Gerd Biegel zeigt sein Museum - und ein Unfall passiert

ortsschild_landesmuseum.pngAm Sonntag, den 20. Juli, nahm ich an einer Museumsführung der ganz besonderen Art Teil. Der honorige Prof. Dr. h.c. Gerd Biegel, seines Zeichens Direktor des Braunschweiger Landesmuseums, ließ es sich nicht nehmen, für die geringe Gebühr von einem Euro an Braunschweigs Geschichte Interessierte durch sein Museum zu führen, seine liebsten Schätze zu zeigen und Räume zu öffnen, die dem Besucher für gewöhnlich verschlossen bleiben. An diesem “Museums-Sonntag” hatte ich vorher den mittelalterlichen Markt auf dem Burgplatz besucht, machte dann aber einen kleinen Abstecher ins Landesmuseum.


Zeitschien_5.jpg Trotz Mittelaltermarkt und sonnigen Temperaturen nahmen insgesamt 200 Besucher an den drei Führungen von Gerd Biegel teil. Nebenstehendes Bild zeigt Herrn Biegel übrigens bei der Eröffnung der Braunschweiger Zeitschiene. Wer Herrn Biegel kennt, weiß um seine eindrucksvolle und extravagante Erscheinung, sein charismatisches Auftreten und seine klangvolle, laute Stimme, seinen launigen Humor. Dies sollte alles andere als ein langweiliger Museumsbesuch werden. Zur nachmittäglichen Führung waren ungefähr achtzig Personen erschienen, größtenteil vom älteren Semester, nur einige wenige Kinder. Da habe selbst ich mich wieder jung gefühlt. Herr Biegel wies zu Beginn seiner Einführung darauf hin, daß während der etwa anderthalbstündigen Führung eine Vielzahl von Treppen zu überwinden seien, Wege, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind und deshalb durchaus beschwerlich sein können. Wie es sich auch zeigen sollte.

Als erstes führte Gerd Biegel seine Besucher in die Metallrestauration. Wir versammelten uns in einem kleinen Raum, einige Besucher mußten den Worten des Direktors aus der Tür heraus lauschen. Der Raum beinhaltete einige Werktische, und in der Mitte stand ein Tisch mit riesigem Mikroskop. Auf Regalen stapelten sich etliche Büsten und andere Restaurationsstücke. So begann unsere Entdeckungsreise nach dem Motto: “Sammeln, Bewahren, Erforschen und Vermitteln”. Der Direktor nahm exemplarisch eine alte Pistole in die Hand und erklärte die vielfältigen Aufgaben eines Restaurators, der eine langjährige Ausbildung in Kauf nehmen und eine sehr idealistische Einstellung zu seinem Beruf haben muß, um irgendwann zu einem Spezialisten zu werden. Die kleinen Kellerfenster, die auf den Burgplatz zeigen, werden absichtlich nicht verdeckt, damit die Menschen einen kleinen Einblick in die Arbeit eines Restaurators bekommen können. Und Uhu ist übrigens das beste Mittel, um z. B. zerbrochene Teller wieder zu kitten.

Daraufhin ging es in die Dauerausstellung im Vieweg-Haus, welche die Geschichte vom 8. Jahrhundert bis hin zur Gegenwart widerspiegelt. Das Braunschweigische Landesmuseum umfaßt vier Häuser, das älteste jüdische Museum der Welt hinter Ägidien, eine Dauerausstellung zur Ur- und Frühgeschichte in Wolfenbüttel, das Bauernhaus-Museum in Bortfeld und natürlich das Vieweg-Haus am Burgplatz. Das BLM wurde am 1891 als „Vaterländisches Museum für Braunschweigische Landesgeschichte“ gegründet und befand sich damals in der Straße Hagenscharrn. Grundstock bildete eine umfangreiche Sammlung von Ausstellungsstücken, die anlässlich einer Erinnerungsausstellung an den „Schwarzen Herzog“, Friedrich Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg, im Jahr 1890 zusammengetragen worden waren. Seit 1986 befindet sich das BLM nun im Vieweg-Haus und wird seitdem von Herrn Biegel geleitet.


