg wirkten wie die langen Hälse von Brontosauriern, doch oben waren keine kauenden Köpfe zu sehen, sondern karge Wipfel, die sich um das Sonnenlicht streiteten. Nur die ständige Zugluft dort oben konnte sie auseinander halten. Urzeitliche Stimmung wollte nicht so richtig aufkommen, denn der Wald hier war durch die ernste Forstwirtschaft völlig brav geworden. Die machte es auch, dass die Buchenstämme - überlistet von Pflanzung und Einschlag - so kahl und gerade nach oben strebten. Nur die Äste ließen sich nicht auf die Interessen der Holzwirtschaft ein und krümmten sich frech und frei in alle Richtungen, als ob sie ihren eigenen Blättern hinterherjagten. Durch die Forstungen fehlte es leider an den hier seit Jahrtausenden üblichen Eichen, die noch in der Vorkriegszeit wegen der Eichelmast der Schweine nicht geschlagen werden durften.
Bild 02-P5250048b.jpg Gegen den Krieg der Menschen konnte der wilde Wald sich nicht wehren. Hiervon erzählte der “Naturlernpfad” allerdings gar nichts, der für die Wanderer angelegt worden war und ringförmig auf dem Berg herumführte. Besonnen verließen wir diesen gelehrsamen Pfad alsbald und widmeten uns den letzten Geheimnissen dieser Natur. Der Benther Berg wurde vor Jahrmillionen vom aufsteigenden Salzstock seitlich hochgerissen und umgeworfen.

Bild 03-P5250005s.jpgMit seiner Achse zeigte er etwa auf die Herrenhäuser Gärten in Hannover und sollte einst dort mit seinem Wasser per Rohranlage aushelfen. Daraus wurde jedoch nichts und einige Teichanlagen auf dem Wege dorthin dienten seither der Fischzucht. Die Firma Egestorff in Linden nutzte ihrerseits das Wasser vom Berge für den Salinenbetrieb, und die Arbeiterschaft holte sich so manchen Eimer davon in die Wohnungen.
Bild 04-P5250012a.jpgBild 05-P5250011a.jpg Für die Leute der Region war der Berg bis heute ein Reservat der Erholung und Entspannung. Eine Gaststätte mit Terassen wuchs und gedieh deswegen so vor sich hin, bis das Fernsehzeitalter etwa ab 1974 zu einem ruinösen Freizeitwandel führte. Diese legendäre Gaststätte haben wir in den zwei Stunden Bergwanderung nicht mehr gefunden. Stattdessen entdeckten wir bald die Reste jenes einst beliebten Aussichtsturms, der damals in 173 Metern Höhe über dem Meeresspiegel nochmals Höhe angeboten hatte und über das Umland blicken ließ. Der Gastwirt hatte das Gebilde zuerst aus Holz und nach Blitzschlag und Brand aus Stahl errichtet, bis dann die letzte Version aus militärischen Gründen während der letzten Kriegsjahre abgesägt wurde. Heute sieht man nur noch Sockel und Stahlstümpfe. Diese Artefakte waren uns ein Foto wert.
Bild 06-P5250022a.jpg Ganz in der Nähe erspähten wir dann in luftiger Höhe einen schönen queren Ast, der super als Aussichtsplatz für Eulen herhalten könnte. Und als wir ganz dicht vor einem seltsamen Baum mit zerfurchter Rinde standen, erkannten wir die erste Eiche auf unserer Exkursion. Und bald kamen die ersten Waldblumen hinzu, gelbe, rote und blaue Blüten.
Bild 07-P5250033a.jpgBild 08-P5250042a.jpgBild 09-P5250046a.jpg Vergeblich kramten wir in den Erinnerungen unserer verblichenen Jugend und Kindheit, aber die Namen für diese Blumen fielen uns nicht wieder ein. Die niedlichen gelben Blumen etwa, deren Blüten denen des Löwenzahns ähnelten, wuchsen nur unterhalb von Buchen. Große Schnaken oder Libellen gesellten sich dazu.
Bild 10-P5250001a.jpg Irgendwann haben wir dann einen riesigen Schwammpilz gefunden, der es sich blass gelblich und rötlich orange und groß wie ein Kohlkopf auf einem liegenden Baumstamm bequem gemacht hatte. Da konnte man schon mal das Zeitgefühl verlieren. Und als ich versonnen hinter einem Baum verschwand, störte ein strebsamer Mountainbiker die Ruhe der Weltgeschichte. Insgesamt kamen sieben davon auf fünf grüßende Fußgänger, mehr Leute haben wir an diesem Sonntag Nachmittag nicht getroffen.
Bild 11-P5250052a.jpg Irgendwann roch es ziemlich süßlich nach verschiedensten Honigsorten. Wir entdeckten eine Lichtung mit kleinen Bebauungen und schließlich ein Schild am Wegesrand, das von einem großen unterirdischen Wasserspeicher erzählte. Der Speicher ist groß wie eine Turnhalle und Teil eines Versorgungsnetzes bis nach Bremen hin. Als wir den Drahtmaschen der Umzäunung folgten, rannte dahinter ein kleiner schwarzer Hund auf uns zu und demonstrierte ernsthaft bellend, dass hier nicht nur süße Düfte wehten. Wir hörten sein nervendes Getue bis in fünfzig Meter Entfernung, als ihm eine Joggerin nochmals Anlass dazu gab.
Bild 12-P5250008a.jpgBild 05-P5250011a.jpg Der Bergwald war leider so dicht, dass man nirgends von den Wegen hinunter ins weite Umland schauen konnte. Zwei Stunden waren uns dann bald genug hier oben und wir kehrten nach einigen Schluck Ananassaft zum Auto zurück. Als wir dann den Badeborn suchten, eine von Bürgern mitgepflegte Teichanlage am nördlichen Ende des Berges, wo die Kröten überwintern, verirrten wir uns in verstörenden Neubaugebieten. Aus diesen Bebauungen schien der gleiche moderne Geist zu sprechen, der auch die brave Buchenforst des Bergwaldes auszeichnete: Irgendwie eine Plastikwelt, die jedwede Kriegserinnerungen der Region vergessen lassen könnte.
Das war uns dann doch kein Foto mehr wert. Die Stahlstümpfe oben auf dem Berg aber bleiben in gespenstischer Erinnerung.

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2 Kommentare für “Naturlernpfad auf dem Benther Berg”

  1. Die Geschichte mit dem Aussichtsturm ist so nicht ganz richtig:
    Er wurde weit nach dem Krieg demontiert, weil Einsturzgefahr bestand. Zuerst nur die unteren Stufen, was den Bengeln aus den umliegenden Orten natürlich KEIN Hindernis war;-)
    Gruß aus Lenthe. J.

  2. Zu den Blumenfotos:

    Die erste Pflanze ist wohl eine Primel (nicht hundertprozentig sicher)
    Die anderen beiden sind der stinkende Storchenschabel (hundertprozentig sicher.

    Liebe Grüße

    Mike

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