Kein Wunder von Braunschweig

ortsschild_bs.png2008 gab es kein deutsches Sommermärchen. Obwohl wir ja immerhin Vize-Europameister geworden sind. Ist ja auch schon mal was. Keine andere Nation ist in der Europameisterschaft so erfolgreich gewesen wie Deutschland. Aber irgendwie war die Stimmung der Fans während der gesamten Final-Übertragung auf den beiden Großleinwänden auf dem Braunschweiger Schloßplatz nicht so euphorisch, wie man es hätte erwarten können. Aber das lag wohl vor allem am ermüdenden Spiel der deutschen Mannschaft, die zu keiner Minute den Eindruck machte, als könnte sie etwas erreichen.


em_5.jpg Ich war ein wenig spät dran an dem sonnigen Sonntag-Abend, die Straßen waren schon ganz leergefegt. Auf dem Weg in die Innenstadt ging ich durch die Südstraße am Tandir vorbei, dem besten Döner-Laden in ganz Braunschweig. Aber das nur nebenbei. Es war das erste Mal in meinem Leben, das ich aus einem Döner-Laden heraus die deutsche Nationalhymne habe spielen hören! Das nennt man Völkerverständigung. Und es bedeutete auch, daß ich mich sputen mußte, um den Anpfiff des Spiels mitzubekommen. Auf dem Kohlmarkt dann saßen die Menschen vor den Cafés und verfolgten das gerade begonnene Spiel auf den Flachbildschirmen. So ging ich dann schnurstracks weiter auf den Schloßplatz zu, der wie zu erwarten rappelvoll war.

em_7.jpgem_6.jpg Die Finalübertragung auf dem Schloßplatz war übrigens eine Premiere. Die bisherigen Spiele und auch die von der WM 2006 wurden auf dem doch recht überschaubaren, wenn auch schönem Eiermarkt neben der Martinikirche und dem Altstadtmarkt ausgetragen. Bei einigen eher uninteressanten Spielen war auch dort gähnende Leere, doch bei Spielen der deutschen Mannschaft, mußten stets viele hundert Fans vor dem Einlaß stehen und auf die Leinwand in der Ferne starren. Die anschließende Brabandtstraße ist zudem viel zu klein für die vielen Fans. Während des Polen-Spiels stand ich genau dort neben zwei Polizeipferden, die plötzlich scheuten, als die Deutschen das erste Tor schossen und die Fans lautstark jubelten. Aber die gut trainierten Pferde wurden schnell wieder ruhig. Vor dem Polen-Spiel schien es so, als wollten sich einige sichtlich angetrunkene Polen gegenseitig verprügeln. Doch die Polizei schritt schnell ein, und alles war friedlich.

em_9.jpgem_15.jpgem_2.jpgem_14.jpg Doch zurück zum Finale und dem Schloßplatz. Nach dem mit seinen Konzerten auf dem Schloßplatz betonte die Stadt, daß derlei Veranstaltungen wie Teenie-Pop-Konzerte nicht auf dem Schloßplatz stattfinden sollten, der nur für kulturellen Highlights reserviert war. Wie zum Beispiel der Einmarsch der Schützen mit ihren Fackeln vor der prächtigen Fassade des Schlosses. Und natürlich ist auch Fußball ein kulturelles Großereignis in deutschen Landen, speziell sogar in Braunschweig, wo doch der Gymnasiallehrer Konrad Koch erstmals die bis heute gültigen Fußballregeln festschrieb. Also gehört so ein EM-Finale ganz selbstverständlich auf dem Schloßplatz ausgetragen.