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Dann versammelten uns vor einer großen Glasvitrine, in der die dunkle Uniform des berühmten Schwarzen Herzogs, einem der größten Braunschweiger Persönlichkeiten, ausgestellt wurde. Als die Uniform für die Neueröffnung 1986 restauriert wurde, bereiteten die Löcher in der Uniform dem Direktor Kopfzerbrechen. Man dachte an Mottenfraß. Deshalb wurde der Orden ein wenig nach unten positioniert, um das Loch zu bedecken. Erst später wurde ihm klar, daß es sich bei den Löchern um die Einschußlöcher der Patronen handelt, die dem Schwarzen Herzog auf dem Schlachtfeld bei Quatre-Bras in Belgien am 16. Juni 1815 tödlich verwundeten. Gerd Biegel betonte, daß er diese besonderen Ausstellungsstücke Braunschweigischer Geschichte nie wieder erklären werde, wenn sie denn eines Tages nach Hannover wandern sollten, und spielte dabei auf den schwelenden Museumsstreit zwischen Braunschweig und Hannover an. Niedersachsens Minister für Wissenschaft und Kultur, Lutz Stratmann, will das Braunschweigische Landesmuseum einem neu zu gründenden Institut für Archäologie und Baudenkmalpflege unterstellen. Dabei soll das Braunschweigische Landesmuseum einen Schwerpunkt Archäologie erhalten. Der Präsident des neuen Instituts wird damit gegenüber dem Landesmuseumsdirektor Gerd Biegel weisungsbefugt. Bisher war Herr Biegel direkt dem Minister unterstellt. Doch Gerd Biegel gab sich gelassen und nahm es mit Humor.

mittelaltermarkt_18.jpgAnschließend präsentierte er noch stolz die einzige Wachsmaske Friedrichs des Großen, nach der vor Jahren Berlin die Finger ausgestreckt hat. Doch so schnell läßt sich Gerd Biegel seine besten Stücke nicht unter der Nase wegschnappen. Nun ging es mehrere Treppen hinauf ins vollklimatisierte Magazin. Und da passierte es. Eine ältere Dame bekam auf halbem Wege einen Schächeanfall und stürzte. Der aufgeregte Herr Biegel kümmerte sich sogleich um die Dame, besorgte ihr ein Glas Wasser und wollte einen Notarzt rufen. Wir Besucher warteten derweil in dem langgestreckten Magazin mit seinen tresorhaften Regalen. Zuerst wollte der Direktor die Führung abbrechen und zu einem späteren Termin nachholen, doch nach einer Weile erholte sich die Dame, und die Führung ging weiter. So zeigte Gerd Biegel einige Gegenstände aus dem Nachlaß von Victoria Luise, der letzten Braunschweigischen Herzogin, die ihre letzten Lebensjahre in Riddagshausen verbrachte. Da war zum Beispiel eine Glückwunschkarte aus Hannover zur Vermählung im Jahre 1913 mit Prinz Ernst August III. von Hannover. In diesem Fall hatte Gerd Biegel gegen Post aus Hannover nichts einzuwenden.

Nun ging es noch kurz in die Bibliothek und dann wieder ganz nach unten in den Hörsaal, wo der Direktor noch an das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 erinnerte. Er erhielt Nachricht, daß die ältere Dame die Besucher grüßen und sich für die Verzögerung entschuldigen möchte. Es ginge ihr wieder besser und sei schon wieder ganz gut zu Fuß, jetzt auf dem Wege nach Hause. Die wenigen anwesenden Jugendlichen bat der Direktor im Anschluß an die Kasse in der Eingangshalle, wo er sie mit Bastelbögen oder Ähnlichem beschenkte. Das konnte ich aus der Entfernung nicht genau erkennen. Jedenfalls hat Herr Biegel vollen Einsatz gezeigt, um die Braunschweiger Bürger für sein Museum und ihre Geschichte zu interessieren und hatte damit vollen Erfolg.

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