em_8.jpgem_11.jpgem_10.jpg Der Schwarze Herzog jedoch, der als Reiterstatur auf dem Schloßplatz umringt von tausenden buntgeschminkten Fans zu Stein erstarrt stand, hätte keine große Freude an dem Spiel gehabt. Seine Soldaten, die Schwarze Schar, hatte damals den Schlachtruf: “Sieg oder Tod!” Das nenne ich mal eine richtige Einstellung. Die deutschen Nationalspieler habe sich vor dem Spiel wahrscheinlich nur gesagt: “Schaun wa mal.” Und so sah das Spiel dann auch aus. Ein einzelner halbwegs strammer Schuß von Ballack konnte die spielstarken Spanier aber kaum aus der Fassung bringen, die im Gegenzug die deutsche Abwehr wieder und wieder überrannten.

em_13.jpgem_12.jpgDie Fans haben von Anfang an gespürt, daß in diesem Spiel so überhaupt nichts laufen wird. So konnte auch keine richtige Stimmung aufkommen, es war doch alles sehr gedämpft. Man mußte sich aber auch keine Sorgen machen, daß irgend etwas passiert, alles war ruhig. Bunt waren sie ja, und lustig knallig schwarz-rot-gold kostümiert, nur jubeln wollten sie nicht. Gab auch keinen Grund dazu.

em_4.jpgem_1.jpgDer gesamte Schloßplatz war bis zu den Straßenbahnschienen abgesperrt, das sogenannte Public Viewing. Wo nur reinkam, der sich überprüfen ließ und keineigenes Bier mitbrachte. So ist das nunmal heute. Ich selbst kam nicht mehr herein, weil es den Security-Leuten wohl schon zu voll war, obwohl ich noch Platz für ein paar weitere hundert Fans vermutete. Dafür war der Bereich hinter der Absperrung, also die Bohlweg-Bummel-Meile bis zum Bersten gefüllt. Die Leute saßen auch hier in den Cafés und schauten sich das Spiel auf den zahlreich vorhandenen Bildschirmen an, während die meisten das Spiel von hier aus auf den beiden Leinwänden links und rechts vom Schloßportikus verfolgten. Auch hier hatte man eine ganz gute Sicht.

em_3.jpgNachdem frühen 1:0 der Spanier war die Stimmung also ruiniert. Es gab auch keine spannende Schlußphase, kein letztes Aufbäumen der Mannschaft. Das Spiel war halt von vornherein entschieden. Nach dem Schlußpfiff gab es auch kaum nennenswerte Reaktionen der Fans, einige wenige hockten zerstört auf dem Boden und legten sich ihre Fahne über den Kopf. Doch die meisten gingen friedlich und entspannt nach Hause. Auf den Straßen fuhren die ersten hupenden und fahneschwenkenden Autokorsos. Klar, ein Vizeeuropameister-Titel ist schon ein Grund zu feiern. Muß man aber nicht.

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3 Kommentare für “Kein Wunder von Braunschweig”

  1. Ehrlich gesagt habe ich von Anfang an nicht wirklich auf die Deutschen gesetzt. Ich dachte eigentlich, dass Holland sich den Pott holt, da diese Mannschaft meist die konstanteste Leistung gezeigt hat. Aber das die dann auch “so zeitig” ausgeschieden sind, hätte ich nicht gedacht.

    Das Problem bei der deutschen Nationalelf ist eben, dass sie einige Spiele Top spielen, und im nächsten Spiel wird ein totaler Shicedreck zusammengespielt, wie es eben im Finalspiel gezeigt wurde…

    Bernd

  2. Tja wer nicht mit der Zeit geht muss mit der Zeit gehen, es ist doch kein Wunder, dass Deutschland nicht weit kam, der Trainer war einfach nicht optimal für die Mannschaft, die brauchten jemand mit viel Erfahrung. Auch bei Holland war es nicht viel anders.

  3. Ja, der Trainer hat damals einfach nicht zum Team gepasst, die Harmonie muss stimmen, Löw ist da ein gutes Beispiel wie eine Mannschaft auf Fordermann gebracht werden kann. Deutschland sollte vielleicht noch ein bisschen an der Schnelligkeit arbeiten, gegen Spanien haben die wie Schnecken gespielt.

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